Wetter und Klimawandel in den Tätigkeitsberichten des Nationalparks Harz

„Jedes Wetterereignis, welches das Narrativ zu stützen scheint, wird sogleich zum Klimamenetekel, während umgekehrt alle Phänomene, die sich nicht umstandslos einfügen lassen, nur zufällige Kapriolen sind, die mit dem Klimawandel nichts zu tun haben.“
Michael Esders (Sprachregime, S. 86)

Tätigkeitsbericht 2016

Im Harz scheinen sonderbare Menschen zu wohnen; ihre besondere Leidenschaft ist es, Pflanzen genau dort anpflanzen, wo sie schlecht wachsen:

„Unstrittig ist, dass es in den letzten Jahren immer schwieriger geworden ist, Hochgebirgspflanzen auch unter Brockenbedingungen zu kultivieren.“

Es ist auch schwierig, Palmen am Brocken zu „kultivieren“. Sie gehören da einfach nicht hin. Genauso wenig wie Hochgebirgspflanzen. Das hat mit dem Klimawandel überhaupt nichts zu tun. Aber wie gesagt: Pflanzen dorthin zu pflanzen, wo sie nicht hingehören, ist ein Hobby im Harz. Auch die Fichten gehören da nicht hin.

„So ist die Aussage, auf dem Brocken gäbe es nur alle vier Jahre einen Sommertag (Temperatur über 25 °C), für die letzten Jahre zu relativieren. Auch längere Trockenphasen, vor allem in der Hauptwachstumszeit, sind festzustellen. Das Auftreten von extremen Wettersituationen, die sich in den Durchschnittswerten der Klimastationen nicht in jedem Fall widerspiegeln, ist häufiger geworden. Und dies ist nicht nur auf dem Brocken so, wie Kolleginnen und Kollegen aus anderen Gärten mitteilen. Daher ist es eine ganz besondere Aufgabe der Einrichtungen, auftretende Phänomene wissenschaftlich zu erfassen und gezielt zu untersuchen.“

Hier wird etwas deutlich, wovon nur wenig gesprochen wird: Der Klimawandel sichert die bestehenden Arbeitsplätze und schafft neue. Der Klimawandel als Jobmotor. Denn:

„Nur mit Hilfe kontinuierlicher Forschungsprojekte kann man Korrelationen zwischen der Witterung und Veränderungen am Standort, am Wuchsverhalten und der Artenzusammensetzung der vorkommenden Gefäßpflanzen dokumentieren.“ (Tätigkeitsbericht 2016, S. 30)

Eine Premiere im Jahr 2016: Zum ersten Mal taucht die „rasante Dynamik“ auf. Will sagen: die Fichten sterben. Massenhaft. Und zwar so schnell, wie niemand es erwartet hat.

„Einen großen Einfluss auf diese Entwicklungen hatte die heiße und trockene Witterung bis in den September hinein. Der Wassermangel hat die Fichten geschwächt und sie somit anfälliger für den Anflug des Borkenkäfers gemacht. Im Ergebnis dessen ist eine rasante Dynamik des Borkenkäferbefalls in der Naturdynamikzone erkennbar.“ (Tätigkeitsbericht 2016, S. 36.)

Tätigkeitsbericht 2017

Wenn die strukturarmen, naturfernen Fichtenwälder sterben, dann ist das nicht so schlimm. Aber 2017 stellt man fest, dass auch die Fichten am Brocken sterben. Sperber sprach sogar vom „Brockenurwald“. (Urwälder Deutschlands, S. 136 ff.) Und auf den war man immer besonders stolz:

„Im Bereich unserer sehr naturnahen Brockenwälder hatte in der Vergangenheit das kalte Klima eine derart schnelle Entwicklung gebremst. Heute haben wir es aber mit ständig steigenden Temperaturen auch in den Hochlagen zu tun, in Verbindung mit einem vermehrten Auftreten extremer Witterungserscheinungen, z. B. Trockenperioden. Das schwächt die Fichten und fördert die Entwicklung der Borkenkäfer.“ (Tätigkeitsbericht 2017, S. 3)

Das Schöne am Klimawandel ist, dass der Begriff alles abdeckt – und sei es noch so widersprüchlich: „Niederschlagsrekorde“ mit buchstäblich „unglaublichen Regenmengen“ gehören auch dazu. Und hinterher spricht man dann davon, dass die Fichten sterben, weil es so trocken ist. Widersprüche spielen keine Rolle:

„Die zunehmende Erwärmung beschleunigt also die natürliche Waldentwicklung, aber sie erzeugt damit keine Gefahr für unsere Region. Das jedoch ist als Folge der klimatischen Umbrüche an anderer Stelle zu befürchten. Die Zunahme von Starkregenereignissen ist inzwischen nachgewiesen. Im abgelaufenen Jahr wurden vielerorts neue Niederschlagsrekorde aufgestellt. Nicht nur am Brocken und an anderen offiziellen Messstellen, sondern auch auf unseren Waldforschungsflächen wurden unglaubliche Regenmengen von den automatischen Geräten dokumentiert.“ (Tätigkeitsbericht 2017, S. 5)

Wieder: Klimawandel im Harz scheint nicht nur Dürre und Hitze zu bedeuten, sondern Regen, Sturm und Nebel:

„Bei schönem Wetter war die Anzahl der Gäste erwartungsgemäß deutlich höher als an Tagen mit Regen, Sturm und Nebel, von denen es 2017 sehr viele gab.“ (Tätigkeitsbericht 2017, S. 25)

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