Der Streit um den Wolfsschluchtweg – eine Provinzposse aus Ostwestfalen

28.4.2020 – der sechste Artikel des MT zur Sperrung

Der sechste Artikel des MT über die Sperrung datiert vom 28.4.2020 und ist übertitelt Kein Spaziergang: Portas Stadtheimatpfleger setzt sich für Öffnung fast vergessener Wanderwege ein. In diesem Artikel spielt der Wolfsschluchtweg gar nicht die Hauptrolle. Denn der „fast vergessene“ Weg, um den es geht, ist der Zick-Zack-Weg. Dieser aber mündet auf den Wolfsschluchtweg und liegt wie dieser im Wildnisgebiet. Die wichtigste Gemeinsamkeit, die er mit dem Wolfsschluchtweg teilt, ist, dass auch er gesperrt ist – wenn auch nur dessen obere Hälfte. Die Sperrung aber ruft Stadtheimatpfleger Wiese auf den Plan: wie im Fall des gesperrten Wolfsschluchtwegs fordert er auch hier die Öffnung. Und wenn ich oben geschrieben habe, dass es im Zeitungsartikel um den Zick-Zack-Weg geht, so ist das nur zum Teil richtig. Denn genauso gut könnte man behaupten, dass es um Herbert Wiese geht und dass er – und nicht der „fast vergessene“ Weg – in Wirklichkeit die erste Geige spielt.

Man muss Lokalredakteur Haunhorst schon fast dankbar sein für seinen Artikel. Denn er macht in aller wünschenswerter Klarheit deutlich, wie der Stadtheimatpfleger argumentiert – oder besser gesagt: wie er die Argumentation verweigert. Dafür zwei prägnante Beispiele:

Werbung für einen gefährlichen Weg

Haunhorst beschreibt den Zick-Zack-Weg ziemlich genau:

„Kein Spaziergang … Hindernisparcours … Abenteuer … Nun, ein paar Bäume liegen quer auf dem Weg, der zudem recht steil und schmal ist. Und beim Blick nach oben erkennt auch der Laie, dass die ein oder andere Buche ihre vitale Zeit längst hinter sich hat.“

In seinem Kommentar unter dem Artikel wird er noch deutlicher. Vielleicht ist sich Haunhorst gar nicht bewusst, dass er einen Weg beschreibt, der v. a. eines ist: gefährlich.

„Mit den richtigen Schuhen und einer soliden Kondition lässt sich der Zickzackweg gut bewältigen. Zumindest bergauf. Bergab ist das eine oder andere Steilstück eher etwas für Experten.“

Und für Mountainbiker. Sie nutzen den halsbrecherischen Pfad nämlich als Downhill-Piste.

„In jedem Fall ist dieser Weg spannend und ein Erlebnis […] Wer es sportlich-abwechslungsreich mag, wird die Zickzack-Strecke […] mögen. Ein bisschen Abenteuer darf ruhig sein.“

Was versteht Haunhorst unter einer „soliden Kondition“? Und was bitteschön sind die „richtigen Schuhe“? Etwa Bergsteigerstiefel? „Steilstück für Experten“? Müssen Wanderwege neuerdings „spannend“ und „abenteuerlich“ sein?

Wiese weist alle Bedenken wegen der Gefährlichkeit des Wegs zurück:

„Anspruchsvoll ja, aber gefährlich lasse ich nicht gelten.“

Er lässt es nicht gelten … Gründe für seine Meinung nennt er keine. Steil, schmal, umgestürzte Bäume quer über dem Weg … Papperlapapp! Nicht gefährlich! Basta! Diese ewigen Bedenkenträger! Die sollen sich mal nicht so anstellen!

Wenn jemand auf dem „steilen“ und „schmalen“ Weg fällt oder beim Klettern über einen quer über dem Weg liegenden Baum stürzt oder von einem herabfallenden Ast getroffen wird, dann hat er Pech gehabt! Dumm gelaufen! Er war den „Ansprüchen“ des Wegs eben nicht gewachsen. Selbst schuld! Zu alt! Zu schwach! Keine Kondition! Falsches Schuhwerk! Keine Trittsicherheit! Und wenn jemand nach Lektüre des Artikels neugierig geworden ist und den Zick-Zack-Weg ausprobiert und dann etwas passiert, würde Wiese seine Hände in Unschuld waschen: „Nein! Ich habe doch keine Werbung für den Weg gemacht! Wie kann man nur so unvernünftig sein! Ich habe doch gesagt, der Weg ist anspruchsvoll!“ Auch Haunhorst würde jede Schuld von sich weisen: „Ich habe doch geschrieben ….“

verfallene Bank am Zick-Zack-Weg, im Hintergrund eine quer über dem Weg liegende umgestürzte Eiche

Stadtheimatpfleger Wiese verweigert die Argumentation

Denselben Unwillen, Gefahren überhaupt wahrzunehmen, zeigt Wiese noch ein zweites Mal.

Die obere Hälfte des Zick-Zack-Wegs ist gesperrt und „Wiese wundert sich“.

„Woher soll nach Beendigung der Bauarbeiten am Kaiser–Denkmal die Steinschlaggefahr herrühren? Loses Gestein unterhalb der Denkmalmauer sei mithilfe von Zäunen gesichert worden, die man bei Bedarf verstärken könne. Dass man an dieser Stelle nicht weitergehen darf, leuchtet Wiese nicht ein.“

Auch kleinen Kindern leuchtet das Verbot, die heiße Herdplatte zu berühren, nicht ein. Paradoxerweise räumt Wiese selbst ein, dass das „lose Gestein“ zum Problem werden könnte.1siehe Nach dem Steinschlag: Weiterbaggern zu Kaisers Füßen Die Steinfangzäune sind möglicherweise nicht stark genug. Aber dann müssen eben die Zäune „verstärkt“ werden! Hauptsache, der Weg bleibt offen! Alles andere „leuchtet Wiese nicht ein.“ Wäre er nicht der Stadtheimatpfleger, man würde ihm vermutlich ein überzogenes Anspruchsdenken vorhalten:

„Der Zickzackweg endet oben auf dem Wolfsschluchtweg und damit in verbotener Zone. Sollte die Steinschlaggefahr gebannt und die Sperrung des oberen Zickzack-Bereichs aufgehoben werden, müsste also die Wegführung geändert werden und zum Beispiel unterhalb der äußeren Ringmauer entlang auf die Nordseite des Denkmals führen.“

Wiese fordert also nicht nur die Öffnung des Wegs, er fordert nichts weniger als einen völlig neuen Weg durch den felsigen Steilhang unterhalb der Ringmauer.

Steilhang unterhalb der Ringmauer

„Oder aber die Sperrung des Wolfsschluchtweges, so sie denn Bestand haben sollte, müsste hinter die Einmündung des Zickzackweges verschoben werden. Wie auch immer – dieses Problem lasse sich lösen, meint Herbert Wiese.“

Selbstverständlich! Wiese stellt Forderungen. Und der Landesbetrieb Wald und Holz „löst“ dann gefälligst das „Problem“. Oder das Umweltministerium. Oder die EU.2So kostete die Sanierung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals 16,4 Mio. €. Davon zahlte die EU 10 Mio. siehe Sanierung von Kaiser-Wilhelm-Denkmal teurer als geplant, SZ vom 20.2.2018

Wiese souffliert, Haunhorst kommentiert

Unter dem Artikel steht ein Kommentar von MT-Lokalredakteur Dirk Haunhorst. Dabei ist es nicht Haunhorst, der kommentiert, es ist Wiese. Von ihm stammt das Märchen, das das MT seinen Lesern so gerne erzählt:

Es ist wichtig, „Lösungen zu präsentieren, wie Scharen an Spaziergängern das Umfeld von ‚Wilhelm‘ und Wittekindsburg auf attraktiven Strecken erleben können. Es reicht nicht, für die Hauptwanderroute [A2-Rundwanderweg] zu werben und den Rest des Südhangs unter Hinweis auf Naturschutz und Gefahren mehr oder weniger dicht zu machen.“

Auch wenn das MT dieses Märchen immer und immer wieder wiederholt, es wird dadurch nicht wahrer.

  • Es gibt diese „Lösungen“ längst. Es gibt die „attraktiven Strecken“. Der Vorwurf, es gäbe nur „eine Hauptwanderroute“, ist Unsinn. Denn es gibt drei Rundwanderwege; den A1 (Haverstädter Rundweg), den A2 (Königsweg) und den A4 (Kaiser-Wilhelm-Weg). Es gibt neue Informationsschilder und neue Wegweiser. Hinzu kommen die drei Fernwanderwege Wittekindsweg, Arminiusweg und Mühlensteig.
  • Das Touristikzentrum Westliches Weserbergland hat eine professionell aufbereitete Webseite über das Kaiser-Wilhelm-Denkmal ins Netz gestellt. Sie  bietet ein umfassendes Informationsangebot zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Dazu gehören auch Wandertouren in der Nähe, nämlich u. a. die drei Rundwanderweg. Sogar die GPX-Dateien können heruntergeladen werden. 
  • Die angeblichen „Scharen von Spaziergängern“ sind in Wirklichkeit sehr überschaubar. Vielleicht gäbe es wenigstens ein paar mehr, wenn die Ausflugsgaststätte Wittekindsburg nicht regelmäßig geschlossen wäre.
  • Der Südhang wurde nicht „dicht“ gemacht. Der untere Teil des Zick-Zack-Wegs und der Dreimännerweg sind offen. Hinzu kommen die drei Rundwanderwege.


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