Themeninsel am Neuen Goetheweg
Die erste Themeninsel, um die es gehen soll, informiert über den Brockenurwald.1siehe auch das Foto auf der Homepage des NLPs Die drei Informationsschilder stehen am Rastplatz Brockenspitze. Dort mündet der Neue Goetheweg in die Brockenstraße und die Brockenbahn kreuzt die Straße.
Ich habe nicht gezählt, wie viele Wanderer hier eine Pause machen und sich die Informationen durchlesen. Die meisten werden hier vermutlich keine Rast machen, denn schließlich sind es nicht einmal mehr 1,5 km zum Brocken. Vielleicht aber irre ich mich, und es war das Ziel der Nationalparkverwaltung, mit den Schildern möglichst viele Menschen zu erreichen. Denn schließlich kommen alle Wanderer hier vorbei, die vom Torfhaus und auch von Schierke aus zum Brocken gehen.
Auf dem linken und mittleren Schild spielt der Klimawandel keine Rolle. Aber auf dem rechten Schild lesen wir Folgendes:
„Zukunft mit Fragezeichen
Unter normalen Umständen erweisen sich Waldareale wie der Brockenurwald über lange Zeiträume als stabil. Sie verändern sich nur langsam, über mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte.
Doch die immer schneller voranschreitenden Klimaveränderungen bleiben auch hier nicht wirkungslos. Wie reagiert der uralte Bergfichtenwald auf die Erwärmung und die Folgen?“
Dies ist kein nüchterner Text, der neutral informiert. Meiner Meinung nach wird hier Angst geschürt: Da ist auf der einen Seite der „uralte Brockenurwald“, der angeblich seit Jahrhunderten „stabil“ ist und sich „nur langsam“ verändert. Und auf der anderen Seite ist da das sich angeblich „immer schneller“ verändernde Klima. Eine Erwärmung, die selbstverständlich nicht „wirkungslos“ bleiben kann. Problematisch ist in meinen Augen, dass dem Leser nahegelegt wird, dass die Wirkungen selbstverständlich negativ sein werden. Der Text informiert auch nicht; er setzt voraus. Keine Zahlen. Keine Diagramme. Keine Tabellen. Ein dickes fettes rotes „Fragezeichen“ steht nur hinter der Zukunft des Brockenurwalds, nicht aber hinter dem Klimawandel. Der schreitet voran. „Immer schneller“. Es steht nicht auf der Tafel, aber sicherlich würde der Autor auch behaupten, dass der Klimawandel zu 100 % menschengemacht ist und 99 % der Wissenschaftler sich darüber einig sind. Eine Erwärmung zur Römerzeit und im Mittelalter hat es nie gegeben oder ist wissenschaftlich umstritten oder spielt keine Rolle. Punkt. Aus. Ende der Diskussion. Wer anderes behauptet, ist Verschwörungstheoretiker und/oder Nazi.
Klimawandel seit Ende der letzten Eiszeit2siehe Prof. Dr. Stefan Homburg
Doch auf der Tafel stehen auch andere Texte. Texte, die anders sind und nicht so richtig zueinander passen wollen. Mir drängt sich der Eindruck auf, als hätten mehrere Autoren an den Texten gearbeitet und als hätten sie sich nicht untereinander abgesprochen. Ein Drittel der Tafel informiert z. B. über das „Netzwerk Wildnis“:
„Netzwerk Wildnis
Die Lebensgemeinschaft aus Pflanzen und Tieren, die sich im Brockenurwald seit dem Ende der letzten Eiszeit vor über 11.000 Jahren entwickelt hat, bildet ein empfindliches Netzwerk. Durch seine Höhe und besondere Lage als Bollwerk gegen die Wetteranstürme der norddeutschen Tiefebene bietet der Brocken in Gipfelnähe Lebensbedingungen, die in Nord- und Mitteldeutschland einzigartig sind. So finden wir hier Arten, die auf niedere Temperaturen und die hohe Feuchtigkeit angewiesen sind. Für einige von ihnen ist der Brocken eine der letzten Überlebensinseln. Untereinander sind die Brockenbewohner eng verflochten – nicht nur in den Nahrungsketten des Bergfichtenwaldes. Störungen des „eingespielten“ Gleichgewichts bleiben nicht ohne Folgen: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Nationalparks Harz verzeichnen bereits spürbare Auswirkungen des Klimawandels, der zu höheren Temperaturen führt. Arten aus tieferen Harzlagen dringen vor und gleichzeitig drohen bisherige Bewohner des Brockenurwalds zu verschwinden.“
Fast möchte man mit den Schultern zucken: Na und? Was ist denn da schlimmes dran? Die einen Arten dringen vor, die anderen verschwinden. Und? Man möchte auch fragen: Stimmt das eigentlich, dass die Lebensgemeinschaft aus Pflanzen und Tieren sich seit 11.000 Jahren nicht verändert hat? Wirklich? Man muss den Text nur ernst nehmen und ganz genau lesen: Die Lebensbedingungen am Brocken mögen „in Nord- und Mitteldeutschland einzigartig“ sein. Aber doch nicht in ganz Deutschland und schon gar nicht in ganz Europa! Und selbst wenn einige Arten hier ihre „Überlebensinseln“ verlieren würden, so würden sie sie eben nur hier am Brocken verlieren. Dafür würden andere Arten hier neue Überlebensinseln finden. Wo ist das Problem? Wie viele Brockenbewohner sterben eigentlich genau aus, weil die Temperaturen neuerdings nicht „niedrig“ genug sind und die Feuchtigkeit nicht „hoch“ genug ist? Und das soll seit 11.000 Jahren zum ersten Mal vorkommen? Ernsthaft? Und selbst wenn das so wäre, was war eigentlich in der letzten Eiszeit?
Aber schauen wir uns einmal das „Netzwerk Wildnis“ an, das auf dem Schild selbst abgebildet ist. D. h. ein Netzwerk ist es gar nicht, sondern ein Kreis. Aber wir wollen nicht kleinlich sein. Wichtiger ist, ob der Autor schlüssig nachweisen kann, ob und wie die sechs abgebildeten Lebewesen vom Klimawandel beeinflusst werden.
1. Sprossender Bärlapp
„Der Sprossende Bärlapp – auch Wald- oder Schlangenbärlapp genannt – galt früher als Hexen- und Zauberkraut. Dieses sollte beispielsweise vor bösen Hexen schützen oder bei Gerichtsprozessen helfen. Die Pflanze wurde auch als Heilkraut eingesetzt. Sprossender Bärlapp wächst bevorzugt auf feuchten und sauren Standorten. Im moorigen Brockenurwald findet er ideale Bedingungen.“
Das mit den Hexen ist ja sicherlich wahnsinnig interessant. Aber für die Botschaft der Infotafel wäre es viel wichtiger zu beweisen, dass der Bärlapp im Brockenurwald eine Überlebensinsel hat, die vom Klimawandel bedroht ist. Und genau das ist Unsinn:
„Der Sprossende Bärlapp besitzt die weiteste Verbreitung aller Bärlappgewächse mit circumpolaren Vorkommen auf der Nord- und Südhalbkugel.“3siehe Wikipedia – Sprossender Bärlapp
Er wächst praktisch überall.
2. Rotrandiger Schild-Jagdkäfer
„Der bis etwa 10 Millimeter messende Rotrandige Schild-Jagdkäfer benötigt strukturreiches und verpilztes Nadelholz in besonnter Lage als Lebensraum. Er lebt versteckt unter trockener Borke sowie in Spalten und Rissen wie sie sich in absterbenden Althölzern und im Totholz finden. Als Nahrung dient das von Pilzen teilzersetzte Holz und auch die Fruchtkörper einiger Pilzarten.“
Schon bei flüchtigem Lesen dürfte auffallen, dass dieser Käfer sicherlich nicht zu den Arten zählt, die vom Klimawandel ausgerottet werden. Eher im Gegenteil: Es gibt mehr Totholz, mehr „besonnte“ Lagen“ und mehr „trockene Borke“. Er steht nicht einmal auf der Roten Liste wie so viele andere Totholzkäfer:
„Die Art ist in Europa weit verbreitet und ihr Verbreitungsgebiet in Ausdehnung begriffen.“4siehe Wikipedia – Rotrandiger Bartläufer
Fast könnte man auf die Idee kommen, dass die Autoren des Informationsschildes schlampig und unmotiviert gearbeitet haben. Wer die Folgen des Klimawandels veranschaulichen will, darf nicht den Rotrandigen Schild-Jagdkäfer als Beispiel nehmen. Auch das nächste Lebewesen hat nichts mit dem Klimawandel zu tun.
3. Brauner Moosbart
„Wenn der Baum „Bart“ trägt, steckt oft der Braune Moosbart dahinter. Die auffällige Flechte wächst bevorzugt auf alten Fichten und ist am Brocken häufig zu entdecken. Interessant ist, dass ihr Vorkommen und die Größe ein Anzeiger für die Luftreinheit ist. So kann sie in sauberer Luft bis zu 15 cm lang werden – in belasteten Arealen dagegen oft nur 3 cm.“
Wissenschaftliche Untersuchungen über die Länge von Bryoria fuscescens in der Nähe der Brockenbahn stehen aus.
4. Fichtenkreuzschnabel
„Mit metallisch klingenden „Glipp-Glipp“-Rufen macht der Fichtenkreuzschnabel auf sich aufmerksam. Neben dem ziegelroten Federkleid des Männchens fällt vor allem der Schnabel auf, dem er seinen Namen verdankt: ein perfektes Werkzeug, um an den nahrhaften Samen in den Fichtenzapfen heranzukommen. Oft lässt er sich bei seiner „Arbeit“ gut beobachten.“
Vermutlich wird keiner der „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Nationalparks Harz“ behaupten, dass der Fichtenkreuzschnabel von den angeblich „bereits spürbaren Auswirkungen des Klimawandels“ betroffen ist:
„Der große weltweite Bestand umfasst etwa 30.000.000 bis 100.000.000 Individuen. Da die Population sehr groß ist und ein stabiler Trend vorliegt, wird die Art als nicht gefährdet (LC) eingestuft.“5siehe Wikipedia – Fichtenkreuzschnabel
Im Übrigen braucht es auch keine besonders ausgebildeten und hoch qualifizierten Experten, um solche Texte des Informationsschildes zu verfassen: Eine Google-Recherche reicht völlig aus.
5. Mopsfledermaus
„Die bis 5,8 cm große Mopsfledermaus finden im Nationalpark Harz mit der Rückkehr der Wildnis zunehmend wichtigen Überlebensraum. Sie bezieht in Baumspalten und unter abgelöster Baumrinde Quartier. Nachts jagt sie an den Rändern von Lichtungen und Mooren nach Insekten. Dabei erreicht sie beachtliche Geschwindigkeiten von bis zu 36 km/h. Die Art gilt als bedroht.“
Zwar ist richtig, dass die Art bedroht ist. Was der Text aber verschweigt, das sind die Ursachen der Bedrohung. Es ist nicht der Klimawandel, der schuld ist, sondern intensiv bewirtschaftete, totholzarme Forste und Insektizide.6siehe Wikipedia – Mopsfledermaus Obwohl der Text anderes nahelegt, braucht die Mopsfledermaus auch keine Fichten als „Überlebensraum“:
„Am häufigsten nutzt die Fledermausart Quartiere in alten und totholzreichen Eichen- und Buchenwäldern.“
Nach totholzreichen Eichenwäldern kann sie im Nationalpark Harz lange suchen.
6. Rotrandiger Baumschwamm
„Der hohe Anteil an Alt- und Totholz bietet Lebensraum für viele Baumpilzarten. Häufig zu sehen ist der Rotrandige Baumschwamm – auch Fichtenporling genannt. Die Bezeichungn „rotrandig“ ist bisweilen irreführend, denn der Pilz bildet auch abweichende Randfarben aus. Die Art ist weit verbreitet. Im Brockenurwald finden sich aber auch viele seltene und bedrohte Pilzarten.“
Selbstverständlich finden sich im Brockenurwald „viele seltene und bedrohte Pilzarten“. Ein Zyniker würde vielleicht anmerken, dass in einem Nationalpark immer alles „selten und bedroht“ ist. Denn wäre es anders, bräuchte man ja keinen Nationalpark. Und so sind die „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Nationalpark“ ständig auf der Suche nach „seltenen und bedrohten“ Lebewesen. Wenn sie keine finden würden, müssten sie vielleicht um ihren Arbeitsplatz bangen. Ein hochrangiger Nationalparkfunktionär hat mir einmal gesagt, der Grund für die vielen „seltenen und bedrohten“ Lebewesen in Nationalparks sei, dass die Nationalparks so gut untersucht seien. Nun – ich bin kein Zyniker und und auch kein Verschwörungstheoretiker. Was mich aber skeptisch macht, ist, dass keine einzige der „seltenen und bedrohten Pilzarten“ auf dem Informationsschild erwähnt, geschweige denn mit Foto abgebildet wird. Stattdessen wird ausgerechnet eine Allerweltsart vorgestellt, die nun wirklich „weit verbreitet“ ist. Und die ganz bestimmt auch nicht vom Klimawandel bedroht ist.
Eine letzte kritische Anmerkung sei gestattet: Begreifen Sie etwa, warum die sechs Lebewesen in einem Kreis abgebildet sind? Was hat bspw. der Baumschwamm mit dem Bärlapp zu tun? Oder der Fichtenkreuzschnabel mit dem Moosbart? Das soll ein „Netzwerk“ sein? Sie sollen „eng verflochten“ sein? Mir drängt sich der Eindruck auf, das Ganze sei lieblos und ideenlos zusammengeschustert. Und mit dem Klimawandel hat das Ganze schon rein gar nichts zu tun. Oder will man ernsthaft behaupten, der Fichtenkreuzschnabel habe im Brockenurwald seine letzte „Überlebensinsel“?
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