Die unberechtigte Kritik am Forst von Bad Münder

Einleitung

Das erste Foto zeigt einen Fichtenbestand der Reihebürgerschaft Bad Münder:

Das zweite Foto zeigt einen Kahlschlag dort:

Eine Kritik an Fichtenbestand und Kahlschlag ist möglich. Aber ich behaupte, dass eine solche Kritik nicht nur zwecklos ist. Sie ist darüber hinaus in einem ganz grundsätzlichen Sinn unberechtigt. Im Folgenden werde ich diese Behauptung ausführlich begründen.

Der Begriff Forst

Wenn ich den Fichtenbestand oben einen „Forst“ nenne, werden mir vermutlich alle zustimmen. Denn:

„Das Wort Forst ist heute eine umgangssprachliche Bezeichnung für einen abgegrenzten, forstwirtschaftlich genutzten Wald (Wirtschaftswald).“

So steht es im Kosmos Wald- & Forst-Lexikon. Forst = Wirtschaftswald. Es heißt Forst- und nicht Waldgenossenschaft, Forst- und nicht Waldamt, Forst- und nicht Waldbetrieb.

Die Vermischung der Begriffe Wald und Forst

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird zwischen den Begriffen Wald und Forst nicht sauber unterschieden. Im Gegenteil, die Begriffe werden verwechselt, ausgetauscht und vermischt, wie z. B. in dieser Selbstbeschreibung der Niedersächsischen Landesforsten:

„Wir sind der größte Waldeigentümer Niedersachsens und bewirtschaften 335.000 Hektar Landeswald.“

Der Landesforstbetrieb bewirtschaftet Landeswald. Fertig ist die Vermischung der Begriffe. Das hat Methode: Der Landesforstbetrieb von NRW heißt „Wald und Holz NRW“, nicht „Forst und Holz NRW“. 

„Wald und Holz Nordrhein-Westfalen gliedert sich in 15 Regionalforstämter und das Zentrum für Wald und Holzwirtschaft.“

Es müsste natürlich „Zentrum für Forst und Holzwirtschaft“ heißen. Der begriffliche Mischmasch geht weiter:

„Wald begeistert und fasziniert uns […] Vor fast 300 Jahren wurde durch Forstleute der Begriff der Nachhaltigkeit erfunden […] Nicht auf Kosten der nachfolgenden Generationen […] zu wirtschaften, ist das Prinzip.“

Es ist der Forst, der Forstleute begeistert und fasziniert, nicht der Wald. Denn Forstleute wirtschaften.

Negative Assoziationen beim Begriff Forst

Unbewusst ist uns der Unterschied zwischen Wald und Forst durchaus bekannt: Wir sprechen ganz automatisch von einem „naturnahen Wald“ oder einem „Naturwald“. Denn „naturnaher Forst“ hört sich komisch an und von einem „Naturforst“ würde nie jemand sprechen. „Hübscher Forst“ klingt fremd, „hübscher Wald“ nicht. Und das, obwohl ein Wirtschaftswald ja auch hübsch sein kann oder es sein könnte. Aber der Begriff Forst weckt quasi automatisch negative Assoziationen: Forst = Holzacker.

Der Begriff Wald als Oberbegriff

Wenn aber nun jemand beim Anblick des Fichtenbestands im Süntel sagen würde „Das ist kein Wald mehr, sondern nur ein Forst!“, so hätte er Unrecht. Denn auch ein Forst ist ein Wald – zwar ein wirtschaftlich genutzter Wald, aber eben doch ein Wald. Wald ist der Ober-. Forst ist der Unterbegriff. Anders ausgedrückt: Forsten sind eine Teilmenge von Wald. Eine andere Teilmenge sind Urwälder – Wälder, die noch nie wirtschaftlich genutzt wurden. Ein Mittelding zwischen Forsten und Urwäldern sind Naturwälder. Die wirtschaftliche Nutzung wurde eingestellt und sie werden sich selbst überlassen, auf dass sie sich wieder zurück zum Urwald zurückentwickeln – zu einem sekundären Urwald, um ganz genau zu sein.

Die unberechtigte Kritik am Fichtenforst

Man kann einem Fichtenforst wie auf dem Foto oben alles Mögliche vorwerfen:

  • Die Fichten sind alle gleich alt.
  • Es sind nur Fichten.
  • Die Fichten wurden künstlich gepflanzt.
  • Es fehlen Habitatbäume.
  • Es fehlen die Alters- und Zerfallsphasen.
  • Es fehlt die Verjüngung.
  • Es fehlt Totholz.
  • Die Rückegassen haben nur einen Abstand von 20 m.
  • Die Holzernte erfolgt im Kahlschlag.

Usw. usf. etc. pp. Die Liste der Kritikpunkte wäre schier endlos. Und doch wäre die Kritik ungerechtfertigt. Denn der Vergleichsmaßstab einer solchen Kritik ist der Urwald. Um es ganz klar und deutlich zu machen:

  • Es ist Unsinn zu sagen: „Der Fichtenforst ist unnatürlich.“ Ein Forst ist immer unnatürlich – er will auch gar nicht natürlich sein. Ziel ist nicht Naturnähe, sondern Holzproduktion.
  • Unsinn ist es auch zu sagen: „In einem Wald sind die Bäume immer ungleich alt.“  Immer ungleich alt sind die Bäume in einem Urwald – oder in einem seit Jahrzehnten unbewirtschafteten Naturwald.
  • Ein letztes Beispiel: Selbstverständlich fehlen in einem Fichtenforst die Alters- und Zerfallsphasen! Schon das Holz junger Fichten kann mit Gewinn verkauft werden – lange bevor eine Fichte alt wird. Und zerfallen soll eine Fichte im Forst schon gar nicht – sie soll verkauft werden.

Harvester, Rückegassen, Kahlschlag: Alles dient der effektiven und effizienten Holzproduktion und der Gewinnmaximierung. Totholz würde da nur stören: Es liegt oder steht im Weg und behindert so die Arbeit des Harvesters. Außerdem gefährdet stehendes Totholz das Leben der Forstwirte und sorgt für arbeitsschutzrechtliche Probleme. Habitatbäume werfen keinen Gewinn ab und sind überflüssig, ebenso wie Vögel, Pilze und Käfer. Es sei denn, jemand würde dafür bezahlen.

Schluss

Eine Kritik am Forst von Bad Münder ist möglich. Aber sie ist zwecklos und auch nicht berechtigt. Dass ich in der vergangenen Woche mehrere Male durch diesen Forst zum Süntelturm gewandert bin, hat drei Gründe:

  • Der Forst ist nicht schön, aber interessant. Er ist nicht hübsch, aber faszinierend. Es ist wie ein Besuch in einer modernen Fabrik. Hier kann ich besichtigen, wie moderne Forstwirtschaft funktioniert. Hier kann ich erleben, wie Forstleute auf der Höhe ihrer Zeit Holz produzieren: schnell, effizient, kostengünstig und profitabel.
  • Im Forst gibt es riesige Flächen mit Schlagflur. Zurzeit blühen Weidenröschen und Fuchs-Greiskraut. Gelb und rosa. Das sieht fantastisch aus.
  • Der Süntelturm hat eine neue Pächterin. Ihr Kuchen ist sensationell.    

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