Zoff im deutschen Forst

Sehr spät am Montagabend lief im NDR die sehenswerte Dokumentation „Unser Wald – Zoff im deutschen Forst“. Es ging um den Streit zwischen Verfechtern eines Kulturwaldes, „also eines kontinuierlich gepflegten Waldes“, und Verfechtern eines Naturwaldes, die meinen, „dass die Natur sich am besten selbst reguliert“.1

Der Fürsprecher des Naturwaldes ist Knut Sturm, Forstamtsleiter des Lübecker Stadtwalds. Er darf seinen Standpunkt ausführlich erläutern und seine Argumente werden veranschaulicht mit Bildern aus dem seit über 100 Jahren unbewirtschafteten Schattiner Zuschlag.2 Der Film endet mit einem Besuch von Sturm in den Heiligen Hallen3 und einem sehr persönlichen Statement von Sturm:

„Wenn ich denn durch so einen Wald laufe, dann sehe ich, was uns eigentlich genommen wird, also, was wir uns selber als Menschen nehmen an Faszination, an Schönheit, an Ästhetik, an Vielfalt auch. Das ist so eine Mischung zwischen Ehrfurcht und Wut, dass wir das nicht mehr zulassen aus reiner Gier, die uns antreibt, immer, uns Menschen. Und das macht mich dann traurig, wütend, alles durcheinander irgendwie. Und ich freue mich, dass es solche Flächen überhaupt gibt. Also das ist dann immer wieder schön, weil man hier wirklich erkennen kann, was Natur wirklich bedeutet.“

Alle Aussagen, die Sturm im Film macht, finden Sie in transkribierter Form auf der nächsten Seite.

0:20 – Die Natur hält noch wahnsinnig viele Überraschungen für uns bereit. Deshalb ist es endlich mal an der Zeit, wirklich große Flächen nicht zu bewirtschaften.
0:50 – Da fehlt dieses Feeling, sich auf so was einzulassen.
3:48 – Ich finde es schade, dass man Bäume fällen muss – gerade, wenn es so alte Bäume sind wie der jetzt. Die sind jetzt hier ungefähr 170 Jahre alt. Dann tut einem das leid. Besonders schlimm finde ich aber, wenn dann die Motorsäge angeht. Dann habe ich echt ein Problem damit, weil das tut mir dann in der Seele weh. Also so ein alter Baum … Und letztendlich kann man das mit Geld gar nicht bezahlen, was der denn eigentlich an Wert hat.
4:25 – Wir haben als Gesellschaft uns entschieden dazu, Holz zu nutzen. Und da kann man noch da lange darüber streiten, wie man Holz nutzt.
5:00 – Man schafft Kunst-Ökosysteme, die man pflegen muss, die auch darauf angewiesen sind, dass es Förster und Forstwirtschaft gibt. Und ich denke mir, es ist schlauer, Systeme zu haben, die auch eine längere Zeit einer Selbstregulation sich unterwerfen könnten und wo man nicht nutzen muss, sondern wo man nutzen kann und das dann eben auch vernünftig tut.
6:55 – Die traditionelle Herangehensweise, dass nur durch die pflegende Hand eines Försters ein anständiger Wald entstehen kann, da muss man zumindest hier dann mal ein Fragezeichen dran machen.
7:50 – Da geht es schon ans Eingemachte in der Diskussion, weil die Leute das als ihre ureigenste Aufgabe sehen, den Wald so zu beeinflussen und so zu strukturieren und so aufzubauen, wie sie es gerne möchten. Und wenn die Natur das dann besser kann, dann ist das schon doof.
12:35 – Die Fichte hier auf Dauer in unseren Waldökosystemen zu integrieren ist eine forstliche Intensivstation; d. h., ich muss immer irgendetwas machen, um sie zu halten. Ich muss sie pflanzen, ich muss sie pflegen, ich muss sie hegen, ich muss dann darauf achten, dass das Laubholz sie nicht überwächst – also alle möglichen Dinge.
13:05 – Wir möchten hier die Baumarten der natürlichen Waldgesellschaft und die Natur zeigt auch, dass sie dahin will. Wie man sieht, wächst das Laubholz eigentlich fast immer so, dass es das Nadelholz dann immer relativ gut im Griff hat.
23:20 – Ich sage ja immer, Herr Hut ist kein Holzrücker, sondern der ist Künstler, weil das, was er tut, das kann keiner so gut wie er. Das ist einfach so. Das Entscheidende ist letztendlich auch, dass man weiß, wie so ein Baum sich bewegt. Und wenn man das überlegt, dass da ein Stamm jetzt gerade hin- und hergezogen worden ist, der zwischen 5 und 6 Tonnen gewogen hat, dann ist es doch erstaunlich, dass hier praktisch am Waldboden nichts zu sehen ist. Und das ist ja auch das, was wir gerne wollen, wir wollen ja keine Bodenschäden, wir wollen ja nicht, dass die Maschine in den Wald fährt – mit einer Rückezange – die ja jetzt hier auch dran ist – den Stamm greift und herauszieht; das geht natürlich alles schneller und das macht den Boden kaputt. Und das muss man einfach sehen: Dolche Schäden, die da gemacht werden an den Waldböden, die kann man nach 1000 Jahren noch erkennen.
28:25 – Hier: Esche. Da ist eine Eiche, da ist eine Eiche. Da ist noch eine Buche. Hier ist auch wieder eine Eiche. Da ist noch mal ein junger Spitzahorn. Dieses Versuchslabor – wenn man so will – macht die Natur mir von alleine. Alles umsonst. Also kein Baum ist gepflanzt. Ich muss nicht in der Baumschule teuer bezahlen. Ich habe hier auch keinen Zaun gehabt. Ich muss nicht alles, was ich meine managen zu können, auch wirklich managen, weil viele von den Dingen erledigen sich auch von alleine, ohne dass ich ein Management daraus machen muss.
31:10 – Was ich faszinierend finde, ist: Der Bestand ist 100 Jahre nicht bewirtschaftet – hier gibt es keinen toten Baum. Die Buche stirbt nicht. Die wächst einfach nur. Umso mehr ich durch den Wald gehe und mir im Gehirn dieses Konkurrenzmodul abschalte, umso weniger glaube ich an Konkurrenz. Warum leben dahinten alle Buchen? Das kann nicht Konkurrenz sein. Nur mal so zum Nachdenken! – Wenn sie klein sind, dann sind ja Hunderttausende auf einem Hektar. – Ja, die sterben dann. Aber ist das Konkurrenz? Ich weiß es nicht. – Naja, wenn der eine stirbt und der andere lebt, das ist schon Konkurrenz, glaube ich! – Nein! Das kann auch einfach sein, dass der stirbt. Bei uns sterben auch Leute früher und das hat doch nichts damit zu tun, dass ich dem den Schädel einschlage.
43:10 – Also eine Trennung zwischen Beruf und meinem Hobby und meiner Leidenschaft und meiner Liebe zur Natur, das gibt es nicht. Das bin ich. Das ist so. Und ich glaube, wenn man so etwas ernsthaft macht, dann kann man es auch nur so machen.
43:40 – Das ist doch mal ein Baum! Ja, toll! Einfach faszinierend! Wenn ich denn durch so einen Wald laufe, dann sehe ich, was uns eigentlich genommen wird, also, was wir uns selber als Menschen nehmen an Faszination, an Schönheit, an Ästhetik, an Vielfalt auch. Das ist so eine Mischung zwischen Ehrfurcht und Wut, dass wir das nicht mehr zulassen aus reiner Gier, die uns antreibt, immer, uns Menschen. Und das macht mich dann traurig, wütend, alles durcheinander irgendwie. Und ich freue mich, dass es solche Flächen überhaupt gibt. Also das ist dann immer wieder schön, weil man hier wirklich erkennen kann, was Natur wirklich bedeutet.

  1. 45 Min – Unser Wald – Zoff im deutschen Forst []
  2. siehe auch Exkursion in den Schattiner Zuschlag mit Revierleiter Baeskow []
  3. Bei dem sehr seltenen Pilz, den Sturm fotografiert, handelt es sich um den Ästigen Stachelbart. []