Telefonat mit Frank Christian Heute, Vorsitzender des ÖJV NRW
Frank Christian Heute ist Vorsitzender des Ökologischen Jagdverbands (ÖJV) in NRW. Er ist selbständiger Unternehmer und Geschäftsführer der ARTEMIS Heute & Elmer GbR. Seine Webseite ist eine wahre Fundgrube von lesenswerten Publikationen zum Thema Jagd.
Guten Tag, Herr Heute. Ich war am Sonntag am Rommersberg. Zuvor hatte ich die Webseite des ÖJV dazu gelesen. Mein großes Problem ist: Wo sind die Eichen? Wie groß sind 3-jährige Eichen? Von denen spricht ja die Webseite. Wie groß sind die? Was muss ich mir vorstellen?
3-jährige Eichen … es sind ja nicht nur 3-jährige, sondern auch 2- oder 4-jährige. Das kommt darauf an, ob sie verbissen sind oder nicht. Die Eichen kriegen ja einen Wachstumsschock, wenn sie verbissen werden – im Gegensatz zu anderen Baumarten. Deswegen sind sie auch sehr verbissempfindlich. Erstens werden sie viel lieber gefressen als andere. Wenn da Buchen, Fichten usw. sind, das interessiert die Rehe nicht, dann fressen die die Eiche. Und zweitens reagiert die mit so einem Wachstumsschock. Wenn einmal dieser Leittrieb, der nach oben ans Licht und über die anderen Pflanzen hinüberwachsen will, wenn der verbissen wird, dann reagiert die Eiche im nächsten Jahr damit, dass sie 2, 3, 4 Leitäste produziert, aber nicht damit, dass ein anderer die Funktion des Leittriebs übernimmt und nach oben schießt. Dementsprechend kann eine 3-4-jährige Eiche nur 10 cm groß sein, weil die immer wieder verbissen worden ist und unten bleibt. Normalerweise ist eine 3-4-jährige Eiche so 30-40 cm hoch. Die sind am Rommersberg auch häufig zu sehen – im Gegensatz zu anderen Flächen. Aber häufig ist relativ.
Ja gut, aber wenn sie nur 30-40 cm hoch sind, dann kann ich sie immer noch nicht sehen.
Doch, aber man muss da reinzoomen wie bei meinem Verbissgutachten oder -aufnahmen. Man muss schon da reingehen und reinzoomen und sie suchen. Und wenn man sie fördern will, dann muss man demnächst die Flächen natürlich auch pflegen.
Was heißt pflegen? Förster Wirtz aus Saarbrücken würde jetzt sagen, man muss die anderen Bäume knicken, damit die Eichen Licht bekommen.
Zum Beispiel. Rommersberg war ja 70 % Fichte vorher. Da ist natürlich dementsprechend auch viel Fichtenverjüngung jetzt auf den Flächen – auch, weil die Rehe nicht daran, sondern an den anderen Laubbäumen fressen. Deswegen verschiebt sich das jetzt wieder im Verhältnis natürlich Richtung Fichte. Und wenn – das sieht man jetzt sehr häufig – einzelne Eichen in so einer Fichtengruppen drin sind, dann haben die zur Zeit noch beinahe die Größe der Fichten. Aber die Fichten, die machen bei den Witterungen, wie wir sie bisher hatten, manchmal 50 oder sogar 70 cm und dann sind die Ruck-Zuck über den Eichen und unterdrücken die. Das heißt, dann müsste man, wenn jetzt so eine Eiche in einer Fichtengruppe ist, die Fichten drumherum wegmachen oder umknicken, damit die Eiche die nächsten Jahre wieder drüberwachsen kann. Wenn zu viele Rehe da sind, dann geht ein Reh da durch und es knipst einmal und dann kriegt die Eiche noch einmal einen Wachstumsschock und die Fichten wachsen dann da drüber und dann war es das mit der Eiche. Dann wird die überwachsen und stirbt ab.
Meine Enttäuschung war deswegen so groß, weil ich habe diese Eichen – sagen wir mal – fotografisch nicht erfassen können. Das sage ich jetzt mal ganz vorsichtig. Wenn man da Bilder macht, sieht man keine Eichen – vielleicht war ich aber einfach an der falschen Stelle oder ich bin zu blöd zum Fotografieren …
Sie müssen doch kleine Eichen gefunden haben mit 30, 40 cm! Die stehen doch alle 2, 3 m auf den Flächen! Oder … je nachdem … jede Fläche ist ja ein bisschen anders. Aber mindestens alle 5 bis 10 m steht doch so eine kleine Eiche!
Also ich habe tatsächlich ein paar kleine Eichen gesehen – komischerweise auf einer Rückegasse, wo man ja normalerweise sagt, da ist der Boden verdichtet. Aber vielleicht macht das den Eichen da nichts. Aber sonst? Ich habe gesucht und gesucht und gesucht … vielleicht bin ich einfach zu blöd und war an der falschen Stelle.
Ja, es ist auch wirklich schwierig manchmal … ich gucke gerade mal in meine Verbissaufnahme 2023 … die steht ja auch im Netz …
… da hatten Sie 90 Eichen gefunden, so steht es auf der Webseite …
90 Eichen, ja. Das ist eine Verjüngungsfläche gewesen, ich erinnere mich. Da waren 60 oder 70 an einer Stelle. Da werden Sie nicht gewesen sein. Das war auch keine Kahlschlagsfläche, das war in einem Eichenbestand drin. In den Kahlschlagsflächen ist es ein bisschen unterschiedlich komischerweise. Man kann das nicht immer so ganz nachvollziehen oder rekonstruieren, warum eine Kahlschlagsfläche viel besser ist als eine andere, die am Gegenhang liegt oder 100 m weiter ist. Aber im Grunde ist in Rommersberg die Eichenverjüngung dort so wie kaum in einem anderen Revier, dass man alle 5, 10 m so eine Eiche sieht, aber so eine kleine und dann muss man wirklich zwischen die anderen gucken.
Entschuldigung, wenn ich Sie unterbreche! Wahrscheinlich meinen Sie immer, wenn Sie sagen, man muss genau gucken, dass Sie dann richtig in die Fläche hineingehen.
Ja klar! Ich gehe ja in die Fläche hinein für die Verbissaufnahmen, markiere mir einen Punkt und mache einen repräsentativen Ausschnitt aus dieser Fläche und dann lege ich einen Transekt durch und nehme jedes einzelne Pflänzchen auf zwischen 20 und 1 m, jede einzelne Baumart. Das ist detektivisch zum Teil.
Das habe ich mir dann schon hinterher gedacht als meine erste Wut … nicht wahr, wissen Sie, man kommt da an – frisch aus dem Harz, wenn Sie so wollen – und dachte mir, jetzt sehe ich also diesen wunderbaren Wald der Zukunft mit Mischbaumarten und was nicht alles – und ich sah genau dasselbe Bild wie im Harz.
Neinneinnein! Ja optisch vielleicht!
Ja, optisch! Man sieht die Birken und ganz viel kahlen Boden … ich übertreibe jetzt wahrscheinlich ein bisschen …
Da können Sie doch mal sehen, dass diese Verbissgutachten … das habe ich jetzt auch mit vielen Förstern … abgesehen davon, dass die Methodik der Verbissgutachten vom Landesforst, dass die grausig ist, die ist wirklich ganz schlimm … aber grundsätzlich, dass es grundsätzlich gut ist, da mal reinzuzoomen und dann wirklich mal Erbsen zu zählen da drin und sich ganz genau im kleinen anzugucken. Dafür ist es nämlich gut – ich habe ganz häufig Förster, die das mit mir mitmachen – also da sind Sie kein Einzelfall. Sie müssen jetzt nicht denken, Oh Gott, was sehe ich denn da nicht? Bin ich blind? Ich habe Förster regelmäßig, die mir dann helfen oder assistieren oder sagen Oh, ich möchte das mal sehen, wie Du das machst! Und die sagen fast immer irgendwie: Was? Das hätte ich nicht gedacht! Wenn man mal so da hineinguckt … das habe ich noch nie gesehen! Ich war jetzt im Fläming letzte Woche auf Kiefern, auf Sand, auf armem Sand und da haben wir ein paar Aufnahmen gemacht rund ums Forsthaus herum. Und da haben wir auf Sand 17 verschiedene Arten gefunden, wir haben ein paar Eschen gefunden, da hat der Förster gesagt, das war 100 m von seinem Haus entfernt, 2 Eschen so 30, 40 cm, sagt er: Ich arbeite hier seit 7 Jahren, die habe ich noch nie gesehen, wusste ich nicht, dass hier Eschen wachsen! Also man muss da reinzoomen richtig, sich das im kleinen angucken. Und dann muss man sich vorstellen, wie ist es soweit gekommen, o. k., weniger Rehe haben hier selektiert und dann für die nächsten Jahre … Eiche wächst langsam, andere wachsen schnell. Das ist auch nicht so schlimm, aber wenn die Fichte da drüber kommt und flächig da hereinwächst, dann unterdrückt das natürlich auch andere Arten. Aber dieser Artenreichtum in Rommersberg, der ist Spitze!
Ich beginne das zu verstehen. Mein Problem ist, als alter Mann komme ich in solche Flächen einfach nicht hinein. Wenn eine Rückegasse da ist, o. k., dann taste ich mich da langsam vorwärts, meine Frau sagt immer schon: Jetzt hör auf, da hineinzulaufen! Und dann liegt da auf den Rückegassen ja auch häufig noch Totholz und die Brombeeren wachsen da hinein, da bleibt man ja dann gerne hängen …
Das wäre natürlich ganz gut gewesen, wenn wir uns getroffen hätten, dann hätte ich Ihnen die Stellen punktgenau zeigen können, wo man nicht so weit laufen muss in die Flächen hinein.
Ich habe ja auch Eichen gesehen! So ist es ja nicht. Und die Salweiden und Vogelbeeren sind viel höher, als ich das im Harz gesehen habe.
Ja natürlich, weil die Verbissprozente viel geringer sind. Das sind ja auch Pioniere, die gehen jedes Jahr einen halben Meter nach oben. Und deswegen sind die in einer höheren Höhenklasse viel mehr vertreten. Und all diese Vorwaldarten sind ja flächendeckend überall da. Das ist auch ein sehr guter Weiser. Denn das ist ja für einen Wald das Allerwichtigste, dass ein Vorwald ausgebildet wird aus diesen Arten. Damit wir einen milden Humus kriegen, damit wir Beschattung auf der Fläche kriegen und eben nicht nur Birke, wie wir das häufig haben. Ich kenne auch Reviere, da gibt es noch nicht einmal Birken, weil die Hirsche alles aufgefressen haben.
Wie ist das mit Weidenröschen? Wenn ich das Weidenröschen sehe, ist das ein guter Indikator dafür, dass der Wildverbiss dort nicht schlimm ist?
Die Kalamitätsflächen werden flächendeckend besamt mit Weidenröschen. Auf jeder Kalamitätsfläche kommen Weidenröschen vor. Es kommt auf den Zustand der Weidenröschen an: die Weidenröschen keimen und werden sofort gefressen. Auch dort, wo viel Wild ist, sieht man noch Weidenröschen. Die kommen dort allerdings – und das wäre ein Indikator – nicht zur Blüte. Wenn Sie allerdings flächendeckend blühende und fruchtende Weidenröschen haben, dann ist das ein Top-Indikator. Dann ist das ein guter Indikator dafür, dass die Wilddichte o. k. sein muss und dass auch andere Arten durchkommen.
Herr Heute, ich bedanke mich für das informative und angenehme Gespräch!
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