Nationalpark Harz – die dunkle Vergangenheit

Dunkle Vergangenheit Teil 2 – Widerstand gegen die Naturdynamikzone

Die Überschrift über dem Text auf der linken Seite des Informationsschildes lautet:

„Die Natur mal machen lassen – und den Wandel zur Wildnis miterleben!“

Es ist nicht so, dass die Nationalparkverwaltung lügt. Das behaupte ich nicht. Es ist nur so, dass man sehr genau lesen muss. Schon das Motto „Die Natur mal machen lassen!“ kann sehr unterschiedlich gemeint sein. Da steht das kleine Wörtchen „mal“.  Bedeutet das vielleicht „einmal“? Im Sinne von „ein Mal“ bzw. „ein einziges Mal“? Bedeutet das vielleicht „ausnahmsweise“? Die Natur „ausnahmsweise“ ein Mal machen lassen? Ist es also die Ausnahme, wenn die Verwaltung die Natur „mal“ machen lässt, und nicht die Regel? In der Regel lassen wir die Natur nicht machen, was sie will? Ist es vielleicht so gemeint?

Der Text unter der Überschrift fängt an wie folgt:

„’Natur Natur sein lassen‘ – was weltweit für alle Nationalparke als Leitidee gilt, ist mit der Gründung des Nationalparks Harz auch hier für weite Waldgebiete zur Maxime geworden. Seither führt die Natur selbst Regie – und hat die ehemaligen Wirtschaftswälder zu ihrer einzigartigen Baustelle gemacht.“

Wenn die Nationalparkverwaltung von „weiten Waldgebieten“ spricht, in denen die Natur Natur sein darf, dann meint sie damit die sog. Naturdynamikzone.1siehe Die Gebietsgliederung des Nationalparks Harz Als 1990 der sachsen-anhaltinische Teil des Parks gegründet wurde, betrug deren Fläche nicht einmal ein Viertel der Fläche: nur 22 %.

Uwe Wegener: Landschaftsgliederung und Waldtypen im NP Harz (Sachsen-Anhalt), in: Nationalpark Harz (Hg.), Walddynamik und Waldumbau in den Entwicklungszonen von Nationalparks, Wernigerode 2007, S. 13

Im 1994 gegründeten niedersächsischen Teil war die Naturdynamikzone im Gründungsjahr zwar ein kleines bisschen größer, aber sie umfasste auch dort nicht einmal ein Drittel der Fläche, sondern nur 32 %.2siehe Nationalparkplan 2011, S.50 Und noch 2006, als man beide Teile vereinigte, machte die Naturdynamikzone nur 41 % aus, also deutlich weniger als die Hälfte des Parks.3siehe auch Waldentwicklung als Maßnahme zur Arbeitsbeschaffung – Entwicklungszone Da bestand der östliche Teil schon 16 Jahre, der westliche schon 12 Jahre.

Die Verwaltung möchte das Wachstum der Naturdynamikzone von 2006 bis 2021 als Erfolgsgeschichte verkaufen: von 41 auf 70,1 %. Dass sie dabei nur einer rechtlichen Verpflichtung nachkommt, möchte sie am liebsten verschweigen. Und so steht auch nur im Kleingedruckten:

„Die internationalen Naturschutzregeln legen fest, dass Entwicklungsnationalparke wie der Nationalpark Harz nach ca. 30 Jahren auf mindestens 75 % der Fläche die natürliche Entwicklung der Ökosysteme gewährleisten sollen. Dieses Ziel wird 2022 erreicht sein.“4siehe Die Gebietsgliederung des Nationalparks Harz

Es ist nicht erreicht worden: Der Tätigkeitsbericht 20225Die Tätigkeitsberichte für 2023 und 2024 sind beide zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels im Mai 2025 noch nicht erschienen. spricht immer noch von nur 70,1 %. Es fehlen rd. 5 %. Bei einer Gesamtfläche des Parks von 24.732 ha6Steckbrief mit Kurzinformationen über den Nationalpark Harz sind das 1.237 ha oder rd. 12 qkm. Das ist keine Kleinigkeit.

Und wieder muss man sehr genau lesen: Die Verwaltung hat das kleine Wörtchen „ca.“ in den Text eingefügt. Andere Nationalparke sind da offenbar anderer Meinung und schreiben „maximal“ oder „spätestens“.7siehe z. B. Nationalpark Schwarzwald oder Nationalpark Eifel oder auch Wikipedia – Entwicklungsnationalpark Europarc Deutschland stellt 2008 in der Schrift Qualitätskriterien und -standards für deutsche Nationalparke unmissverständlich fest:

„Grundsätzlich ist dies nach einer Frist von längstens 30 Jahren nach Erklärung eines Gebietes zum Nationalpark auf mindestens 75 % der Nationalparkfläche sicher gestellt.“8Hervorhebung von mir

Übrigens sah noch 2011 die Verwaltung das ganz genauso:

„Bis zum Jahr 2022 sollen mindestens 75 % der Fläche des
Nationalparks der Naturdynamik unterliegen (vgl. § 3 Nr. 1 der Nationalparkgesetze).“9Nationalparkplan 2011, S. 76

Und noch ein kleines Wörtchen gilt es zu beachten: das Wörtchen „mindestens“. Die Verwaltung scheint es zu überlesen. Ihr Ziel sind 75 %. Mehr nicht. Selbstverständlich ist das nicht: Im Nationalpark Hainich sind 94 %, im Nationalpark Kellerwald-Edersee 88 % Naturdynamikzone.10Bundesamt für Naturschutz – Nationalparke

Und das bedeutet, dass 25 % des Parks nicht zur Naturdynamikzone werden. Niemals. Ein Viertel des Parks. 6.183 ha. 62 qkm.11Zum Vergleich: Der Nationalpark Jasmund ist halb so groß – 3.070 ha. Natur Natur sein lassen? Dort nicht.

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