2005 – Sperber und die Waldsteppen am Rachel
Von allen drei Büchern ist das von Georg Sperber dasjenige, welches am aufwändigsten gestaltet und auch am teuersten ist: gebundene Ausgabe, großes Format, viele große Hochglanzfotos. Ein Klassiker. Die erste Auflage von 2005 war trotz des hohen Preises schnell vergriffen.
Gleich das allererste Kapitel des Buches widmet sich dem Nationalpark Bayerischer Wald.1Sperber war von 1969-1972 dessen stellvertretender Leiter. Und der Untertitel eines Fotos vom Lusen gibt die Leitlinie vor:
„Toter Fichtenhochwald um den Lusen. Nur einzelne Altfichten überleben. Unter Baumgerippen wächst eine neue Waldgeneration.“
Ende gut, alles gut: Die neue Waldgeneration wächst! Noch deutlicher das Argumentationsmuster eine Seite zuvor. Der Begleittext zu drei Fotos lautet:
„Historische Bildserie vom jeweils gleichen Standort: 1970 erste Sturmwürfe im Nationalpark. 1985 ein Pionierwald aus Vogelbeere […]. Heute ein prachtvoller Bergmischwald aus Buchen, Fichten und Tannen, auf natürliche Weise unentgeltlich entstanden (unten).“
Prachtvoll! Unentgeltlich! Auf natürliche Weise! Natur Natur sein lassen! Es funktioniert! Und das nicht nur im Bergmischwald, sondern auch im Hochlagenfichtenwald. Aber selbstverständlich! Daran hat Sperber nicht den geringsten Zweifel. Waldsteppen? Jahrzehntelang kilometerweite Totholzflächen? Nicht in diesem Buch:
„Eine dramatische Wende nahm die Entwicklung der Nationalparkwälder in den 1990er- Jahren […] Die urwüchsigen Fichtenwälder […] hatten […] dem flächigen Angriff der Borkenkäfer keinen Widerstand entgegenzusetzen.. Der ‚Hochwald‘ starb innerhalb weniger Jahre um Rachel und Lusen. So weit das Auge reicht ein gigantischer Waldfriedhof auf dem First des bisher so grünen Dachs Europas. Lähmende Angst breitete sich aus […].“
Es ist wie das Drehbuch zu einem Hollywood-Film. Aber keine Sorge! Die Rettung naht.
„Inzwischen legt sich die Aufgeregtheit und eine aufgeklärte Betrachtungsweise setzt sich durch, seitdem unübersehbar unter dem toten Fichtenwald ein neuer Wald heranwächst.“
Das ist ganz nahe an der Seifenoper. Unter dem toten Fichtenwald ein neuer Wald!
„Der junge Wald wird zwar wieder von Fichten geprägt sein, aber die Vogelbeere, daneben auch Birke und Salweide sind reichlich beigemischt.“
Das mag am Lusen so sein. Am Rachel nicht. Das ist Wunschdenken und Lehrbuchwissen. Es steht so in den Lehrbüchern, also muss das auch so sein. Das Folgende schreibt nicht Peter Wohlleben, sondern Georg Sperber:
„Noch auffälliger ist die Vielzahl prächtiger Stauden, die den Friedhof der toten Fichten zur festlichen Blumenwiese verwandeln: Mannshoher Purpurroter Hasenlattich und Alpenmilchlattich, dunkelblauer Eisenhut, die gelben Blüten des Fuchsgreiskrautes und manchmal, so man Glück hat, sogar der Pannonische Enzian.“
Im Buch kein einziges Foto einer solchen „festlichen Blumenwiese“. Dabei hat das Kapitel immerhin stolze 16 Fotos. Aber kein einziges von den „prächtigen Stauden“. Dafür Fotos von einem Schleimpilz und einem „artenreichen Moosüberzug“. Ich bin Sperber persönlich böse deswegen. Denn ich habe ihm geglaubt und bin extra hingefahren im Frühling und noch einmal im Sommer, um dieses angebliche Farbenmeer zu fotografieren. Ich habe es nie gesehen. Waldsteppen sind grün.
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