Kritik am Erholungsdauerwald nach Dubbel

Einleitung

Das Leitbild von Grün-und-Gruga-Essen ist der „Erholungsdauerwald“ nach Prof. Dubbel von der Fakultät Ressourcenmanagement an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim, Holzminden und Göttingen (HAWK). (Die HAWK ist eine Fachhochschule. Prof. Dubbel ist nicht habilitiert.) Ich stelle das Konzept zunächst vor und dann folgt eine kritische Analyse.

1. Das Konzept des Erholungsdauerwalds nach Dubbel

Dubbel vertritt im wesentlichen 2 Thesen:

1.1. Überalterung und Zusammenbruch

Dubbel behauptet, dass die Essener Wälder rund um den Baldeneysee „überaltert“ sind. Viele Bäume wiesen „morsche Äste“ und „faule Stämme“ auf. Es mangele ihnen an „Standsicherheit“. „Kleinflächig sind bereits Zusammenbrüche des Baumbestandes zu beobachten“ (Essen). Die Wälder kämen in eine „Zusammenbruchphase“: Dann „würden sehr viele Bäume unkontrolliert zusammenbrechen“ (WAZ). Das führe zu einem „erhöhten Unfallrisiko und „kritischen Situationen“ in den „stark besuchten“ Wäldern (NaBu, S. 18). Am Ende müssten Waldwege für die Öffentlichkeit gesperrt werden.

Erstes Ziel der „Waldpflege“ muss nach Dubbel also ein „dauerhaft verkehrssicherer Zustand aller Wege“ sein. Der Wald muss „gesichert“ und „stabilisiert“ werden (Essen).

1.2. Artenarmut im Buchenwald

Dubbel behauptet, dass es in „dichten Buchenwäldern“ zu einer Reduzierung der Artenvielfalt“ kommt. Schuld daran ist die Lichtarmut am Boden“ infolge des geschlossenen Kronendachs der Buchen, wodurch lichtbedürftige Arten verdrängt werden (WAZ).

Folglich muss das zweite Ziel nach Dubbel ein „Dauerwald“ sein, der besonderer „Pflege“ bedarf (Erle). Dabei werden – anders als beim in Verruf geratenen Kahlschlag – „nur einzelne Bäume oder kleine Baumgruppen entnommen“. Und zwar werden sog. „Bedränger“ entfernt, die „besonders guten Bäumen“ das Licht wegnehmen. Der Fachmann spricht von „Kronenschlussunterbrechung“ (Erle). Die guten Bäume gewännen so an „Stabilität“ , „Widerstandskraft“, „Vitalität“ und würden im Wuchs „gefördert“ (Jahresprogramm, S. 1). Außerdem gelangt so mehr Licht auf den Waldboden, sodass die natürliche Verjüngung durch nachwachsende junge Bäume angeregt wird. Das sei auch „vorteilhaft für die Natur, da solche Wälder sehr artenreich sind“ (Essen). Abseits der Wege dürfen dann sogar „einzelne Uralt-Bäume“ stehen bleiben.

Dauerwald

 2. Kritische Analyse des Dauerwaldkonzepts von Dubbel

2.1. Das Märchen vom Zusammenbruch

Die Buchen im Essener Stadtwald sind nicht überaltert. Buchen werden 250-300 Jahre alt, einige können über 400 Jahre alt werden. Bei uns werden sie spätestens mit 120-160 Jahren gefällt – das entspricht einem Alter von 30-35 Jahren beim Menschen. Dass sie so früh gefällt werden, liegt aber nicht an einem drohenden Zusammenbruch der Buchen sondern daran, dass das Holz der Buchen ab 120 Jahren einen roten Kern bekommt – daher der Name Rot-Buche. Rotkerniges Holz verkauft sich auf dem Holzmarkt schlechter als weißes Holz.

Rotkern

Weil Buchen bei uns so früh gefällt werden, gibt es in Deutschland so wenige alte Buchenwälder. Nur 6 % aller Buchenwälder sind über 160 Jahre alt: nur 94.145 von insgesamt 1.564.806 ha (Bundeswaldinventur).

Es gibt keinen einzigen wissenschaftlichen Beleg für einen großflächigen Zusammenbruch von alten Buchenwäldern (Korpel). Wir kennen diesen Zusammenbruch von Fichtenmonokulturen z. B. nach dem Orkan Kyrill 2007 oder durch Borkenkäferbefall. Buchenwälder aber erweisen sich als besonders stabil – auch und gerade die alten. So kann man beispielsweise in der 9 ha großen Naturwaldzelle Hiesfelder Wald mit bis zu 200 Jahre alten Buchen die umgestürzten Buchen an einer Hand abzählen. Und dieser Wald wird seit 35 Jahren nicht mehr bewirtschaftet; d. h. es werden weder Bäume gefällt – auch kranke und tote nicht – noch werden umgestürzte Bäume entfernt!

Hiesfelder Wald

Der Zerfall alter Buchen findet immer nur bei einzelnen Bäumen statt. Und dieser Zerfallsprozeß dauert in der Regel Jahrzehnte. Die unten abgebildete alte Buche, deren Stamm auf ganzer Länge von Pilzen befallen ist, ist immer noch ausgesprochen vital: Ihre Krone weist überhaupt keine Lücken auf und an allen Ästen sprießen jetzt im Frühjahr neue Blätter: Pilzbefallene Buche mit hoher Vitalität

Wälder, die einem urwaldähnlichen Zustand am nächsten kommen, wie z. B. der Faule Ort im Nationalpark Müritz weisen ein kleinflächiges Mosaik aller Phasen auf.

Waldentwicklungsphasen Fauler Ort

Das Argument, Bäume aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht fällen zu müssen, ist zu einem Lieblingsargument der industriellen Forstwirtschaft geworden. Es ist eindeutig falsch und stellt eine bewusste Irreführung der Bevölkerung dar. Denn § 14 (1) des Bundeswaldgesetzes lautet klar und deutlich (Hervorhebungen von mir):

„Das Betreten des Waldes zum Zwecke der Erholung ist gestattet. … Die Benutzung geschieht auf eigene Gefahr. Dies gilt insbesondere für waldtypische Gefahren.“

Und der Bundesgerichtshof präzisiert in einem Urteil vom 2.10.2012 – dem sog. Dillinger-Hütten-Urteil – für die letzten Zweifler:

„Die Benutzung des Waldes geschieht … auf eigene Gefahr. Dem Waldbesitzer, der das Betreten des Waldes dulden muss, sollen dadurch keine besonderen Sorgfalts- und Verkehrssicherungspflichten erwachsen. Er haftet deshalb nicht für waldtypische Gefahren … Die Gefahr eines Astabbruchs ist … eine waldtypische Gefahr.“

Deshalb lautet § 2 (1) des Landesforstgesetzes NRW auch folgerichtig:

„… Das Betreten des Waldes geschieht insbesondere im Hinblick auf natur- und waldtypische Gefahren auf eigene Gefahr. Zu den natur- und waldtypischen Gefahren zählen vornehmlich solche, die von lebenden und toten Bäumen … entstehen.“

Spätestens seit dem BGH-Urteil vom 2.10.2012 ist die Begründung von Grün-und-Gruga-Essen, man müsse alte Bäume wegen der Verkehrssicherheitspflicht fällen, hinfällig.

2.2. Das Märchen von der Artenarmut im Buchenwald

Die These von der vermeintlichen Artenarmut im Buchenwald ist in den letzten Jahren einer umfangreichen Kritik unterzogen worden. Dass Dubbel sie trotzdem vertritt, beweist entweder seine Unkenntnis der ökologischen Literatur oder die bewußte Absicht, Baumfällungen durch falsche Behauptungen ideologisch zu rechtfertigen.

Hier ein Bild aus dem bestürzend artenarmen Buchenwald im Nationalpark Hainich:

Leberbluemchen Nationalpark Hainich

 

Stand der Forschung ist:

  • Artenvielfalt oder -armut ist kein Kriterium für den Wert eines Ökosystems. Die größte Artenvielfalt gibt es im Zoo.
  • Nach umfangreichen Baumfällungen erhöht sich ohne Frage die Artenvielfalt. Allerdings dringen in die Kahlschlagsflächen Arten ein, die gar nicht in einen natürlichen Buchenwald hineingehören: Weidenröschen, Springkraut, Flatterbinse, Brennnessel usw.. Viele dieser Arten zeigen gerade Waldschäden wie z. B. Bodenverdichtung und Vernässung an (Flade, S. 18).
  • 1400 Käfer leben in totem Holz – das entspricht einem Fünftel aller Käferarten in Deutschland (Sperber, S. 29). Der Totholzanteil im Essener Stadtwald beträgt 8 qm/ha (Forstbetriebsplan, S. 51). Am Faulen Ort (s.o.) beträgt er 219 qm/ha (Möller, Folie 6)! Zwei Drittel der Holz bewohnenden Käfer stehen auf der Roten Liste.
  • Im Müritzer Nationalpark, der mit den „Heiligen Hallen“ und dem „Faulen Ort“ gleich zwei 300 Jahre alte Buchenwälder besitzt, die seit 100 Jahren nicht mehr bewirtschaftet werden, wurden bisher 133 Moosarten, 593 Pilzarten und 152 Flechtenarten gezählt. Im Hainich-Nationalpark waren es 1314 Pilz- und 1121 Pflanzenarten (Sperber, S. 49).
  • Auch viele Vögel sind dringend auf Buchenwälder angewiesen, die älter als 160 Jahre alt werden: so z. B. der Mittel-, Klein-, Weißrücken- und der Grauspecht, der Wespenbussard, der Waldkauz, die Hohltaube u. v. a. m.. Gleiches gilt für Fledermäuse wie z. B. die Bechsteinfledermaus, die stark gefährdet ist (Sperber, S. 50).

Der „Erholungsdauerwald“ ist nicht naturnah, sondern ein künstliches Produkt, bei dem der Mensch beständig in die natürlichen Prozesse eingreift. Dubbel empfiehlt Holzfällungen „alle 3 Jahre“ (WAZ). Aus ökologischer Sicht bzw. aus der Sicht des Naturschutzes ist es Irrsinn, einen alten Buchenwald in einen „Erholungsdauerwald“ zu überführen: „Warum soll ich einen alten dicken Baum fällen, nur um ihn durch einen jungen dünnen zu ersetzen? Warum soll ein Wald eine stufige Struktur haben? Natürliche Wälder müssen nicht gepflegt werden! Forstwirtschaft ist kein Naturschutz!“ (Peter Wohlleben)

2.3 Greenwashing

Der Dubbelsche „Erholungsdauerwald“ ist ein klassisches Beispiel für „Greenwashing„: Es ist eine Public-Relation-Kampagne mit dem Ziel, der Essener Forstverwaltung „in der Öffentlichkeit ein umweltfreundliches und verantwortungsbewusstes Image zu verleihen, ohne dass es dafür eine hinreichende Grundlage gibt“ (Wikipedia, Hervorhebungen von mir).

Das ganze Konzept liest sich wie ein Werbeprospekt. Es wimmelt von Superlativen: „beste Leistungen“, „höchste Sicherheit“, „beste Pufferung“, „optimale Sicherstellung“, „naturverträglichste Form“, „günstigste Art“, „geringste Kosten“, „ökologisch sinnvollsten“ „der Natur am nächsten stehend“ usw. usw.. Prof. Dubbel hat die eierlegende Wollmichsau erfunden. Sein Konzept erfüllt alle – aber auch wirklich alle – Ansprüche an die Forstwirtschaft: „Arten-, Biotop-, Wasser-, Klima-, Boden-, Lärm-, Sicht-, und Immissionsschutz“. Und es liefert „Erholungsräume für uns Großstadtbewohner“. Und den „Wert- und Rohstoff Holz“. Und das alles „bei gleichzeitiger Optimierung der zuvor genannten Wirtschaftsziele“. Und – selbstverständlich! – durch „langfristig intelligente Nutzung der biologischen Automation“.

Vollends unerträglich wird das Ganze durch das mittlerweile übliche grüne Wortgeklingel: Alles ist „nachhaltig“, „ökologisch“, „naturnah“, „naturverträglich“, „angepasst“ und „schonend“. Es wird „entwickelt“, „erhalten“, „geschont“, „gefördert“ und „gepflegt“. Vor allem gepflegt! Und deswegen heißt das Forstamt auch fortan „Amt für Waldungen und Waldpflege„.

Die Wirklichkeit sieht so aus:

"Waldpflege" mit der Motorsäge

 

3. Schluss

Der Fall Essen ist insofern deprimierend, weil es hier in den 80er Jahren nach Bürgerprotesten gegen Kahlschläge in alten Buchenbeständen bereits zu einem 7jährigen Einschlagsstopp gekommen war. Ab 1988 wurde immerhin nur der halbe Holzzuwachs genutzt (Nabu, S. 18).

2005 leitete dann Grün-und-Gruga Leiter Roland Haering die Wende ein. Sein Argument: Verkehrssicherungspflicht! Schon die Sprache ist verräterisch: „Baum ab? Ja bitte!“ lautete eine Überschrift in der WAZ. Der Artikel beginnt wie eine Realsatire: „Über viele Jahre durfte der städtische Wald weitgehend ungestört wachsen. So geht es nicht weiter, sagt Experte Prof. Volker Dubbel.“

Dass man seinen Stadtwald völlig anders gestalten kann, dafür ist der 1.011 ha große Saarländer Stadtwald ein leuchtendes Vorbild: Seit 2002 entsteht dort ein „Urwald vor den Toren der Stadt“.

Quellen: