Der Fluch des Clickbaiting

Im Hamsterrad der Suchmaschinenoptimierung

Wenn man einmal mit dem Optimieren anfängt, hört die Arbeit nicht mehr auf. Hier sehen Sie die „SEO-Bewertungen“ meiner 563 Seiten:

Nach tagelanger Arbeit erhalten 238 die Note „gut“. 189 sind nur „ok“. 10 sind „verbesserungsbedürftig“ und 116 sind noch nicht analysiert. Das bedeutet:

„Bitte öffne ihn in deinem Editor, vergewissere dich, dass eine Fokus-Keyphrase eingegeben wurde, und speichere ihn, damit wir mit der Analyse beginnen können.“

Natürlich möchte jeder „Content Creator“ nur gute SEO-Bewertungen haben, sodass ich mit diesem Ergebnis nicht ruhig schlafen kann. Sonst klicken die Leute meine Seiten nicht an! Und ich bin schuld, weil ich nicht die richtigen „Keyphrases“ benutze! Oder diese in 116 Fällen noch überhaupt nicht angegeben habe.

Noch beunruhigender wird es, wenn ich mir die „Noten für die Lesbarkeit“ anschaue:

„Noten“! Das steht da wirklich. Wie in der Schule! Nun sind 88 Seiten „verbesserungswürdig“ und 337 wurden noch nicht analysiert. Eine solche Arbeit dauert nicht Tage, sondern Wochen. Denn die Lesbarkeit eines Artikels zu verbessern, ist ein ganz hartes Brot. Man bekommt Rückmeldungen wie die folgenden:

  • „Der Text enthält 3 aufeinanderfolgende Sätze, die mit demselben Wort beginnen. Versuche es mit etwas mehr Abwechslung!“
  • „5 Abschnitte deines Textes sind länger als die empfohlene Wortanzahl (300) und werden nicht durch Zwischenüberschriften getrennt. Füge Zwischenüberschriften hinzu, um die Lesbarkeit zu verbessern.“
  •  „Nur 19.1% der Sätze enthalten Bindewörter. Das reicht nicht aus. Verwende mehr davon.“
  • „1 der Absätze enthält mehr als die empfohlene maximale Anzahl an Wörtern (150). Du solltest deine Absätze kürzen!“
  • „13.72% der Wörter in deinem Text werden als komplex eingestuft. Versuche, kürzere und gebräuchlichere Wörter zu verwenden, um die Lesbarkeit zu erhöhen.“

Das ist keine Satire! Die meinen das ernst! Die Lesbarkeitsanalyse eines Artikels beispielsweise über Totholzkäfer kann nur katastrophal ausfallen. Es versteht sich von selbst, dass sämtliche Fachbegriffe ab sofort verboten sind.

Nun könnte man einwenden, dass man diese Analyse nicht ernst zu nehmen braucht. Das Problem aber ist, dass das Programm ja möglicherweise recht hat. Vielleicht sind die Absätze wirklich zu lang! Vielleicht fehlen Zwischenüberschriften. Vielleicht sollte ich wirklich gebräuchlichere Worte benutzen. Vielleicht sollte ich nicht vier Sätze mit „Vielleicht“ beginnen. Es kann doch sein, dass Leser nach wenigen Sätzen das Lesen abbrechen und nie wiederkommen! Das Programm zielt auf das schlechte Gewissen des Verfassers.

Und so kommt es, dass man am Ende in einem Hamsterrad sitzt. Es gibt immer etwas zu verbessern!

Nach oben
Zurück zur Einleitung
Nächste Seite: Der Fluch des Clickbaiting

Ein Gedanke zu „Der Fluch des Clickbaiting

  1. Unbedingt „mythisch“ verwenden, findet man inflationär beim Thema Wald.
    Ach, es ist ein Jammer, aber ich lese Ihre Beiträge sehr gerne!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert