Naturwald Schrabstein im Süntel – 2013

Hinweis

Veröffentlicht wurde der nun folgende Artikel im Juli 2013. Obwohl ich nur 30 km entfernt wohne, habe ich den Naturwald Schrabstein 13 Jahre lang nicht wieder besucht. Dies war ein Fehler, denn als ich ihn im April 2026 wieder aufsuchte, war ich begeistert. 2013 war ich offensichtlich nicht begeistert und mein Artikel damals war eher ein Verriss als eine Beschreibung.

Zunächst dachte ich daran, den Artikel gründlich zu überarbeiten; ganze Abschnitte wollte ich streichen, andere völlig verändern. Aber diese Idee habe ich verworfen und stattdessen den alten Text so stehen lassen. Nur Kommentare – kursiv gedruckt und eingerückt – habe ich hinzugefügt. So können Leser erkennen, wo und wie sich meine Meinung geändert hat.

Meine Selbstkritik ist vielleicht lehrreich. Denn Kritik von Umweltschützern, die ungerechtfertigt ist oder weit über das Ziel hinausschießt oder einfach nur sachlich falsch ist, scheint mir nicht ganz selten zu sein.

Einleitung

Der 22,4 ha große Naturwald Schrabstein liegt nördlich von Hessisch-Oldendorf im Westen von Niedersachsen. Der Schrabstein ist ein 300,2 m hoher Berg im Süntel. Er besteht aus 14 Felsmassiven von 5-18 m Höhe.

SchrabsteinSchrabstein im März 2013

Der Naturwald ist Teil des Naturschutzgebiets Hohenstein, des FFH-Gebiets Süntel, Wesergebirge, Deister und des Vogelschutzgebiets Uhu-Brutplätze im Weserbergland. Klettern ist dort verboten.

Im Naturschutzgebiet Hohenstein wird überall Forstwirtschaft betrieben. Dadurch werden dem Wald schwere Wunden geschlagen, wie Sie auf meinen Seiten zum Hohenstein nachlesen können. In zwei Naturwäldern im Naturschutzgebiet allerdings können Sie bewundern, wie die Wälder aussehen würden, wenn das Forstamt Oldendorf von den Niedersächsischen Landesforsten sie nicht misshandeln würde: im Naturwald Hohenstein und im Naturwald Schrabstein. Dort schweigt seit 1974 die Motorsäge.

Kommentar

2013 habe ich keinen nüchternen und ausgewogenen Bericht geschrieben: „schwere Wunden geschlagen“ und „Wälder misshandeln“ sind keine neutralen Formulierungen. Der Grund für meinen Zorn waren die vielen frischen Hiebe im März 2013 am Hohenstein. In nur einem Monat war ich auf nicht weniger als 7 Orte gestoßen, wo alte Buchen und Eichen gefällt worden waren. Ich war so aufgebracht, dass ich die Zeitung informierte und sogar Strafanzeige gegen das Forstamt stellte.1siehe Hohenstein – 2013 Vor diesem Hintergrund wird vielleicht verständlich, dass ich für die Schönheit des Naturwalds Schrabstein keinen Blick hatte. Die Psychologie spricht von selektiver Wahrnehmung.

Anfahrt und Wanderweg

Idealer Ausgangspunkt für Wanderungen um den Schrabstein ist der Parkplatz „Am Vorberg“ an der Riesenbergstraße (K 85):


Größere Kartenansicht

Eine genaue Karte des Naturwalds Schrabstein verdanke ich Peter Meyer von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt:

Schrabstein_Karte

Die ganze Karte steht hier als PDF-Datei zum Download bereit: Karte des Naturwalds Schrabstein

Sie können die ganze Naturwaldzelle auf einem 8,5 km langen Rundwanderweg umwandern. Im bewirtschafteten Naturfreundehaus Schneegrund kann man einkehren. Im Höllenbachtal kommen Sie an einem 15 m hohen Wasserfall vorbei, dem höchsten in Niedersachsen:

Schrabstein_TrackRundwanderweg um den Naturwald Schrabstein

Die gpx-Daten der Wanderung finden Sie hier zum Download (rechte Maustaste – Ziel speichern unter): Schrabstein.gpx

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Biologie

Würde der Mensch nicht eingreifen, so wäre ganz Deutschland im Wesentlichen mit Buchenwäldern bedeckt. Auch am Hohenstein wäre die Potenzielle Natürliche Vegetation (PNV) ein Buchenwald.

Die Datenbankeinträge für den Schrabstein enthalten große Lücken. Flächenanteile für die Baumarten fehlen. Und die Angabe zur Altersspanne der Buchen ist falsch. Denn die Buchen unterhalb des Schrabsteins sind noch sehr jung – schätzungsweise 60 Jahre.

Steckbrief_Naturwald_Schrabstein
 

Kommentar

Die Seite Naturwald-Info der NW-FVA gab es damals noch nicht. Und die damalige Webseite naturwaelder.de führt heute auf eine Seite der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) über Naturwaldreservate. Dort gibt es auch noch die Datenbank, von der ich 2013 meine Informationen über den Naturwald Schrabstein bezogen hatte. Damals meinte ich, viele Fehler entdeckt zu haben: „Flächenanteile für die Baumarten“ würden fehlen und „Angaben zur Altersspanne“ seien falsch. Vielleicht war das 2013 so. 2018 ist es definitiv nicht mehr so: Im Steckbrief oben, der mit der Datenbank erstellt worden ist, fehlen die Flächenanteile nicht. Und die Angaben zur Altersspanne sind zwar sehr breit gefasst, aber vermutlich nicht falsch. Sehr viel ausführlicher sind die Angaben des Kurzportraits des Naturwalds Schrabstein von der oben erwähnten, neuen Naturwald-Info-Seite.

Es ist verwunderlich, warum 1974 ein gerade einmal 20 Jahre alter Jungbestand von Buchen unter Totalschutz gestellt wurde. Zumal benachbarte Buchenwälder sehr viel älter und schutzwürdiger waren.

Kommentar

Ich habe mich gefragt, wie ich auf den „gerade einmal 20 Jahre alten Jungbestand von Buchen“ gekommen bin. Vermutlich so: 2013 waren die Buchen am Südhang „schätzungsweise 60 Jahre“ alt. Dann waren sie 1974, im Jahr der Unterschutzstellung, 20 Jahre alt. Damals habe ich das kritisiert. Man kann das machen: Unbestritten ist der naturschutzfachliche Wert von erst 20 Jahre alten Buchen sicherlich begrenzt. Andererseits: Junge Buchen werden einmal alt und dann sind sie sicherlich schützenswert. Außerdem wird ja der ganze Prozess des Älterwerdens geschützt: Es wird beispielsweise nicht mehr durchforstet – schlecht wachsende oder absterbende Buchen bleiben stehen.

Offensichtlich wollte die Forstwirtschaft auf das profitable Holz aus den alten Buchenwäldern nicht verzichten. Es drängt sich der Verdacht auf, dass nur diejenigen Teile des Süntels unter Totalschutz gestellt wurden, in denen der Holzeinschlag ohnehin wegen der steilen Felsen und des rauen Klimas keine Profite abwirft.

Kommentar

Das war auch 2013 schon falsch: Steile Hänge sind kein Argument gegen profitable Holzwirtschaft. Dafür sorgen Seilwinden und spezielle Hangharvester: siehe Holzernte in steilen Hanglagen. Darüber hinaus sind die Flächen nördlich des Kamms vollkommen eben und voller wunderschöner, gut gewachsener Buchen, die zu einem guten Preis zu verkaufen gewesen wären.

Gleiches gilt für den benachbarten Naturwald Hohenstein, wo nur ein ganz schmaler Streifen direkt unterhalb des Gebirgskamms geschützt ist.

Kommentar

Das ist mittlerweile völlig falsch:

„Mit 1.300 Hektar Fläche ist der nahe Hessisch Oldendorf gelegene NatUrwald Hohenstein das größte NatUrwaldreservat Niedersachsens außerhalb des Nationalparks Harz. Hier wird nicht bewirtschaftet, sondern beobachtet – ein Waldgebiet, in dem die Natur ohne menschlichen Eingriff ihren eigenen Weg findet. Holz wird nicht geerntet und Bäume werden älter, keine Setzlinge werden gepflanzt und Tiere finden in der Vielfalt ihren Lebensraum.“2Frühlingserwachen im Naturwald Hohenstein

Die Buchen [im Naturwald Schrabstein] bilden heute einen einschichtigen Altersklassenwald, der alles andere als natürlich ist.

Kommentar

Das war 2013 vielleicht noch auf bestimmten Teilflächen richtig. Auf anderen Teilflächen hatte sich Naturverjüngung eingestellt und somit schon eine zweite Schicht gebildet. Der Vorwurf der Einschichtigkeit ist trotzdem wohlfeil: Alle Naturschutzwälder waren einmal Wirtschaftswälder. Und letztere sind leider häufig nur einschichtig. Wobei es heutzutage auch in Wirtschaftswäldern das Ziel ist, mehrere Schichten anzustreben.

Er [= der Naturwald Schrabstein] unterscheidet sich aber in 2 Punkten von den künstlichen Stangenäckern, wie sie so häufig in den Niedersächsischen Landesforsten anzutreffen sind:

1.
Sein Totholzgehalt ist höher. Der Waldboden ist nicht „sauber“, „ordentlich“ und „aufgeräumt“ wie die Försterwälder im Süntel.

Ackertotholzfreier Buchen-Stangenacker unter der Teufelskanzel, künstlich produziert von der Revierförsterei Langenfeld

Kommentar

Das Beispiel oben ist sehr unglücklich gewählt, um es vorsichtig zu formulieren: Denn von der Teufelskanzel geht der Blick hinunter in den Naturwald Hohenstein. Dieser war bereits 1972 als einer der ersten Naturwälder Niedersachsens aus der Nutzung genommen worden. Zwar sagt auch das Kurzportrait der NW-FVA:

„Überwiegend handelt es sich um recht strukturarme Hallenbestände, in denen kaum ein Unterstand oder eine Verjüngungsschicht ausgebildet sind.“

Insofern habe ich nicht Unrecht, von einem „Stangenacker“ zu sprechen. Aber das bleibt natürlich nicht so und hat sich schon in den 10 Jahren seit 2013 verändert

Ganz unverständlich ist mir, warum ich nicht einfach Fotos mit dem Totholz am Schrabstein gezeigt habe. Sein Waldboden war auch 2013 schon nicht „sauber“, „ordentlich“ und „aufgeräumt“  Dafür reichen 40 Jahre Prozessschutz nun wirklich völlig aus.

2.
Die Buchenstangenhölzer sind nicht „durchforstet“ worden. Eine Einteilung in Z-Bäume und Bedränger fand nicht statt.

Acker_2durchforsteter Wirtschaftwald am Ramsnacken, im Vordergrund 4 Baumstümpfe

Kommentar

Am Ramsnacken waren 2013 alte Buchen gefällt worden. Aber darum geht es ja hier gar nicht. Ich wollte verdeutlichen, dass im Naturwald nicht durchforstet wird. Auch dafür hätte ich Fotos vom Schrabstein zeigen können: siehe unten die Fotos mit „vielen schiefen und krummen Buchen“. Stattdessen zeige ich ein Foto mit 2 Stubben im Vordergrund. Das hat aber mit Z-Bäumen und Bedrängern und Durchforstung gar nichts zu tun. Im Gegenteil: Die Buchen im Hintergrund stehen sehr dicht und sehen alles andere als durchforstet aus.  

Oben auf dem Kamm des Schrabsteins stehen die kümmerlichen Reste eines alten Buchenwaldes, die wohl „121-160 Jahre“ (Datenbank) alt sein mögen.

Kommentar

Die Datenbank spricht nicht nur von „121–160 Jahre“ alten Buchen, sondern auch von „161-200 Jahre“ alten Buchen. Und die Giganten oben am Kamm sind sicherlich so alt. Wie ich hier von „kümmerlichen Resten“ reden konnte, ist mir heute unverständlich. 2026 war ich förmlich überwältigt und sprachlos.

Dort steht auch ein Jungbestand von Buchen, der weniger als 20 Jahre alt ist. Da der Schrabstein seit 1974 unter Totalschutz steht, ist unklar, wie dieser dorthin gekommen ist:

Kamm_Quer_1links Reste eines alten Buchenwalds, rechts Buchenjungbestand unklarer Herkunft

Kommentar

Rechts, das ist Naturverjüngung. Ja, was denn sonst? Vielleicht war ich einfach übermüdet, als ich den Absatz geschrieben habe. Ich tue ja so, als ob Totalschutz Naturverjüngung ausschließt: „unklar, wie dieser dorthin gekommen ist“. Was für ein Unsinn!

Es ist bedauerlich, dass die Schneegrundstraße die südliche Grenze des Naturwalds bildet. So sind die Bäume im Höllenbachtal nicht geschützt. Gerade dort befinden sich noch einige wenige besonders schöne alte Buchen. Gut möglich, dass Sie diese Altbuche auf Ihrem Spaziergang schon nicht mehr sehen werden:

Grenzbaum ungeschützte Altbuche an der Schneegrundstraße

Kommentar

Es ist tatsächlich „gut möglich, dass Sie diese Altbuche auf Ihrem Spaziergang schon nicht mehr sehen werden.“ Aber es ist unfair von mir zu suggerieren, dass sie gefällt worden ist, weil ein habgieriger Förster damit Geld verdienen wollte. Vielleicht wurde sie auch gefällt, weil sie auf die Straße zu fallen drohte. Vielleicht ist sie aber auch bei einem Sturm umgefallen.

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Fotos

Die folgenden Bilder entstanden im Juli 2013. Sie wurden von der Schneegrundstraße aus aufgenommen und zeigen einen dichten jungen Buchenwald. Die Buchen sind vielleicht 60 Jahre alt. Wenn Sie mit der Maus über die Bilder fahren, wird eine kurze Beschreibung sichtbar.

Vier Monate zuvor, im März 2013, wurden die folgenden Bilder von derselben Stelle aus aufgenommen:

Oben auf dem felsigen Gipfel des Schrabsteins wachsen im rauen Klima viele schiefe und krumme Buchen. Durch den Wind wurden Äste abgebrochen. In einigen Stämmen sind durch Pilze Höhlen entstanden. In Wirtschaftswäldern wären solche Bäume längst gefällt und als Brennholz verkauft worden. Neben den knorrigen Buchen finden sich dort oben auch einige wenige majestätische, über 150 Jahre alte Buchenriesen.

Kommentar

Sonderbarerweise spreche ich hier nicht von „kümmerlichen Resten“.

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