Rommersberg – das Musterrevier des Ökologischen Jagdverbands

Telefonat mit Dr. Piest, Betriebsleiter der Gräflich von Spee’schen Forstbetriebe

Das Musterrevier des ÖJV gehört den Gräflich von Spee’schen Forstbetrieben. Mitte September telefoniere ich mit Dr. Andreas Piest, dem Betriebsleiter:

Guten Morgen Herr Piest! Ich bin Mitglied im ÖJV und war auf diese Webseite gestoßen vom Rommersberg. Ich hatte mir von Herrn Heute erklären lassen, wo das ist und bin da gestern gewesen. Das war kein Pappenstiel, 500 km, 6 Stunden Autofahrt hin und zurück. Aber ich wollte mir das unbedingt einmal angucken, wie das so aussieht. Und ich dachte mir, jetzt spreche ich einmal mit jemandem vom Forstbetrieb! Denn mein Problem war – ich drücke es mal vorsichtig aus: Ja so besonders war das jetzt alles nicht! Also solche Bilder … ich habe da jetzt nichts besonderes gesehen. Ich habe Birken gesehen, ein paar Salweiden, aber … Ich habe z. B. auf der Webseite vom ÖJV etwas von Eichen gelesen, die da wachsen sollen. Die müssen aber noch sehr klein sein. Denn ich habe die nicht gesehen …

Der Wald am Rommersberg war 200 ha groß. Davon sind 150 ha kahl. Also müssten Sie 150 ha Kahlflächen durchlaufen …. und dann kommt natürlich hinzu: Wo sollen die Eichen herkommen? Das sind nur die Eicheln von den Eichelhähern. Die Eicheln fallen ja nun mal von ihrem Stamm nicht weit herunter. Also alles Hähersaaten, die erst in den letzten zwei Jahren hochkommen konnten. Denn erst vor zwei Jahren haben wir die Jagd umgestellt.

Entschuldigung, wenn ich dazwischenfrage – wann ist diese Fläche denn geräumt worden?

Zwischen 2019 und 2020.

Ich frage deswegen, weil die Birken – wie alt sind die denn da jetzt? 4 Jahre? 5 Jahre?

Ja genau, die sind jetzt so um die 4-5 Jahre. Es gibt ein paar Flächen, die vorher geräumt wurden. Das ist immer dynamisch das Ganze. 2018 sind auch schon die ersten Sachen da geräumt worden. 2018 gab es ja einen Sturm. Vorher gab es schon ein paar kleine Käferlöcher dort auf der Höhe oben. Das sind die Flächen, die schon ein bisschen weiter sind. Aber es gibt auch Flächen, die erst 2021 kahlgemacht worden sind eben als letztes eben. Aber zwischen 2019 und 21  – das ist der Zeitraum, wo die ganzen Kahlflächen entstanden sind bis auf ein ganz paar kleine, so Käferlöcher, die schon vorher da waren. Also ein Käferloch war dabei, das war mal vielleicht zwei Baumlängen lang höchstens, allerhöchstens, ansonsten ein Baumlänge. Aber die großen Flächen, die Sie da jetzt gesehen haben, die sind alle zwischen 2019 und 21 entstanden und wie gesagt: 21 haben wir erst die Jagd umgestellt. Wir haben also erst zwei volle Jagdperioden, die dritte ist noch voll im Gange.

Das heißt, ich müsste eigentlich die nächsten Jahre mal wiederkommen, um zu sehen, was sich da entwickelt außer Salweiden. Die habe ich auch schon gesehen, die schießen ja schnell in die Höhe. Aber ich war etwas enttäuscht. Das muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, weil man denkt, man kommt da jetzt in den Mischwald der Zukunft …

Ja, so schnell geht es nicht. Die Natur braucht erst mal ein bisschen mehr Zeit. Wir haben aber die Frühweiser. Wir haben Weisergatter dort – stehende oder liegende sogar – Versuch eines liegenden Weisergatters, einfach Hordengatter hinlegen und gucken, dass die Rehe da nicht durchlaufen, weil ihnen das unangenehm ist, wenn das so 40 cm hochsteht, das ist ja wie ein Cattle Grid. Das hat auch bisher funktioniert und siehe da, wir haben ja auch außerhalb der Weisergatter – das sehen Sie natürlich zu dieser Jahreszeit nicht, oder Sie müssten genau gucken – das Weidenröschen überall.

Die habe ich gesehen; man sieht die verblühten Weidenröschen mit den vielen geöffneten Früchten und Samen.

Genau. Das Weidenröschen kommt überall. Wir haben mehrere Exkursionen schon gehabt, auch mit dem PEFC eine Exkursion in einen Bereich, der schon ein bisschen älter war und da waren tatsächlich acht Baumarten zu finden, die da von alleine hingekommen sind.

Wo würde ich diese Baumarten finden? Ich frage deswegen, weil ich eine Webseite habe und das gerne auch dokumentieren würde. Ich möchte auch ein bisschen Werbung machen für vorbildliche Forstwirtschaft. Ich habe gesehen, Sie haben eine wunderschöne Webseite, die ist sehr aufwendig gemacht und professionell. Ich würde mir das wünschen, dass andere Forstbetriebe das auch so machen. Also das hat mir sehr gut gefallen und deswegen bin ich ja auch hingefahren. Wo …

Es ist natürlich einfacher, wenn man dann eben … wie gesagt, das ist ja ein Lehrrevier und Vorzeigerevier vom ÖJV NRW. Und Herr Heute macht auch die vegetationskundlichen Untersuchungen. Er hat ja einen Lehrauftrag und dann kann er auch mal mit Studenten hingehen, aber wie auch immer … man hat soviel zu tun ringsherum. Aber wir haben auch schon mit dem ÖJV eine Exkursion gemacht und mal dieses Verfahren gezeigt, wie man eine Aufnahme macht, indem man einmal quer über so eine Fläche herübergeht und dann das 2-Meter-Band aufnimmt. Es gibt ja verschiedene Techniken für die Wildschadensaufnahme und das Land NRW macht auch flächendeckend etwas hier; die machen immer so Probekreise und dann gucken sie, was da alles über 20 cm wächst. Das ist natürlich auch nicht zwingend; wenn es unter 20 cm weggefressen wird, dann ist es natürlich nicht mehr da. Man kann wissenschaftlich gucken, was passt und was nicht passt. Er hat aber dort schon eine Vegetationsaufnahme gemacht vor 3 Jahren, als es losging, und da gab es eben Fichte, Ilex – alles, was Rehwild mehr oder weniger meidet, weil es pikst, und alles andere war tendenziell weggefressen. Wir haben dort vorher ungefähr 10 Rehe pro 100 ha geschossen und sind dann eben – ich weiß nicht, ob Sie die Zahlen kennen.

Ja, die Zahlen sind ja online. Das habe ich gesehen.

Wir sind dann auf 30 hochgegangen im ersten Jahr, im zweiten Jahr 18. Dieses Jahr kann ich es noch nicht sagen, weil die Saison hat im Herbst, im September gerade erst angefangen. Unser jagdliches Vorbild ist der Dr. Straubinger, der auch schon mehrfach bei Exkursionen mit dabei war. Wenn man das mittelfristig betrachtet – und der hat es ja schon 30 Jahre gemacht, ungefähr oder 25 Jahre – dann sieht man auch den Erfolg. Dann gibt es eben auch Eiche, die dann über das Knie hinauswächst. Aber es ist eine sehr schwierige Aufgabe. Das nachzuhalten und die richtigen Dinge zu finden und das längerfristig zu machen. Da muss man auch ständig wieder Arbeiten bestellen. Wir bestellen jetzt schon den Mulcher, weil es an manchen Stellen schon so hoch wird, dass man gar nicht mehr das Rehwild sieht, weil es so zuwächst in bestimmten Bereichen.

Entschuldigen Sie, wenn ich nachfrage: was heißt Mulcher? Sie wollen das Unkraut …?

Nein, wir mulchen Schneisen, wo wir jagen können. Der Forstmulcher mit ungefähr 2 oder 2,5 m Breite muss eine ehemalige Rückegasse oder an der Stelle, wo es notwendig ist, Schussschneisen machen, damit man überhaupt irgendwo das Reh sieht. Wenn die Bäume erst mal diese Meterhöhe haben, dann sind sie genauso hoch wie ein Reh und dann sieht man es nicht mehr.

Deswegen Rückegassen, weil da nicht ganz so viel wächst vielleicht.

Ja genau. Hinterher brauchen wir ja auch Pflegegassen für die aus unserer Sicht doch sehr intensive Naturverjüngung, die ja viel zu viel kommt – viele verschiedene Baumarten, da pflanzen wir natürlich noch dazu. Das haben wir noch nicht gemacht …

Das wäre meine nächste Frage gewesen, ob Sie auch pflanzen.

Ja, wir pflanzen auch dazu. Wir gucken uns die Flächen an, was da auch ist. Da sind einige Flächen, die frühesten Flächen, die jetzt so eine Höhe haben, dass wir dringend jetzt dazupflanzen müssen. Da muss ich jetzt schon wieder hereingehen – wo z. B. zu viele Weide ist. Denn irgendwann fängt das ja auch an zu verdämmen. Aber – noch haben wir genug Platz dazwischen und werden jetzt noch mal 3 verschiedene Nadelholzarten dazubringen, weil wir ja auch Holz produzieren wollen. Die Douglasie fehlt, die Tanne fehlt und dann kommt noch eine dritte hinzu, ob das eine zweite Tannenart ist, die Küsten-Tanne oder die Weiß-Tanne oder Tsuga, die mit der Douglasie zusammenwächst, oder auch mal eine Thuja, so bisschen eine nordamerikanische Mischung, die dann mit den anderen Baumarten, die von alleine kommen, zusammen hochwachsen muss. Und dann muss man einfach in 10 Jahren in einem Pflegedurchgang mal sagen, wer weiterwachsen darf und wer nicht.

Ich habe ein Problem: wo sind die Reviergrenzen? Ich habe nur Google-Maps und bin von Haus Leppe aus losgegangen.

Ja genau: Haus Leppe, da geht es los, genau – von der Bundesstraße. Dann ist eine Grenze, die hochführt zur Deponie. Die Deponie ist Grenze.

Ist denn diese andere Landstraße auch Grenze – da, wo so viele Motorradfahren ihre Kurven fahren?

Das ist die Horpebachstraße, die ist auch Grenze. Nicht durchgehend, aber die Horpebachstraße, die geht ja dann runter Richtung Engelskirchen, die ist auch Grenze. Aber – wie gesagt – insgesamt sind es ja nur 200 ha Wald dort plus die Landwirtschaft außen rum, aber ein komprimierter Betrieb eben.

Das heißt, westlich von dieser Horpebachstraße ist nicht mehr ihr Revier.

Nein, da geht es den Hang wieder hoch. Nein, da ist ein anderer Graf.

Der profitiert dann von ihrer Jagd …

Der profitiert dann von unserer Jagd, aber das Gute ist, der hat auch einen neuen, einen jungen Forstmann, der auch weiß, dass man viel jagen muss. Der will auch mit viel jagen. Dann gibt es noch … nicht weit davon entfernt ist dann Ehreshoven, auch ein ÖJV geprägtes Jagdrevier. Insofern sind wir mehrere dort und haben gute Chancen, die ganze Region dort intensiv zu bejagen und damit dann auch die Vorteile dieser intensiven Jagd alle gegenseitig zu haben.

Das war ein wichtiges Gespräch für mich. Das rückt doch einiges … ich komme nämlich, mein Hintergrund, warum ich das alles so interessant und spannend finde, was Sie da machen, ist der Harz. Da ist man mit dem Rothirsch nicht ganz so auf Kriegsfuß wie Sie mit den Rehen und da wird viel verbissen und es sieht an vielen Stellen nicht schön aus.

Ich komme aus dem Solling und bin in der 4. Generation Forstmann. Daher sind mir diese Dinge auch durchaus geläufig. Und nochmal eine wichtige Bemerkung – ich nenne es immer so – während Rehwild 2. Liga ist, ist Rotwild Champions-League mit all seinen Herausforderungen.

Im Solling?

Nein, überhaupt! Rotwild so zu bejagen, dass sowohl das Rotwild als auch der Waldbesitzer zufrieden sein kann, das ist eine größere Herausforderung.

Ich sprach mit Herrn Reckleben, der im Harz Forstdirektor ist. Der ist auch da hinterher, aber irgendwie anders als der ÖJV. Und da wird auch noch verdammt viel gezäunt, muss ich sagen.

Und es ist natürlich auch problematisch, noch der Nationalpark vor den Toren da zu haben und mittendrin. Die Eifel ist sicherlich auch sehr problematisch mit dem Nationalpark.

Richtig, da sind auch die Rothirsche!

Ja. Wir haben auch Rothirsche im Sauerland und haben das gleiche Thema. Deswegen sage ich immer: wir steigen jetzt langsam auf von der 2. Liga über die 1. in die Champions-League – mit all seinen Herausforderungen. Es ist ein sehr interessantes Thema und auch ein sehr herausforderndes Thema, aber die Jagd ist einer der essentiellen Bausteine, um einen klimastabilen Zukunftswald aufzubauen. Und das ist das Ziel des Eigentümers. Deshalb müssen wir diesen Hindernislauf mit Wassergraben und Hürden erst einmal überwinden, um dann ans Ziel zu kommen.

Ich finde es schade, dass zu wenig Publicity gemacht wird. Gut – es gibt jetzt diese Webseite zum Rommersberg, es gibt die Webseite der Graf Spee’schen Forstbetriebe. Aber wenn ich jetzt meine Frau fragen würde zu Wildschäden und Rehen – die wüsste da gar nichts von.

Ja, das ist immer noch ein Thema, wo wir uns selber mit beschäftigen. Sie kennen ja die Diskrepanz zwischen dem Deutschen Jagdverband (DJV) und ÖJV. Das sind ja Reviergegner so wie Schalke 04 und Borussia Dortmund. Da kommt man schlecht auf einen grünen Zweig. Aber man muss trotzdem miteinander umgehen und wir versuchen uns auch insofern anzunähern, dass wir im PEFC dauernd Wildseminare machen. Das nächste ist dann tatsächlich auch ins Arnsberg. Wir haben schon mehrere gemacht. In der Eifel haben wir eines gemacht, im Bergischen Land haben wir eines gemacht und jetzt gehen wir dieses Jahr ins Sauerland. Da findet dann dieses Seminar „Wald und Wild“ statt mit Vorträgen von Fachleuten und Diskussionen. Da nehmen auch Vertreter vom ÖJV und Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) teil: Uwe Schölmerich z. B. von der Landesgruppe NRW des ANW. Herr von der Goltz, der Bundesvorsitzende des ANW, ist der berühmteste und Ihnen sicherlich bekannt.

Das war ein sehr informatives und angenehmes Gespräch. Ich bedanke mich sehr herzlich bei Ihnen Herr Dr. Piech!

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