1975 – Bibelriether/Strunz und die Waldsteppen am Rachel
1975 veröffentlichen Hans Bibelriether und Hartmut Strunz den „Nationalparkführer Bayerischer Wald“. Der Rachel kommt darin in Kapitel 2 vor. Unter dem Titel „Wanderung zur Baumgrenze“ wird eine Rundwanderung beschrieben „vom Gfällparkplatz zum Rachel und über die Rachelkapelle und Rachelsee zurück“. Bibelriether/Strunz erwähnen weder Waldsteppen noch Totholzflächen noch Borkenkäfer. Die Möglichkeit, dass es dort so etwas in der Vergangenheit gegeben hat oder in Zukunft geben könnte, ist völlig außerhalb ihres Horizonts und wird mit keinem Wort erwähnt:
„Der Rundweg ‚Auerhahn‘ führt vom Gfällparkplatz zunächst durch etwas eintönige jüngere Waldbestände aus Fichten und Buchen, die nach einer großen Sturmkatastrophe 1929 entstanden sind. Erst weiter droben, nach dem Schusterkreuz […] und dem Lieselbrunnen, in etwa 1,100 Meter Höhe, wird der fast unberührte Bergwald erreicht. Am Waldschmidthaus, das 1912 als Unterkunftshaus für Wanderer errichtet wurde, beginnt das Naturschutzgebiet ‚Rachel mit Rachelsee‘. Der Ausblick vom Ostrand der Wiese, die das Haus umgibt, reicht weit über den Nationalpark und hinunter zum Rachelsee, der vom Gipfel aus nicht eingesehen werden kann. Zwar steil, aber kurz ist der Aufstieg vom Schutzhaus zum Gipfel, wo der niedrige Wuchs der Bäume darauf hinweist, dass die Baumgrenze erreicht ist.
Der weitere Verlauf des Auerhahn-Weges führt steil hinab über steinige Steige in den Nordhang des Rachel zur Kapelle. Bequemer geht es zurück zum Waldschmidthaus und dann rechts ab auf den Klingenbrunner Rachelsteig (Markierung Bärlapp); auf halber Strecke weist dann ein Wegweiser auf eine Querverbindung zum Gfällparkplatz hin.“
Das Einzige, was 1975 eine ganz entfernte Ähnlichkeit mit einer Waldsteppe hat, sind die Wiesen am Waldschmidthaus. Aber diese sind menschlichen Ursprungs und gerade nicht das Ergebnis des Borkenkäfers wie die Steppen 30 Jahre später:
„Die Holznutzung rentierte sich nicht recht, und die Nutzung der Bodenpflanzen durch Waldweide wurde ebenfalls bald wieder aufgegeben; einige kleine Waldlichtungen, etwa die Rachelwiese oder der Obere Rachelschachten am Waldschmidthaus, erinnern noch an diese Zeit.“
Es sei hier ausdrücklich festgehalten und betont: Bibelriether/Strunz kennen 1975 keine Waldsteppen, sondern nur „einige kleine Waldlichtungen“. Und diese sind Reste erfolgloser Versuche mit Waldweide. Von kilometerweiten Totholzflächen ist schon gleich gar nicht die Rede.
Vor dem Hintergrund der Borkenkäfermassenvermehrungen in den 80er und 90er Jahren1siehe Das Fichtensterben am Lusen- Die erste Massenvermehrung des Borkenkäfers (1986-1991) haben Bibelriether/Strunz ein seltsam eingeschränktes Bild vom Hochlagenfichtenwald. Sie beschreiben ihn gleich im allerersten Kapitel ihres Wanderführers:
„Oberhalb der Fichten-Tannen-Buchen-Bergmischwaldzone, neben anderen Faktoren bedingt vor allem durch die abnehmende Temperatur, die sich in einer kürzeren Vegetationszeit bemerkbar macht, hat sich im Laufe von Jahrtausenden seit der letzten Eiszeit ein natürlicher Fichtenwald entwickelt. Sein Areal beginnt heute zwischen 1.150 und 1.200 m Höhe und reicht bis in den Gipfelbereich der höchsten Erhebungen des Bayerischen Waldes um 1.450 m hinauf, wo er gleichzeitig die natürliche Waldgrenze bildet. Im Gegensatz zum eintönigen dunklen, gegen Stürme, Schnee und Schädlinge anfälligen Fichtenkunstforst der Niederungen, ist dieser Fichtennaturwald locker und licht. Durch Anpassung an die dort oben alljährlich fallenden großen Schneemengen tief beastet, spitzkronig und knorrig, vermögen die Fichten den Unbilden des rauhen Gebirgsklimas standzuhalten. Im Bayerischen Wald/Böhmerwald blieb dieser Fichtenwald auf großen Flächen noch bis heute kaum verändert erhalten. Adalbert Stifter hat ihm in seiner Erzählung ‚Hochwald‘ ein literarsisches Denkmal gesetzt.“2Hervorhebungen von mir
Man traut seinen Augen nicht, aber es steht da schwarz auf weiß: Für Bibelriether/Strunz ist nur der „Fichtenkunstforst der Niederungen“ anfällig gegen „Stürme, Schnee und Schädlinge“, aber nicht der „Fichtennaturwald“ der Hochlagen. Schon wenige Jahre später wird sich herausstellen, dass das Unsinn ist. Der „Hochwald“ wird nicht „standhalten“. Und er wird sehr „licht“ werden.
Aber 1975 stellen Bibeltriether/Strunz es sich noch so vor:
„Im Hochlagenfichtenwald kann man heute noch sehr schön beobachten, wie sich ein Wald über Jahrhunderte natürlich entwickelt. Allenthalben sind einzelne dürre Bäume zu sehen, die mit 200-300 Jahren ein natürliches Höchstalter erreicht haben oder durch äußere Einwirkungen abgestorben sind. Unter der Schneelast des Winters oder bei einem Sturm stürzen sie eines Tages um. Auf ihrem vermodernden Stamm oder auf den morschen Stöcken siedeln sich in Reihen oder kleinen Trupps die jungen Fichten an und wachsen sehr langsam in die Höhe. Häufig, wenn sie hochgewachsen sind und der Stamm oder Stock zerfallen ist, auf dem sie einst anwuchsen, bleibt ein Hohlraum zurück, und die Wurzeln ragen stelzenartig aus dem Boden. Durch diese örtlich begrenzte natürliche Verjüngung der Fichte auf Stöcken und Stämmen entsteht ein ungleichaltriger Wald, oft aus kleinen Kampfgemeinschaften einiger Bäume, angepaẞt an die harten Lebensbedingungen in den Kammlagen des Gebirges.“
„Sehr schön beobachten“ kann man nur wenige Jahre später, dass der Borkenkäfer die „kleinen Kampfgemeinschaften“ alle frisst. Offensichtlich sind die „Lebensbedingungen in den Kammlagen“ dann doch zu „hart“ für sie, da mögen sie kämpfen wie sie wollen. Und am Rachel wird die Verjüngung so sehr „örtlich begrenzt“ sein, dass Müller/Simonis nicht einmal mehr von Wald reden, sondern von Waldsteppe. Ein „literarisches Denkmal“ hat der noch niemand gesetzt.
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