Mächtiges Framing – Der Naturschutz-Frame in der Forstwirtschaft

Der Naturschutz-Frame im Antrag auf den Kahlschlag

Geschäftsführer Rainer Paulus macht das, was alle Beteiligten machen: Er stimuliert den Naturschutz-Frame gleich im ersten Satz

„Sehr geehrter Herr Urbaczka, sehr geehrter Herr Schulzke, hiermit stellt der Zweckverband Naturpark Kellerwald-Edersee als Träger des gesamtstaatlich bedeutsamen Naturschutzgroßprojekts Kellerwald-Region den Antrag auf vorzeitige Nutzung der jungen Fichtenbestände […].“1siehe Antrag auf Kahlschlag am Wüstegarten durch Achim Frede – Einleitung

Und um ganz sicherzugehen, dass im Kopf die richtigen neuronalen Schaltkreise aktiviert werden, fügt Paulus dem Wort „Naturschutzgroßprojekt“ noch die beiden Adjektive „gesamtstaatlich“ und „bedeutsam“ hinzu.

Der unbekannte Autor aus dem Forstamt Jesberg, der die erste Anlage des Antrags geschrieben hat, nennt unbeabsichtigt die wahre Funktion des Wortes „Naturschutzgroßprojekts“. Seine Überschrift lautet tatsächlich: „Biotopoptimierende Maßnahme im Rahmen des Naturschutzgroßprojekts […]“2Hervorhebung von F.-J. A.

Wiederholungen

Achim Frede schreibt die zweite Anlage des Antrags. Er schafft das Kunststück, in Kopfzeile, Überschrift und erstem Satz den Frame „Naturschutz“ gleich fünfmal zu aktivieren: Und die Idee von „Naturschutz“ festigt sich und festigt sich und festigt sich, je öfter sie wiederholt wird. In der Kopfzeile stellt Frede sich selbst als „Fachliche[n] Leiter NGP“ vor. NGP ist die allen Beteiligten geläufige Abkürzung für „Naturschutzgroßprojekt“. In der Überschrift benutzt Frede die Abkürzung nicht und schreibt das Wort fett gedruckt aus: „Naturschutzgroßprojekt: Waldumbau-Maßnahme am Wüstegarten 2015 ff.“3Hervorhebung im Original Der erste Satz lautet:

„Naturschutzgroßprojekte (NGP) sind Förderprogramme des Bundes (BMUB, BfN) für Naturschutzvorhaben von gesamtstaatlich-repräsentativer Bedeutung.“4Hervorhebung im Original

BfN steht für Bundesamt für Naturschutz; somit bespielt Frede den Naturschutz-Frame in einem einzigen Satz gleich dreimal. Und als wüssten die Herren Urbaczka und Schulzke es noch nicht, hebt auch Frede die alles überragende Wichtigkeit des Vorhabens noch einmal in fett gedruckten Buchstaben hervor: Es ist bedeutsam für den ganzen Staat.

Rücknahme, zügig, großflächig

Natürlich vermeidet auch Frede das böse Wort vom Großkahlschlag. Stattdessen verwendet er die Metapher von der „Fichtenrücknahme“, wobei unklar bleibt, wer eigentlich die Fichten zurücknimmt. Oder er spricht von der „gewählte[n] Methodik“ und dem „relativ zügige[n] und großflächige[n] Vorgehen“. Der allererste Grund für den Großkahlschlag aktiviert wieder den Naturschutz-Frame. Der Grund ist nämlich „die nötige merkliche naturschutzfachliche Aufwertung der beeinträchtigten Flächen und Biotoppotenziale“. Die Natur ist offenbar auf kahlgeschlagenen Flächen besser geschützt und mehr wert.

Am 4. September 2015 genehmigt Joachim Urbaczka von der Oberen Forstbehörde „die Abholzung“.5siehe Antrag auf Kahlschlag am Wüstegarten durch Achim Frede – Einleitung Sie sei „aus zwingenden naturschutzfachlichen Gründen notwendig“.6Hervorhebung von F.-J. A. Elisabeth Wehling betont, dass bestimmte Frames eine „wahnsinnige Zugkraft im Gehirn“ entwickeln.7siehe Elisabeth Wehling, Die Macht der Sprachbilder  Der Naturschutz-Frame gehört dazu: Am Ende ist es tatsächlich der Naturschutz, der zum Kahlschlag zwingt.

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