Shithole Wildnisgebiet Solling

Zweite Wanderung zum Limker Strang – noch mehr böse Überraschungen

Krötentunnel

Östlich des Naturwalds gibt es die K 431. Die ist noch weiter entfernt als die L 548, aber so würde ich den Osten des Wildnisgebiets kennenlernen. Ich hatte einen Parkplatz gegenüber dem Spielplatz Sandkuhle ausgemacht. Der Spielplatz ist auf Google-Maps verzeichnet, der Parkplatz nicht. Den kennt nur OpenStreetMap. Parken konnte ich dort dann nicht, denn der Landkreis Northeim baut dort Krötentunnel.

Erst zwei Monate Vollsperrung wegen Sanierung der Kreisstraße, nun die Tunnel.

Mit dem Wildnisgebiet hat das nichts zu tun, das beginnt erst 500 m westlich.

© OpenStreetMap – Kartenausschnitt mit Parkplatz und den beiden Naturwäldern Limker Strang und Grasborner Bruch

Schönberg- und Lüderstraße

Ich parke vor der Sperrung und gehe auf der Schönbergstraße in das Wildnisgebiet hinein. Forstmaschinen sind hier schon lange nicht mehr gefahren, auch nicht die Dienstwagen der Förster, vermutlich nicht einmal Fahrradfahrer. Denn Schönberg- und die sich anschließende Lüderstraße wachsen langsam zu.

Brennnesseln, Brombeerranken und Buchenäste würden mich nicht so sehr stören, noch kann man den Weg ja ganz gut gehen. Was mich aber stört, ist, dass es keinen Weg zum oder über den Schönenberg (457 m) gibt, der keine 300 m entfernt ist. Ein solcher Weg würde mitten durch das Wildnisgebiet führen, aber es gibt ihn nicht.

Exkurs: Der Auszug der Fichten am Schönenberg

Der Schönenberg hätte mich nicht nur deswegen interessiert, weil ich gerne mitten durch das Wildnisgebiet gewandert wäre und nicht nur an dessen Rand. Bei der Planung meiner Wanderung waren mir die großen Freiflächen dort aufgefallen. Sie entstehen bei der sogenannten „Umwandlung der Fichtenbestände“ – der Managementplan beschreibt es in aller Ausführlichkeit. Das Ergebnis der „extraktiven Maßnahmen“ hätte ich mir gerne mit eigenen Augen angeschaut. Mangels geeignetem Wanderweg bleiben mir leider nur die vier historischen Bilder von Google-Earth:  Schönenberg 2018Schönenberg 2020

Am 1.1.2021 wird das Wildnisgebiet eingerichtet.1Managementplan, PrologSchönenberg 2024Schönenberg 2025

Mit tonnenschweren Forstmaschinen fahren die Landesforsten mitten hinein in die zukünftige Wildnis:

„Die extraktiven Waldentwicklungsmaßnahmen in den Nadelholzbeständen (v. a. Auszüge älterer Fichte) werden aus Gründen der Arbeitssicherheit und des Arbeitsfortschrittes in der Regel hochmechanisiert, d. h. durch Harvester und Forwarder, realisiert.“2Entwicklungsplan, S. 12, Hervorhebungen von mir

Gleichzeitig sinniert man über „Maßnahmen der Besucherlenkung“:

„Um Störungen durch ein Begehen der Waldflächen zu vermeiden, dürfte die Etablierung und Gestaltung eines attraktiven Rundwegenetzes im bzw. am Rande des Wildnisgebietes zielführend sein.“3ebd. S. 26, Hervorhebungen von mir

Rückegassen

Immer schon sind die Landesforsten „hochmechanisiert“ unterwegs gewesen: Ehemalige Rückegassen gibt es viele. Sehr viele. Immer noch gut sichtbar. Aber sie wachsen zu. Unmöglich, sie als Wege zu nutzen und mitten hinein in das Gebiet zu gelangen.

Am Rand der Wildnis

So bleibt man am Rand. Die Klotzburgstraße führt am nördlichen Rand des Wildnisgebiets entlang: sehr gut planiert, perfekte Drainage, ohne jedes Schlagloch. Hier fahren die Dienstwagen und die Fahrräder. Es ist ein markierter Mountainbikeweg: Tour 12 Köhler-Tour. Im Solling scheint es keine Wander-, sondern nur Fahrradwege zu geben. Als wenn es nicht schon ärgerlich genug wäre, dass die Straße nur am Rand des Schutzgebiets verläuft – hinzu kommt, dass man nun 2,5 km an einem Fichtenwald entlanggeht. Die Fichten sind zwar in einem traumhaften Zustand und das Herz eines jeden Sägewerksbesitzers würde höher schlagen, aber Fichten sind nach offizieller Lesart genau das, was nicht in das Wildnisgebiet hineingehört.

Die Kalamitätsfläche

Die Klotzburgstraße endet auf der Oberen Lindrutenstraße. Diese werde ich auf dem Rückweg nehmen. Nun aber gehe ich geradeaus mitten hinein in die Wiederaufforstung einer Kalamitätsfläche.

Erst viel später fällt mir auf, dass ich das Wildnisgebiet nun verlassen habe und mich in einem normalen Wirtschaftswald der Landesforsten befinde. Hier wachsen junge Lärchen und Douglasien – absolut typisch für aktuelle künstliche Verjüngungen. Schema F. 08/15. Der Süntelner Forst der Forstgenossenschaft Bad Münder sieht genauso aus. Diese Waldabteilung wurde fein säuberlich aus dem Wildnisgebiet herausgetrennt. Andernfalls hätte man die mit viel Geld gepflanzten Nadelbäume gleich wieder herausreißen müssen.

Am Rand des Limker Strangs

Am Ende erreiche ich über die Uslarer Heerstraße und die Grasborner Bruchstraße den Nordrand des Limker Strangs. Und auch dort zu meinem großen Bedauern dasselbe Bild wie an der Panzerstraße bei meiner ersten Wanderung hierhin. Dichte Buchenverjüngung verhindert den Blick in den Naturwald.

Die Hauptattraktion des Wildnisgebiets ist geschlossen.

Fast 8 km dauerte der Weg hierhin: Ich bin frustriert, ich bin verärgert. Ein Wanderer, der sich nicht auskennt, wird den Naturwald gar nicht bemerken. Die zwei kleinen Hinweisschilder sind in einem beklagenswerten Zustand. Eines steht bezeichnenderweise vor einem kleinen Fichtenbestand: Seit 50 Jahren leben hier Buchen und Fichten schiedlich friedlich nebeneinander. Niemanden hat es gestört. Bis jetzt.

Natürlich auch kein Informationsschild über Merkmale dieses Naturwalds. Kein Kurzporträit. Nicht einmal einen QR-Code. 5 Jahre Wildnisgebiet und nicht einmal das. Shithole.

Am Rand des Grasborner Bruchs

Auf dem Rückweg komme ich an der zweiten Hauptattraktion des Wildnisgebiets vorbei: dem Grasborner Bruch. Auch hier sehe ich fast nichts.

Es gibt nicht einmal ein Hinweisschild auf den Naturwald. Nur ein jahrzehntealtes kleines Warnschild.

Von weitem ist es schon gar nicht lesbar. Shithole.

Eine fantastische, uralte Buche steht am Wegrand. Sie vermittelt eine Ahnung, was für Schätze sich im Inneren verbergen.

15 km sind eine lange Wanderung. Zumal im Sommer. Natürlich gibt es keine Waldgaststätte. Es gibt nicht einmal Bänke. Nach 5 Jahren. Dafür Krötentunnel. Shithole.

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