Der Klimawandel und die Informationsschilder im Nationalpark Harz

Themeninsel an der Brockenstraße

Die zweite Themeninsel, die ich analysieren möchte, dreht sich um die Frage: „Wurden die jungen Bäume angepflanzt?“ Die drei Infotafeln stehen zwischen dem Urwaldstieg im Osten und dem Eckerlochstieg im Westen. So viele Wanderer kommen hier nicht vorbei – die Masse der Wanderer geht den Eckerlochstieg oder den Neuen Goetheweg und die Rennrad- und Mountainbikefahrer werden wohl kaum anhalten und sich mit der Frage der Naturverjüngung im Bergfichtenwald beschäftigen wollen: 

Auf der rechten und mittleren Infotafel spielt der Klimawandel überhaupt keine Rolle. Er wird mit keinem Wort erwähnt. Das ist alles andere als selbstverständlich, denn es geht um abgestorbene Fichtenwälder und für gewöhnlich macht die Nationalparkverwaltung dafür immer den Klimawandel verantwortlich. Hier nicht. Das folgende Foto ist keine Fotomontage:

Fast möchte man seinen Augen nicht trauen, wenn man den folgenden Text liest:

„Wie Phoenix aus der Asche … 

Die Anblicke weitflächig abgestorbener Fichtenwälder stimmen Waldfreundinnen und -freunde besorgt. Doch diese Bilder sind nicht von Dauer und wandeln sich bald in grüne, vitale Szenerien – so wie hier. Die Natur zeigt uns vielerorts im Nationalpark Harz wie sie mit den „Ruinen“ der ehemaligen Wirtschaftswälder umgeht: Wald-Neustart. Aus Forsten wird Wildnis. Wie das aussieht, können Sie hier live erleben.“

Das steht so wortwörtlich auf einer Infotafel im Nationalpark Harz. Und das in einer Zeit, in der die Medien einen Bericht nach dem anderen über das Waldsterben veröffentlichen und die Tagesschau die Zuschauer verängstigt mit Überschriften wie „Noch nie sind so viele Bäume abgestorben“ – noch dazu mit einem Foto der Brockenbahn inmitten abgestorbener Fichtenwälder im Nationalpark!1Es ist nicht die erste kollektive Hysterie, dass der Wald stirbt und das Ende nahe sei. Schon 1983 – also vor 40 Jahren – konnte man im Bayerischen Wald den Eindruck gewinnen, die Leute seien verrückt geworden: Das Fichtensterben am Lusen. Der Autor des Textes der Infotafel wirkt dagegen ganz entspannt: „Doch diese Bilder sind nicht von Dauer … grüne, vitale Szenerien … Wald-Neustart … Phoenix aus der Asche …“ Man stelle sich vor, eine Alice Weidel würde so etwas im Sommerinterview der ARD sagen! Ein Skandal! Sie leugnet Waldsterben und Klimawandel!

Und es kommt noch schlimmer! In der Mitte und auf der rechten Seite der Infotafel  untermauert der Autor des Textes seine Meinung mit einer Fülle von Zahlen und Informationen: Totholz – „eine wertvolle Ressource für vorbildliches Recycling“, Verjüngung –  „dynamisch … junge Bäume nutzen ihre Chance“ , Artenvielfalt – „wächst“. Sagen Sie das mal Ihrem Förster! Der hält Sie für bescheuert.

Nur ein einziges Mal wird auf den drei Infotafeln der Klimawandel erwähnt. Oben rechts auf der Tafel ganz links:

Was passiert hier?

Massenweise Besiedlung durch Borkenkäfer hat hier vor Jahren die Fichten des ehemaligen Wirtschaftswaldes zum Absterben gebracht. Schon wenig später begann zwischen toten Baumgruppen der einstigen Monokultur die neue Waldgeneration zu wachsen, diesmal frei nach den Regeln der Natur.
Denn im Nationalpark Harz ist die Rückkehr der Wildnis oberstes Ziel: Natur Natur sein lassen. Sie schten hier vor der ersten Waldgeneration, die sich nach Jahrhunderten intensiver wirtschaftlicher Nutzung wieder ganz natürlich entwickeln kann – ohne unser Eingreifen. Wir dürfen gespannt sein, sie diese Entwicklung weitergehen wird! Der Klimawandel mit höheren Temperaturen und veränderten Niederschlagsmengen gestaltet auch für den Wald die Bedingungen neu. Wie wird die Natur reagieren? 

Der Text darunter beantwortet diese Frage: Die Natur reagiert, indem sich wilde Fichtenwälder neu entwickeln.

„Fichtenwald-Neubau auf der ‚Baustelle Natur‘:

Im Nationalpark Harz soll die ursprüngliche Baumartenverteilung der Bergwildnis nach und nach zurückkehren. Während in tieferen Lagen die Rückkehr der Laubwälder auch aktiv gefördert wird, können sich hier in den Hochlagen um den Brocken herum wilde Fichtenwälder entwickeln. Dafür mussten die von Menschenhand gestalteten und unnatürlichen Monokulturen zunächst weichen. Vorübergehend wirkte der Wald dann tot und bot ein erschreckendes Bild mit zahllosen abgestorbenen Fichten. Hier zeigt und die Natur jedoch eindrucksvoll, dass sie dem ‚Abriss‘ ebenso konsequent den ‚Neubau‘ folgen lässt.“

Es ist also keine Katastrophe. Das „erschreckende Bild“ ist nur „vorübergehend“. Auf Abriss folgt Neubau. Kein Grund zur Panik. Kein Grund zur Hysterie. Der Weltuntergang ist abgesagt. Und noch eine Textstelle, die man leicht überliest, ist bemerkenswert: Zurückkehren wird „nach und nach“ die „ursprüngliche Baumartenverteilung“. Sagen Sie das mal den Förstern, die zur Zeit im Hauruck-Verfahren überall „klimaresistente Mischwälder“ aus dem Boden stampfen und künstlich alle möglichen sonderbaren Baumarten pflanzen!

„‚Die Zeit heilt alle Wunden‘ – die Natur kennt keinen Stillstand!

Hier können Sie erleben, wie die Natur ihr Areal neu gestaltet, wenn wir Geduld aufbringen und sie ‚mal machen lassen“. Angesichts der dicht begrünten Fläche vor Ihnen erscheint es fast unglaublich, dass hier noch vor wenigen Jahren nur abgestorbene Fichten standen. Der Wald schien tot zu sein. Doch schon bald waren die ersten jungen Bäume erkennbar und das Grün kehrte zurück – ganz ohne unser Zutun.“

Es ist ein Text, den so auch Hans Bibelriether – der Erfinder des Slogans „Natur Natur sein lassen“2siehe dazu Das Fichtensterben am Lusen – hätte schreiben können.

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