Kritik an der Reportage des NDR über den Urwald von morgen

„Ich finde den Zusammenhang superspannend und die Verbindung, die man immer wieder finden kann zwischen den verschiedenen Artengruppen oder eben auch den Bäumen.“
Biologe im Film

Was ist ein Urwald?

Der Zuschauer erfährt zwar viel über die angeblich unbedingt notwendigen Arbeiten in einem Wald, der einmal ein Urwald werden soll. Aber über einen Urwald selbst erfährt man praktisch nichts. Nichts über Holzvorrat, Totholzmengen, Mikrohabitate, über Waldentwicklungsphasen.1siehe dazu Uholka

Stattdessen Arbeitsschutzprobleme: Gefahren beim Aufarbeiten von Sturmholz. Stattdessen Kitsch: Bambi. Stattdessen Banalitäten: In einem Urwald gibt es keine Wege. Stattdessen Unwahrheiten: In einem Urwald werden Rehe nicht gestört.

Es geht im Film streng genommen gar nicht um den Urwald. Es geht um den „Einsatz“ für ihn. Suggeriert wird: Ohne Abreißen, Abräumen, Montieren, Wegbaggern kann kein Urwald entstehen. Ohne hektische Betriebsamkeit kein Urwald. Dass man die Natur machen lässt und der Mensch nicht mehr eingreift, wirkt wie ein Lippenbekenntnis. Eines fernen Tages in der Zukunft werde man die Natur in Ruhe lassen, so versichern die Förster. Aber jetzt rückt man mit schwerem Gerät an: Baggern für den Urwald. Und ständig kreischt die Motorsäge. Fichten müssen weg. Hochsitze müssen weg. Und die Menschen müssen am besten auch gleich weg. Die stören die Ruhe der Rehe.

Schluss – Heiko Bredes Wald

Vermutlich sind sich das Fernsehteam und Heiko Brede der Problematik des folgenden Satzes am Ende des Films nicht bewusst:

„In Heiko Bredes Wald ist es wieder ein bisschen wilder geworden.“

Denn gewissermaßen ist es tatsächlich Heiko Bredes Wald:

  • Er beaufsichtigt, wenn Hochsitze umgesägt werden.
  • Er trägt die Verantwortung, wenn Forstwege weggebaggert werden. (Der Film macht nicht deutlich, ob Brede auf Anweisung eines Vorgesetzten handelt.)
  • Er darf mit seinen freilaufenden Hunden abseits der Wege durch den Naturwald gehen.
  • Er darf mit seinem Dienstwagen durch den Naturwald fahren. (Ähnliches gilt selbstverständlich auch für das Fernsehteam und die Biologen.)

Wanderer dürfen im Naturwald nicht abseits der Wege gehen. Ansonsten riskieren sie empfindliche Geldstrafen.2siehe 123 € Bußgeld für Schneelochweg

„Der Förster ist einen guten Schritt weiter auf dem Weg zum Urwald von morgen.“3Hervorhebungen von mir

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