Naturwald Katzenbau im Hils

Die Erklärung der Verantwortlichen

Die Erklärung der Forstamtsleiterin Dr. Knust

Zuständig für den Naturwald Katzenbau ist das Forstamt Grünenplan, genauer gesagt die Revierförsterei Wenzen. Deren Leiter ist Johannes Rohmann. Er ist in Elternzeit. Also rufe ich seine Chefin an, Forstamtsleiterin Frau Dr. Christine Knust. Ende Mai ruft sie mich aus dem Auto zurück und wir sprechen eine gute Viertelstunde miteinander.

Wenn ich vielleicht insgeheim befürchtet hatte, nun von oben herab abgekanzelt und zurechtgestutzt zu werden, so liege ich vollkommen falsch. Kein „Sie haben keine Ahnung!“ oder „Das geht sie gar nichts an!“ Nein, ganz im Gegenteil: Frau Dr. Knust ist sehr freundlich und findet es schön, dass mir das aufgefallen ist und ich überhaupt mit so offenen Augen die Naturwälder bereise. Sie versteht auch sofort mein Anliegen und pflichtet mir bei, dass im Naturwald eigentlich das Prinzip „Natur Natur sein lassen“ gilt – ähnlich wie im Nationalpark. Es herrscht also kompletter Prozessschutz und auch das Absterben von Bäumen wird toleriert. Das gehört dazu und das schafft dann ja auch wieder Totholz. Warum aber hat dann das Forstamt dort jetzt noch einmal Fichten entnommen?

Ich frage dazwischen, ob denn Peter Meyer von der NW-FVA von dieser Fichtenentnahme wisse. Sie bejaht. Die Maßnahme ist nicht nur per Telefon oder E-Mail mit ihm abgestimmt worden, sondern sie hatten mit Meyer eine Vor-Ort-Begehung.  Er war tatsächlich vor Ort, damit er sich ein Bild machen konnte.

Frau Dr. Knust erklärt das Problem: Dieser Bereich da oben ist luftlinie keine 200 m
vom Forstort Löhningsfeld entfernt. Das ist ein relativ großer, noch mit Fichte bewachsener Forstbereich im zentralen Hils. Dort hat das Forstamt noch einiges an Fichten, die sie sukzessive überführen wollen. Sie sind da dran mit dem Waldumbau, aber sie wollten natürlich verhindern, dass das jetzt vom Borkenkäfer abgeknabbert wird.

Und in dieser Situation ging in diesen Hektar Fichte im Naturwald der Borkenkäfer hinein. Nicht weit entfernt stehen noch erhebliche Bestände von Fichten, und dort im Naturwald hatten sie diese paar Bäume, von denen doch ein erhebliches Forstschutzrisiko ausging. Bei der Fichtenentnahme ging es also um den Schutz der vielen Fichten im direkt benachbarten Forstort.

Man muss zwischen alten und neuen Naturwäldern unterscheiden. Denn für Naturwälder gibt es eine Frist zur sog. Erstinstandsetzung.1siehe unten, Erlass Kap. 5.2 „Übergangsfrist zur naturschutzfachlichen Aufwertung“ Der Katzenbau ist ein Naturwald aus der letzten Charge der Naturwaldausweisungen, also ein neuer Naturwald. Und da hat es noch eine Frist zur Erstinstandsetzung gegeben. Diese Frist ist auch mindestens einmal noch verlängert worden.

Die Erklärung von Dr. Meyer von der NW-FVA

Mit Dr. Meyer, Leiter der Abteilung Waldnaturschutz der NW-FVA, spreche ich Ende Juni über die Fichtenentnahme im Naturwald Katzenbau.

Er betont, dass es bei den Forstschutzfragen eine relativ hohe Schwelle gibt, bis man Eingriffe auf der Naturwaldfläche zulässt. Das wird dann der Fall sein, wenn umliegende Wirtschaftswälder gefährdet sind. Das ist keine neue Regelung, das war immer schon vorgesehen. Bis einschließlich 2017 hatten sie immer mal wieder Alarm von Forstämtern, dass der Borkenkäfer im Naturwald sei und ob man da nicht etwas machen müsse. Sie sind dann immer mit den Experten der NW‑FVA dorthin gefahren und haben sich das angeschaut.  In 99 % der Fälle sind sie zum Schluss gekommen: Nein, das können wir laufen lassen! Drumherum besteht keine Gefahr! Manchmal war es dann so gewesen, dass der Käfer hauptsächlich aus nicht rechtzeitig abgefahrenen Holzpoltern kam. Das aber hat sich jetzt leider geändert in den Trockenjahren ab 2018, 19 und 20. Da hat ja dann doch ein so massiver Borkenkäferausbruch stattgefunden, dass wir dann auch gezwungen waren, zuzustimmen, dass da Fichten entnommen werden.

Er war tatsächlich vor Ort und hat sich das angesehen. Man muss auch die Situation der Forstbetriebe verstehen, die sowieso schon unter extremem Druck bei der Bekämpfung der Kalamität stehen. Es war einfach klar, dass wir da eingreifen müssen, um das Forstamt zu unterstützen. Hinzu kommt natürlich, dass der Katzenbau jetzt kein Gebiet ist, das die Fichtenwälder repräsentiert. Da haben sie für die Kollegen vor Ort auch Verständnis, und er und seine Kollegen von der NW-FVA möchten nicht nachher dann diejenigen sein, die dafür verantwortlich sind, dass der Borkenkäfer aus dem Naturwald die umliegenden Wirtschaftswälder gefressen hat. Ökonomie spielt immer auch eine Rolle. Das ist sinnvoll, wenn es um Hunderte von ha Fichtenwald geht, die noch nutzbar sind. Solche Kompromisse zwischen Wirtschaft und Naturschutz sind auch immer schon vorgesehen gewesen, das ist keine neue Regelung.

An dieser Stelle hake ich nach und frage, ob es da einen Paragrafen gibt, der das gesetzmäßig regelt.

Es gibt einen Erlass, der auch im Amtsblatt veröffentlicht ist, also öffentlich zugänglich ist: Sicherung, Betreuung und Untersuchung von Naturwäldern
im Rahmen des LÖWE-Programms. In Kapitel 5.2 über Waldschutz steht:

„Nach Ablauf der Übergangsfrist zur naturschutzfachlichen Aufwertung neu ausgewiesener Naturwaldflächen sind vorbeugende waldbauliche Maßnahmen oder die Beseitigung von kalamitätsbedingt anfallendem Holz in allen Naturwäldern nicht mehr zulässig. Ausnahmen für Waldschutzmaßnahmen bei bestehenden Gefährdungen für benachbarte Waldbestände oder für die menschliche Gesundheit durch vom Naturwald ausgehende Schadorganismen werden durch die Betriebsanweisungen der NLF geregelt.“2Hervorhebung von mir

Meyer verweist auf die im Erlass genannten Betriebsanweisungen. Sie werden auch immer mal wieder überarbeitet von den Landesforsten. Das sind interne Regelungen, wo einige Dinge noch ein wenig feiner geregelt sind.

Die Forstämter der Landesforsten sind für die Betreuung der Naturwälder zuständig. Und da gibt es grundsätzlich mehrere Themen, wo die Forstämter Entscheidungen treffen müssen. Das ist nicht nur wie in diesem Fall der Forstschutz. Es geht auch um das Thema Jagd und das Thema Verkehrssicherung. Da kommen immer mal wieder  kleinere Konfliktfälle auf, wo man dann Regelungen benötigt, um Konflikte im Sinne der Naturwaldentwicklung zu lösen. Es gibt dann immer diese Ausnahmen von der Regel „Natur Natur sein lassen“. Er würde natürlich gerne der Natur komplett freien Lauf lassen. Aber zum Beispiel bei der Verkehrssicherung, da hat der Forstbetrieb dann Schwierigkeiten, z. B. an Forstwegen. Dann hat man da gewisse Einschränkungen. Auch die ganze Schalenwildfrage ist ein wenig kompliziert.

Zusammenfassung durch Forstamtsleiterin Dr. Knust

In einer E-Mail fasst Forstamtsleiterin Dr. Knust noch einmal zusammen:

„Grundsätzlich erfolgen Eingriffe in Naturwäldern mit Schutzstatus nur dann, wenn sie zum Schutz der Wälder erforderlich sind und im Rahmen der geltenden rechtlichen Vorgaben liegen. Wir haben einen Entscheidungsrahmen, der durch Wald- und Naturschutzrecht von außen, sowie durch interne Regelungen, Betriebsanweisungen, die Forsteinrichtung, schriftliche und mündliche Anweisungen durch die Betriebsleitung vorgegeben wird. Innerhalb dieses Rahmens treffe ich hier für mein Forstamt Entscheidungen. Bei heiklen Fragen suche ich immer kollegialen Rat wie im Falle des Naturwaldes bei Herrn Dr. Meyer von der NW-FVA. Aber letztlich stehe ich persönlich für die Entnahme der Borkenkäfer-Fichten im Naturwald gerade. Ich musste abwägen zwischen zwei sehr hoch gehängten Werten: der ungestörten natürlichen Waldentwicklung im Naturwald, zu der auch das Sterben von Bäumen und die Lückendynamik gehört – auf der einen Seite. Und dem Erhalt der großflächigen Fichtenbestände im angrenzenden Wirtschaftswald, die durch gestreckte Überschirmungszeiträume zur Entwicklung einer abwechslungsreichen Folgegeneration einfach noch gebraucht werden – auf der anderen Seite. Kahlflächen hatten wir die letzten Jahre meiner Meinung nach genug.“

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