Schluss – Der Spagat der Nationalparkverwaltung
Vergleicht man die Themeninseln miteinander, so liegt die Vermutung nahe, dass hier viele Autoren mit unterschiedlichen Meinungen und auch unterschiedlichen Absichten beteiligt waren. Waren die Autoren der ersten Infoinsel eher alarmistisch und pessimistisch gestimmt („letzte Überlebensinseln“, „immer schneller voranschreitenden Klimaveränderungen“), so machten die Autoren des zweiten eher einen optimistischen und entspannten Eindruck: Ein Spruch wie „Die Zeit heilt alle Wunden – die Natur kennt keinen Stillstand“ passt so gar nicht zum Klimaalarmismus und könnte auch von einem sog. Klimaleugner stammen.
Dass die Texte der Infotafeln so unterschiedlich ausfallen, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Denn die Beamten und Angestellten im Park müssen mit einem Widerspruch leben:
- Auf der einen Seite müssen sie unerschütterlich an den menschengemachten Klimawandel glauben und versichern, dass alles ganz furchtbar ist und noch viel schlimmer wird, wenn wir jetzt nicht entschieden und konsequent und radikal handeln. Ein Ranger, der auf einer Führung behaupten würde, der Klimawandel sei nicht menschengemacht, oder aus einem Buch von Fritz Vahrenholt zitieren würde, riskiert ein Disziplinarverfahren, vielleicht sogar seine Entlassung.
- Auf der anderen Seite dürfen die Mitarbeiter aber auch nicht zu pessimistisch sein: Für einen toten Wald braucht man keinen Nationalpark. Ein Ranger, der auf einer Führung mit Tränen in den Augen den sterbenden Brockenurwald betrauert, oder die Brockenbahn als klimaschädlich beschimpft, ist schlecht für den Tourismus und würde vermutlich besser für Büroarbeiten abgestellt.
Man kann das Widerspruch nennen oder Spagat. Man könnte auch eine klinische Diagnose stellen: dissoziative Identitätsstörung. Oder wie anders soll man jemanden nennen, der so redet:
„Eines ist dabei sicher: Die Natur wird ihre Antworten finden. Wir müssen ihr nur Zeit und Raum lassen, die Brockenwildnis fit für die Zukunft zu machen. … Das Prinzip ‚Natur Natur sein lassen‘ gilt auch, wenn die Natur Wege beschreitet, die wir erst auf den zweiten Blick verstehen können. Zugleich sind wir alle aufgefordert, durch klimafreundliches Verhalten die Risiken für den Brockenurwald wie für unsere gesamte Umwelt weitestmöglich zu begrenzen.“1siehe Text auf dem rechten Schild der Themeninsel am Neuen Goetheweg unter der Überschrift ‚Borkenkäfer im Brockenurwald – Die Karten sind neu gemischt‘