Der Schneelochweg im Herbst 2020

„Man rettet den Wald ja nicht, indem man ‚O Tannenbaum‘ singt.“
Horst Stern in „Bemerkungen über den Rothirsch“

Peter Meyer macht sich Sorgen um die Vogelbeere

Dr. Peter Meyer ist Forstwissenschaftler und leitet die Abteilung Waldnaturschutz bei der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA). Mit Hochlagen-Fichtenwäldern wie am Schneeloch kennt er sich sehr gut aus. Über das, was dort in den letzten 10 Jahren passiert ist, wäre er nicht überrascht. Er hat das schon einmal erlebt.

Denn er und seine Kollegen haben die Hochlagen-Fichtenwälder am Bruchberg untersucht – ganz in der Nähe vom Schneeloch. Der Bruchberg wurde bereits 1972 – also über 20 Jahre vor Gründung des NLPs Harz in Niedersachsen – als Naturwaldreservat ausgewiesen und nicht mehr bewirtschaftet. Und es passierte das, was immer passiert, wenn man Fichtenwälder unter Prozessschutz stellt: Windwürfe, Borkenkäfer, Absterben. Erst langsam, dann immer schneller: 1995/96 wurde ein „sehr starker Borkenkäferbefall“ festgestellt, wodurch es „zum flächenhaften Absterben der Fichtenbestände“ kam.1Meyer, P.; Lorenz, K.; Mölder, A.; Steffens, R. Schmidt, W.; Kompa, T.; Wevell von Krüger, A. (2015): Naturwald Bruchberg. Naturwaldreservate im Kurzportrait, 1–12 Um die Fichten aber machen sich die Wissenschaftler keine Sorgen. Überhaupt keine. Denn deren Verjüngung ist gesichert:

„Die Jungpflanzenzahl in der untersten Höhenklasse hat sich von 1997 bis 2008 mehr als verdoppelt.“

Fichtenverjüngung am Schneelochweg

Sorgen bereitet den Wissenschaftler nicht die Fichten, sondern für die beigemischten Laubbäume wie z. B. die Ebereschen:

„Ebereschen werden zwar sehr effektiv durch Vögel ausgebreitet, jedoch durch Rot- und Rehwild bevorzugt verbissen und gefegt bzw. zerschlagen. Im Schutz eines dichten Verhaus aus windgeworfenen Bäumen konnten in der Nähe der Wolfswarte im Jahr 1997 noch zahlreiche Ebereschen aufwachsen.“2a. a. O., Hervorhebungen von mir

Ebereschen mit ihren roten Früchten am Schneelochweg, geschützt durch Verhau aus Windwurfbäumen

Ohne diesen Schutz vor dem Wild finden sich auf Borkenkäferflächen kaum Ebereschen. Nach einigen Jahren war der Verhau aus Windwurfbäumen an der Wolfswarte so stark zusammengesackt, dass die Schutzwirkung verloren gegangen ist.“

vergraste Borkenkäferflächen am Schneelochweg, ohne Schutz und ohne Ebereschen

Von den vormals vorhandenen Ebereschen hatte im Jahr 2010 kaum ein Exemplar überlebt. Die wenigen verbliebenen Bäume zeigten starke Wildschäden. […] Hier wird deutlich, dass die erhöhten Schalenwildbestände im Harz auch heute noch einen erheblichen Einfluss auf die Walddynamik haben, indem sie die Entwicklung von Mischbaumarten wie der Eberesche fast vollständig ausschließen. Umgekehrt waren Laubbäume offenbar noch bis in die frühe Neuzeit ein typisches Element der Hochlagen-Fichtenwälder des Harzes.“

Zu diesen Laubbäumen zählten einst:

„vor allem Birke, Weide, Eberesche, seltener Buche, Bergahorn und Erle

Meyer hat den Verbiss der Mischbaumarten wiederholt beklagt – so auch z. B. auf der Tagung des NLPs 2013 in Drübeck:

Besonders kritisch ist der offensichtlich unnatürlich hohe Wildbestand für Mischbaumarten wie die Eberesche (vgl. Raimer 2004, Mann 2009), die aus Sicht der natürlichen Biodiversität und Dynamik der Harzer Hochlagenwälder eine Schlüsselrolle spielt.“3Peter Meyer, Monitoring der eigendynamischen Gehölzverjüngung in Waldforschungsflächen des Nationalparks Harz (WFF) und niedersächsischen Naturwäldern, in: Nationalpark Harz (Hg.), Waldentwicklung und Wildbestandsregulierung im Nationalpark Harz, Schriftenreihe aus dem Nationalpark Harz, Band 12, 2014, Hervorhebungen von mir

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