2009 – Mein erster Besuch im Nationalpark Bayerischer Wald

24.7.2009 – Tour zum Rachel

Meine zweite Tour führte mich – diesmal ohne Mountainbike – vom Klingenbrunner Bahnhof über den Klingenbrunner Rachelsteig zum Rachel und über den Rachelsee und das Föhraufilz wieder zurück. Ich wanderte also nicht wie bei meiner ersten Tour durch das Falkenstein-Rachel-, sondern durch das Rachel-Lusen-Gebiet des Nationalparks. Im Jahr 2009 wurden dort nur 5,21 ha Totholzflächen geräumt.1siehe Nationalpark Bayerischer Wald: Totholzflächen im Rachel-Lusen-Gebiet Ich aber wanderte prompt mitten hinein in eine aktuell stattfindende Räumung.

Geräumte Totholzflächen im Randbereich

Der Rachelsteig verläuft zunächst ungefähr 5 km in unmittelbarer Nähe zur Grenze des Nationalparks. Ohne es zu wissen oder geplant zu haben, wanderte ich also mitten durch den Randbereich. Von dieser Zonierung des Parks wusste ich damals nichts. Auch nichts von einem Nationalparkplan.

aus: Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald (Hg.), Nationalparkplan – Anlageband, Walderhaltungs- und Waldpflegemaßnahmen, Grafenau 2010, S. 5

Im Randbereich gilt §13 (1) 4 der Nationalparkverordnung:

„Innerhalb eines mindestens 500 m breiten Randbereichs trifft die Nationalparkverwaltung die zum Schutz des angrenzenden Waldes erforderlichen ordnungsgemäßen und wirksamen Waldschutzmaßnahmen einschließlich der Maßnahmen der Borkenkäferbekämpfung.“

Und das sieht dann so aus wie auf den folgenden 8 Fotos:

Sicherlich hätte es dort auch ganz andere Motive gegeben: vielleicht ein paar hübsche Blumen am Wegesrand, einen schönen Ausblick über Wiesen und Wälder, Moose auf einem alten Baum … Es gibt so viele zauberhafte Motive! Ich aber fotografierte ausschließlich „Maßnahmen der Borkenkäferbekämpfung“.

Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, die Waldarbeiter einfach zu fragen: Entschuldigung, ich habe mal eine Frage: Was machen Sie hier?

Belassene Totholzflächen am Rachel

Der Rachelsteig biegt dann nach Osten ab und verläuft durch einen Buchen-Fichten-Mischwald, in dem keine Bäume gefällt wurden. Es fällt auf, dass ich dort nur wenige Fotos gemacht habe. Für mich war dieser Wald zu normal, zu langweilig, zu unspektakulär. Das änderte sich dann schlagartig, als ich den abgestorbenen Fichtenwald am Rachel erreichte. Die von 1988 bis 2009 im Rachel-Lusen-Gebiet belassenen Totholzflächen summieren sich auf 5.393 ha.2siehe Nationalpark Bayerischer Wald: Totholzflächen im Rachel-Lusen-Gebiet Natürlich wusste ich auch von diesen Zahlen damals nichts. Hier eine Auswahl von 16 Fotos:

Am Forum Romanum habe ich einmal eine amerikanische Touristin gesehen, die begeistert ausrief: „Amazing! That’s why I came to Rome!“ So ähnlich muss ich mich damals am Rachel gefühlt haben. Toll! Super! Sensationell! Deswegen bin ich hier!

Aufregung am Waldschmidt-Haus

Am Waldschmidt-Haus erinnere ich mich dunkel an das Gezeter eines Mannes am Nebentisch. Erst schimpfte er über die langen Schlangen beim Bestellen. Dann regte er sich über die „ökologische Katastrophe hier“ auf. „Urlaub im ökologischen Katastrophengebiet!“ und „Der Wald stirbt!“ Seine Hysterie schien mir aber die Ausnahme zu sein; die übrigen Urlauber hatten sich klaglos in die lange Warteschlange eingereiht und waren ganz guter Stimmung. Worüber der Mann am Nebentisch sich vermutlich auch aufgeregt hat.

Morbide Faszination

Ich war vom Fichtensterben mehr fasziniert als schockiert. Als nach der Rachelkapelle wieder der Bergmischwald anfing, hatte ich weniger Augen für die lebenden Buchen als für die toten Fichten. Viele waren abgebrochen und lagen nun kreuz und quer herum: Ich fand das wahnsinnig fotogen.

Heute würde ich so weit gehen, meine Faszination morbide zu nennen. An einer Stelle verließ ich sogar den Wanderweg und marschierte mitten in die Totholzfläche hinein: auf der Suche nach dem eindrucksvollsten Foto. Je mehr tote Stämme, desto besser! Am besten nichts Grünes mehr, nicht einmal mehr Gras am Waldboden! Alles tot! Eine Weile muss ich mich wie ein Sensationsreporter gefühlt haben. Der Mann am Waldschmidt-Haus hatte sich über die „Katastrophe“ empört – ich fand, sie lieferte gute Fotos.

Man kann tote Fichten natürlich auch ganz anders fotografieren. An diesem Tag habe ich es nur ein einziges Mal so gemacht:

Informationsschilder am Rachelsee

Bei den geräumten Totholzflächen am Klingenbrunner Rachelsteig habe ich kein einziges Informationsschild der Nationalparkverwaltung gesehen. Auch nicht bei den belassenen Flächen am Rachel. Aber am Rachelsee – da standen sie! Und zwar gleich vier:

Kein einziges Schild aber spricht über den Elefanten im Raum: die abgestorbenen Fichtenwälder. Die Informationen über Urwälder passten nicht zu dem Anblick, der sich mir am Seeufer bot:

Sicherlich ist es eine Verschwörungstheorie, zu glauben, die Nationalparkverwaltung habe die Informationsschilder bewusst so gestaltet, um vom Fichtensterben abzulenken.

Aber auch das fünfte Informationsschild, das ich an diesem Tag am Föhraufilz fotografierte, erklärte mit keinem einzigen Wort das, was ich vom dortigen Aussichtsturm aus sah:

Anmerkung: Die Fotos wurden aufgenommen mit einer SONY Cyber-shot DSC-N1. Bearbeitet wurden sie nicht. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, denn es macht keinen Sinn, die Farben von toten Fichten aufzuhübschen oder die Tiefen aufzuhellen, wenn es tatsächlich düster war.

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