Waldsteppen am Rachel

1998 – Pongratz und die Waldsteppen am Rachel

1998 veröffentlicht der „Verein der Freunde des 1. deutschen Nationalparks Bayerischer Wald“ das Buch „Der Nationalpark Bayerischer Wald – Eine Einführung für Nationalparkbesucher“. Autor ist Adalbert Pongratz. Bibelriether und Strunz haben Beiträge geschrieben.

Das Buch ist für Besucher des Nationalparks geschrieben. Denn diese könnten 1998 verunsichert sein: Im Jahr der Veröffentlichung sterben in den Hochlagen 550 ha Fichtenwald ab, 1997 waren es 587 ha, 1996 827 ha. Bis zur Jahrtausendwende werden es insgesamt 3.555 ha Totholzflächen sein.1siehe Das Fichtensterben am Lusen Da ist eine „Einführung für Nationalparkbesucher“ womöglich bitter notwendig.

Und so erfährt der Leser auf vielen vielen Seiten, warum es zur Massenvermehrung des Käfers kam: Luftverschmutzung, Umweltgifte, Bodenversauererung, Wurzeltiefe, Klima, Trockenheit, Hitze. Es ist ermüdend und darum geht es in diesem Artikel auch gar nicht. Es geht um die Waldsteppen und ob Pongratz die kommen sieht. Um es vorwegzunehmen: Er sieht sie nicht kommen. Stattdessen prognostiziert er folgendes:

„Ein neuer Wald wächst nach.
Bei einer Bestandsaufnahme im Sommer 1996 wurde für das Gebiet zwischen Lusen und Rachel festgestellt, dass auf 92 Prozent der älteren Bergfichtenwaldflächen des Nationalparks bereits wieder junge Bäume mit Wuchshöhen von über 20 Zentimetern vorhanden sind und zwar in einer Dichte von 1000 Stück pro ha. Im Dickicht der Sträucher und Farne sind sie freilich nicht ganz leicht zu erkennen. Aber im Halbschatten und Schutz der stehenden und liegenden dürren Altbäume wächst ein artenreicher junger Wald nach. Er ist nicht so dicht wie der gepflegte, aufgeräumte, in den meisten Fällen gleichaltrige Wirtschaftswald. Er ist jedoch stabiler und angepasster an den grundlegend veränderten Lebensraum.“

Pongratz bemüht sich. Er will nicht nur die Nationalparkbesucher beruhigen. Er will den Nationalpark auch gegen die Kritik der „Bürgerbewegung zum Schutz des Bayerischen Waldes e.V.“ verteidigen. Pongartz gehört zu den Freunden des Nationalparks, die Bürgerbewegung zu seinen Feinden. Letztere waren damals sehr erfolgreich; 3.555 ha Totholzflächen sind ein starkes Argument. Und die Verteidigung ist schwach: Denn „stabil“ und „angepasst“ sollte ja schon der alte Bergfichtenwald sein. Und jetzt frisst ihn der Borkenkäfer! Nun soll auf einmal dieser alte Wald „stark vorgeschädigt“2S. 33 gewesen sein. Warum aber hat man ihn dann unter Schutz gestellt? Geradezu peinlich sind Prognosen wie diese:

„Vorhersehbar ist, dass auf erheblichen Teilen der abgestorbenen Flächen der einstigen Bergfichtenwälder ein artenreicher Mischwald entstehen wird, der für sein Aufwachsen Zeit braucht und mit dem in den Hochlagen des Bayerischen Walds völlig neue Waldbilder entstehen werden.“

Für den Lusen mag das stimmen. Für den Rachel definitiv nicht. Dort entsteht gewiss kein „artenreicher Mischwald“. Und er wird dort auch nicht mehr entstehen. Drei Jahrzehnte nach der Kalamität wächst dort eine Waldsteppe – mit Betonung auf Steppe, nicht auf Wald. In einem Punkt hat Pongartz allerdings recht: das ist in der Tat „völlig neu“.

Die schärfste Kritik an Pongratz kommt allerdings nicht von der Bürgerbewegung oder von mir; sie kommt von Müller/Simonis:

„In der Diskussion um die Totholzflächen hört man häufig erfreute Stimmen über den nachwachsenden Wald. Eine solche Begeisterung gegenüber üppiger Naturverjüngung entspringt aber eher forstlichen und ökonomischen Holzproduktionsgefühlen. Die Vielzahl der Arten, die gerade in den Flächen noch ohne Naturverjüngung leben, lehren uns aber, dass es wichtig ist, dass Baumreproduktion nach einem Fraßereignis nicht flächig, sondern teilweise über Jahrzehnte verzögert abläuft.“

„Holzproduktionsgefühle“. Das ist richtig böse.

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