Der Streit um den Wolfsschluchtweg – eine Provinzposse aus Ostwestfalen

31.3.2020 – der zweite Artikel des MT zur Sperrung

Schon einen Tag nach dem ersten Artikel zur Sperrung veröffentlicht das MT den zweiten: Regionalforstamtsleiter Raguse verteidigt die Sperrung des Wolfsschluchtweges. Autor ist diesmal nicht Thomas Lieske, sondern Dirk Haunhorst. An Machart und Stil der Artikel ändert das nichts: auch dieser Artikel berichtet nicht neutral und unparteiisch. Sondern Raguses Stellungnahme wird buchstäblich eingerahmt von zwei Gegnern der Sperrung.

Die Verteidigung des Försters

Holger-Karsten Raguse leitet das Regionalforstamt Ostwestfalen-Lippe, das den Weg hat sperren lassen. Dafür hat Raguse 60 sehr gute Gründe: 30 Bäume, die eine unmittelbare Lebensgefahr darstellen, und 30 Bäume, die in Kürze eine solche werden können. Das beweist ein Gutachten.1siehe Der FSC und die Verkehrssicherung am Wolfsschluchtweg – Chronologie der Ereignisse und

Es „gebe ungefähr ’30 sehr kritische Bäume‘, die eine unmittelbare Gefahr darstellten. Darüber hinaus stünden dort etwa 30 weitere Bäume, die sich laut Gutachten ‚kritisch entwickeln‘ könnten.“

Raguse ist mit Sicherheit ein hervorragender Förster und bestens qualifiziert für die Leitung eines Regionalforstamts. Aber vor der Presse agiert er ein ganz kleines bisschen ungeschickt: „laut Gutachten“? Wo ist dieses Gutachten? Wo ist eine gut verständliche Zusammenfassung für die Presse? Noch besser: Wo ist der Gutachter? Am besten von irgendeiner Universität. Oder irgendeinem Institut. Warum hat man den Gutachter nicht zum Pressetermin eingeflogen? Zeitungsleser lieben Gutachter! Und sie glauben ihnen! Wo ist der Prof. Drosten für den Wolfsschluchtweg? Stattdessen redet sich Förster Raguse um Kopf und Kragen:

„‚So etwas sollte eigentlich nicht passieren‘, sagt Holger-Karsten Raguse. Eine Wegsperrung sei die absolute Ausnahme.“

Man hört förmlich, wie die Presseabteilung von Wald-und-Holz NRW aufstöhnt! Genau „so etwas“ sollte nicht nur passieren, das muss passieren, wenn es ein Verkehrssicherungsproblem gibt! Eine Wegsperrung, um eine unmittelbare Lebensgefahr abzuwenden, ist nicht die Ausnahme, und schon gar nicht die absolute Ausnahme, sondern ist völlig normal. Und sie ist sinnvoll und vernünftig und für jeden einsichtig.

„Ihm sei klar, dass angesichts der Corona-Krise vielen Menschen die Decke auf den Kopf falle und sie deshalb unbedingt nach draußen wollten. Auch der Wolfsschluchtweg, dessen Eigentümer das Land ist, sei ein beliebtes Ziel für Spaziergänger.“

In der Presseabteilung von Wald-und-Holz rauft man sich die Haare! Vier Fehler in zwei Sätzen:

  1. Die „Corona-Krise“ hätte sich sehr gut angeboten, um Vergleiche anzustellen: einfache Vergleiche, Vergleiche, die jeder versteht. Wegen dem Virus schließen wir Schulen und Kindergärten. Wegen den Bäumen schließen wir diesen Weg. In beiden Fällen belegen wissenschaftliche Gutachten die Lebensgefahr. Und am besten noch eine Statistik nachlegen, wie viele Menschen jährlich von Bäumen erschlagen werden. Stattdessen erklärt Raguse vor der Presse, dass das Land den geplagten Menschen das Leben noch schwerer macht.
  2. Raguse tappt in die vom MT aufgestellte Falle. Noch am Vortag hatte die Zeitung ohne Beleg einfach behauptet, der Weg sei „beliebt“. Raguse betet das nach. Er hätte stattdessen sagen können, dass es viele wunderschöne Wege am Wittekindsberg gibt.
  3. Den Leuten fällt „die Decke auf den Kopf“ und sie wollen „unbedingt nach draußen“. Und genau in dieser Notlage verbietet das Land ihnen den Weg. Und das auch „noch vor Ostern“! Das ist eine Steilvorlage für die Gegner.
  4. Raguse verweist auf das Land als Eigentümer des Wegs. „Eigentum verpflichtet!“ kontern die Gegner. Oder sie verweisen darauf, dass das Land verpflichtet ist, dies und das für seine Bürger zu tun. Oder darauf, dass der Wald dem Land, also allen Bürgern gehört. Dass diese Bürger aber die Sperrung nicht wollen usw. usf. etc. pp.


Raguse hat zwar völlig Recht:

„Eine Beseitigung der problematischen Bäume komme wegen der besonderen ökologischen Bedeutung nicht in Frage.“

Aber Recht haben und Recht bekommen, sind zwei unterschiedliche Dinge. Damit meinen ich nicht, Recht bekommen vor Gericht. Das wäre nie und nimmer ein Problem. Aber Recht bekommen bei den Zeitungslesern des MT. Das geht nicht mit Formulierungen wie „besondere ökologische Bedeutung“. Das versteht Otto Normalverbraucher nicht. Der hat nicht Biologie und der hat nicht Forstwirtschaft studiert. Was ist eine „besondere ökologische Bedeutung“? Raguse hätte wenigstens auf den Hirschkäfer verweisen müssen, der hier noch vorkommt! Der braucht diese stehenden (!) alten Bäume. Die darf man nicht fällen! Mit gefällten Bäumen kann der nichts anfangen. Und dieser Käfer hier braucht die alten Bäume auch und der auch und dieser Pilz und dieser Pilz. Und dieser Vogel und dieser Vogel! „Wollen Sie dessen Küken umbringen? Wollen Sie seine Bruthöhle zerstören? Die einzige, die er noch hat?“ Und am besten große Fotos mitbringen für den Zeitungsartikel! Viele große Fotos! Wo war nur die PR-Abteilung von Wald-und-Holz?

„Einerseits habe sich mit den schönen alten Buchen ein ökologisches Juwel entwickelt […]“

Das sind Leerformeln, die sich vielleicht für Sonntagsreden in der Wald-und-Holz-Zentrale in Münster eignen. Bei einem Pressetermin in Ostwestfalen weht ein ganz anderer Wind. Und der wird Raguse schon bald um die Ohren pfeifen.

Es gibt einen letzten Fehler, den Raguse und das Regionalforstamt machen. Vielleicht der schlimmste von allen. Das Forstamt ist nur ausführendes Organ. Raguse ist nur beauftragte Person. Nicht er war es, der die Sperrung angeordnet hat. Der Auftraggeber sitzt in Düsseldorf. Die Verantwortliche heißt Frau Späth, ist MRin und arbeitet im Referat III – 3 (Forstpolitik, Forsthoheit, Naturschutz im Wald) im Umweltministerium.2pers. Gespräch d. A. am 8.6.2020 Sie ist die Chefin, sie hätte kommen müssen. In Porta Westfalica hat man Respekt vor Chefs – gleich drei Denkmäler hat man ihnen hier gebaut: das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, den Bismarck-Turm und den Moltke-Turm. Den Schlageter-Turm vergessen wir mal lieber.

Der Angriff der Gegner

Raguse mag beim Pressetermin etwas unglücklich agieren; was das MT dann daraus macht, das hat er nicht verdient. Eine Presse-Stelle, die auf Zack wäre, hätte den Zeitungsartikel in der jetzigen Form auch nicht autorisiert. Schon der Titel ist symptomatisch: „… Raguse verteidigt …“. Wer verteidigt, der wird angegriffen. Und das MT greift an, d. h. es lässt angreifen: Denn das MT rahmt die Aussagen von Raguse ein durch Aussagen von zwei „zertifizierten Natur- und Landschaftsführern“, die zu den lautesten Gegnern der Sperrung zählen. Herbert Wiese, gleichzeitig Vorstand des Vereins für Naturschutz und Heimatpflege Porta, beginnt:

„Stadtheimatpfleger Herbert Wiese hat sich häufiger dafür ausgesprochen, den beliebten Wolfsschluchtweg nicht komplett zu schließen.“

Man möchte ergänzen: … und jedes Mal hat das MT ausführlich darüber berichtet.

„Um so größer ist seine Enttäuschung, nachdem er von der Sperrung erfahren hat. ‚Ich finde diese neue Entwicklung sehr bedauerlich. Viele Menschen dieser Region haben eine ganz besondere Beziehung zu diesem Pfad. Er ist ein Stück Heimat und verbunden mit vielen positiven Erinnerungen‘, so Wiese gegenüber dem MT.“

Wie viele Menschen „eine ganz besondere Beziehung“ haben, verrät Wiese nicht. Und das MT fragt nicht danach. Es fragt auch nicht, was das denn für eine „besondere“ Beziehung sein mag und was das für „positive Erinnerungen“ sein mögen; erste Liebe in der Wolfsschlucht? Als Pfadfinder Lagerfeuer in der Wolfshöhle? Redakteur Haunhorst hätte wenigstens fragen können, welche „besondere Beziehung“ und welche „positiven Erinnerungen“ Stadtheimatpfleger Wiese selbst hat. Auch die Worte „Heimat“ und „Heimatpfleger“ bleiben sonderbarerweise unhinterfragt. Das ist umso auffälliger, weil gerade im MT das Wort „Heimat“ ansonsten überaus verdächtig ist; stünde Wiese oder sein Verein auch nur im Verdacht, Beziehungen zur AFD zu haben – der Fall Wolfsschlucht wäre sofort erledigt und Raguse könnte fortan beruhigt schlafen: „Rechtspopulist fordert Öffnung des Wolfsschluchtwegs“. Oder – auch gut: „Neonazis veranstalten geheimes Treffen in verbotener Wolfshöhle“.

Aber Heimatpfleger Wiese ist rechtspopulistischer Umtriebe unverdächtig – es ist ja nicht Björn Höcke, der die Heimat pflegt:

„Heimatpfleger Herbert Wiese plädiert dafür, den Wanderern nicht nur etwas zu nehmen, sondern Alternativen zu bieten. ‚Sollte es zu einer dauerhaften Sperrung des Weges kommen, müssen neue Überlegungen für Wanderwege auf der Südseite des Wittekindsgebirges angestellt werden.'“

Es heißt Wiehengebirge und Wittekindsberg – aber Schwamm drüber. Interessanter ist, was Wiese mit „neuen Überlegungen für Wanderwege auf der Südseite“ meint. Denn schon ein flüchtiger Blick auf eine Karte belehrt darüber, dass es dort bereits zahlreiche Wanderwege gibt – und keiner von ihnen ist gesperrt:

  • Dehmer Weg
  • Königsweg
  • Dreimännerweg
  • Hindenburgweg
  • Schusterweg
  • Wittekindsweg

Der Vollständigkeit halber seien auch noch der Zick-Zack-Weg 3Verbindung zwischen Dreimänner- und Wolfsschluchtweg südlich des Kaiser-Wilhelm-Denkmals und der Felsenweg erwähnt. Die aber sind auch gesperrt, allerdings ohne dass Wiese sich je beklagt oder das MT je berichtet hätte. Vermutlich gibt es dort keine „positiven Erinnerungen“.

Karte hergestellt aus OpenStreetMap-Daten | Lizenz: Open Database License (ODbL)

Es gibt also ein halbes Dutzend Wanderwege, alle gut ausgebaut – und Wiese will noch mehr? Noch unverständlicher ist, dass Raguse prompt in dieses Fettnäpfchen tritt:

„Raguse sieht das ähnlich und spricht von einem ‚Besucherleitungskonzept‘, das zusammen mit dem Kreis und der Stadt Porta Westfalica erarbeitet werden soll.“

Wenn man nicht mehr weiter weiß, gründet man ’nen Arbeitskreis! Aber wozu? Seit wann müssen die Besucher – Raguse meint vermutlich die des Kaiser-Wilhelm-Denkmals – „geleitet“ werden? Wohin? Zur Wittekindsburg? Wer will da hin? Kommt es zu Staus auf dem Wittekindsweg? Anders gefragt: Gibt es ein „Besucherleitungskonzept“ auf dem Brocken im Harz? Oder auf dem Lusen im bayerischen Wald? Das sind wirklich zwei Berge mit Massentourismus. Aber niemanden stört es. Ganz zu schweigen von den „historischen“ Wanderwegen, die dort gesperrt wurden.4siehe Schneelochweg zum Brocken Kein Hahn kräht danach.


Das Schlusswort überlässt das MT nicht etwa Raguse. Nein, ein zweiter „zertifizierter Natur- und Landschaftsführer“ kommt zu Wort: Lutz Carta, auch er übrigens ein „Heimatpfleger“, aber nur „ehemalig“:

„Für mich gehört die Wolfsschlucht, in der ein großer Teil des Sandsteins für das Denkmal abgebaut wurde, einfach zum Gesamtobjekt. Wir verlieren einen der schönsten touristischen Wege in Porta.“

Die Wolfsschlucht gehört zum Denkmal. Basta! Der Wolfsschluchtweg ist alternativlos! Seit wann gehören Steinbrüche zu einem Denkmal? Egal – Carta ist zertifiziert! Er muss es wissen. Auch, dass genau dieser Weg „einer der schönsten“ von Porta ist. Wenn nicht von Ostwestfalen. Oder von NRW. Oder von ganz Deutschland. Und selbstverständlich fragt das MT nicht nach:

„Herrr Carta, der Verein für Naturschutz und Heimatpflege Porta hat zwei Wanderführer mit insgesamt 22 Touren herausgegeben. Sind Sie die alle schon gegangen?5Ich persönlich nicht. Und ich wohne seit 5 Jahren in Porta. Warum behaupten Sie, dass ausgerechnet der Wolfsschluchtweg einer der schönsten Wege ist, Herr Carta?“

Auf die Antworten wäre ich gespannt gewesen!

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