„… aber heute würde ich es nicht mehr so machen.“
Und seitdem hat Wirtz ein Problem: Von Jahr zu Jahr werden die stehen gelassenen Fichten immer anbrüchiger und fallen ohne Vorwarnung um. Er muss aber in die Fläche hinein, damit er nicht nur Birke und nicht nur Fichte bekommt, sondern auch Eiche und Esskastanie – um nur zwei Baumarten zu nennen. Er muss also in die Fläche hinein, damit er die gegen die Konkurrenz verteidigen kann. Aber er kann da oben niemanden mehr hineinschicken. Er selbst war jetzt einmal dort und hat ein bisschen was gehackt – bei absoluter Windstille. Aber es ist und bleibt gefährlich. Die Fichten können bei jedem Wetter umfallen. Das ist also das Problem.
Backes ergänzt: Es kommt noch etwas hinzu. Wenn man dann doch einmal hineingeht, dann liegen die abgebrochenen Fichten überall vor den Füßen herum. Du kannst da kaum durchgehen! Und das will etwas heißen, denn Förster bewegen sich sonst mit einer beneidenswerten Sicherheit im Wald gerade auch abseits der Wege.
Wirtz betont die Notwendigkeit der Pflege: Die Pflanzen, die jetzt hier stehen, das ist tatsächlich überwiegend Naturverjüngung. Da ist eine große Wuchsdynamik drin. Neben der Birke wächst hier vor allem Vogelbeere. Die Vogelbeeren, wie hoch die schon sind! Wenn man aber auch Eichen in der Verjüngung haben möchte, dann muss man sie gegen die Birke und die Vogelbeere verteidigen. Denn man mus Folgendes bedenken: Die Eiche wächst viel langsamer als die Vogelbeere. Sie ist am Anfang noch sehr klein und die Vogelbeere ist dann schnell schon 2 m höher und dann wird es mit der Vogelbeere zu dicht. Wenn die Eiche gleich hoch ist mit der Vogelbeere, dann ist es kein Problem. Aber in dem Moment, wenn die Eiche noch ganz klein, die Vogelbeere aber 2 m drüber ist, dann ist es unter ihr dunkel. Die Vogelbeere dunkelt ja sogar die Brombeere aus, so dunkel ist es zum Teil.
Backes ergänzt: Das war auch ein Lernprozess für uns. Diese Fläche, wenn man so oberflächlich drüber guckt, da hat man erst gedacht, da stehen ja nur ein paar Birken drin, sonst nichts. Aber in Wirklichkeit steht da schon alles drin. Man sieht es nur nicht auf den ersten Blick. Deshalb muss man suchen gehen und dann findet man auch die Eichen. Aber den Eichen muss man dann helfen. Sonst sind sie weg.
Wirtz pflichtet bei. Für ihn war es ein richtiges Aha-Erlebnis: Er hat hier ein Wahnsinns-Ausgangspotential. Das könnte tatsächlich wirklich der resiliente Mischwald werden, so wie er ihn sich vorstellt. Jetzt in den jungen Jahren sitzt er an der entscheidenden Stellschraube: entweder er entwickelt daraus diesen resilienten Mischwald, dann muss er in die Pflege investieren. Oder er sagt: Ich gucke, was kommt. Dann wird es wahrscheinlich auch hier wieder nur Birke-Fichte. Wenn er sich also jetzt nicht um die Pflege kümmern, dann verliert er mindestens eine Baumgeneration.
Er hat aus seinem Experiment gelernt und Konsequenzen gezogen: Er läßt die toten Fichten nur dort stehen, wo eine gesicherte Verjüngung drin ist. Aber überall dort, wo er weiß, er muss da noch hinein, damit es etwas wird, überall dort, wo er pflegen muss, damit das wirklich ein Mischwald wird, da holt er sie weg. Natürlich darf es auch keine Probleme mit der Verkehrssicherheit geben. Deshalb sind die stehen gelassenen toten Fichten weit weg von Wanderwegen und Straßen.
Von den vielen Vorteilen, die das Stehenlassen haben soll, ist Wirtz nicht wirklich überzeugt. Ein Vorteil, der immer wieder mal z. B. von Wohlleben und Ibisch genannt wird, ist der Schattenwurf, der Schutz vor zuviel Sonneneinstrahlung. Das ist seiner Meinung nach tatsächlich im ersten Jahr so. Aber nur im ersten Jahr. Denn schon im zweiten und im dritten Jahr, wenn die jungen Bäume wachsen, sieht es ganz anders aus. Man hat dann auf der Fläche sogar schon Windruhe. Also alles das, was man sich eigentlich von den toten Fichten erwartet, das bringt eigentlich die Naturverjüngung.
Backes ärgert sich, dass man von außen oftmals pauschal angegriffen wird. Es wird so getan, als würden sich Förster keine Gedanken darüber machen, was mit toten Fichten geschehen soll. Wirtz würde es jetzt nicht mehr so machen wie damals. Und er erklärt auch ausführlich warum. Es gibt aber auch Flächen, wo er es wieder machen würde. Manche Kritiker sehen das nicht und machen nur Vorwürfe: ‚Die machen hier die Fichten weg! Die sind doch wichtig! Ökologisch wertvoll!‘ Aber so einfach ist es eben nicht.
Wirtz stimmt zu: Man muss sich eigentlich bei jeder Fläche Gedanken machen. Kann man beispielsweise das Fichtenholz nutzen, weil es schönes Bauholz ist? Es ist immer eine Kompromissfindung zwischen verschiedensten Gesichtspunkten. Und da muss man irgendwie einen vernünftigen Kompromiss schließen.
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