Wanderung Fontynyasy

Baummikrohabitate im Urwald

Hinweis: Mit Ausnahme des zweiten Fotos sind alle Fotos auf dieser Seite sehr hochauflösend und sehr groß: 3.240 x 2.160 oder 1.140 x 2.16 Pixel. Die Dateigrößen betragen zwischen 2 – 5 MB. Das Laden der Fotos kann also je nach Internetgeschwindigkeit etwas dauern.

Baummikrohabitate spielen im Naturschutz eine große und wichtige Rolle.1 Das European Forest Institute (EFI) hat 2016 einen Katalog mit insgesamt 65 Baummikrohabitaten herausgegeben. Der Katalog veranschaulicht die Mikrohabitate mit Zeichnungen, er beschreibt sie und gibt jedem einzelnen einen bestimmten Code (z. B. CV13 für das Mikrohabitat einer Spechthöhle mit ø > 10 cm. Eine solche Höhle wurde vom Schwarzspecht gezimmert).

Auf der Wanderung habe ich unzählige Mikrohabitate gesehen und sie sind auf den folgenden Fotos gut erkennbar.

Das eindrucksvollste Mikrohabitat auf dem Foto oben ist der aufgeklappte Wurzelteller. Dieses Mikrohabitat zählt nicht zu den baum-, sondern zu den erdgebundenen (= terricolen) Mikrohabitaten.2 Der Stamm hat hier in diesem Fall Bodenkontakt, was nicht zwangsläufig der Fall sein muss. In Wirtschaftswäldern wird für gewöhnlich der Stamm abgesägt und zersägt und der Wurzelteller zurückgeklappt.

Zu den baumgebundenen Mikrohabitaten zählen u. a. diejenigen, die von Epiphyten gebildet werden. Epiphyten ist der Fachbegriff für Pflanzen, die auf anderen Pflanzen wachsen. Auf den Buchenstämmen fallen zwei Epiphyten auf: Moose und Flechten bedecken große Teile der Stämme. Sie bilden je ein Mikrohabitat: Moose oder Lebermoose (Code EP 31) und Blatt- oder Strauchflechten (Code EP 32).

An der dicken alten Buche links am Bildrand fällt ein weiteres Mikrohabitat auf: eine Mulmhöhle mit Bodenkontakt (Code CV 21). Außerdem besitzt sie aufgrund ihres hohen Alters eine grobe Rindenstruktur (Code BA 21).

Das nächste Foto zeigt eine Aussschnittvergrößerung des ersten Fotos. An der mittleren Buche wird so ein weiteres Mikrohabitat sichtbar: freiliegendes Splintholz (Code IN 12) Ursache ist im Urwald natürlich kein Fällungsschaden, wie er im Wirtschaftswald häufig vorkommt, sondern ein Windwurf.

In unmittelbarer Nähe des aufgeklappten Wurzeltellers steht eine noch lebende Methusalembuche, in deren Fuß ein Specht mehrere große Fraßlöcher (Code CV 14) gehämmert hat. Bei stärkerer Vergrößerung fallen in der Borke viele kleine Bohrlöcher von Insekten (Code CV 51) auf. Außerdem liegt oben rechts wieder Splintholz frei; der Verlust der Stammrinde ist allerdings kleiner als beim Foto oben (Code IN 11).

Einen der zahlreichen kleinen Bäche, die auf der Wanderung überquert werden müssen, zeigt das nächste Foto. An der Buche direkt am Bach und an dem Altbaum halbrechts im Mittelgrund oberhalb des kleinen Bachs sind Stammfußhöhlen (Code GR 12) zu erkennen:

Das nächste Foto zeigt einen Stammbruch: An dem abgebrochenen Stamm am Boden und am Hochstumpf wachsen Pilzfruchtkörper des Zunderschwamms (Fomes fomentarius). Zusammen mit z. B. dem Rotrandigen Baumschwamm (Fomitopsis pinicola) bilden sie die Mikrohabitate der mehrjährigen Porlinge (Code EP 12). Der Stamm ist abgebrochen, weil der Zunderschwamm Weißfäule hervorruft: Das Lignin in den Zellwänden wird abgebaut, das Holz zersetzt.

Bei genauem Hinsehen erkennt man oben am Hochstumpf ein weiteres Mikrohabitat: eine Spechthöhle (Code CV 13).

Am Stammfuß der unten abgebildeten Buchenmatrone befindet sich ein großer Krebs3: eine starke Gewebewucherung mit rauer Rindenoberfläche (Code GR 31). Auslöser sind häufig rindenbewohnende Pustelpilze (Nectria).

Auch am Fuß des noch stehenden Baumes in der Mitte des Fotos unten ist ein Krebs. Interessanter aber sind die drei großen mit Mulm gefüllten Höhlen am Baumstamm im Vordergrund. Wäre der Baum nicht vom Wind geworfen worden und noch stehen und leben, dann hätten die drei Mikrohabitate den Code CV 24.

Kern- und Splintholz werden von Pilzen viele Jahre lang zersetzt. Auf dem braunen Moderholz4 sind stecknadelkopfgroße weiße Fruchtkörper sichtbar. Die Mycelien der Holzpilze werden wiederum von Käfern gefressen. Zwei Bohrlöcher sind am unteren Rand der Stammhöhle zu erkennen.

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  1. siehe z. B. Thibault Lachat, Erkennung von Habitatbäumen im Wald: neue Ansätze für die Beurteilung von Baummikrohabitaten; Ulrich Mergner, Das Trittsteinkonzept, Euerbergverlag 2018, Kapitel 4 – Der Biotopbaum; Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft Brandenburg (Hg.), Praxishandbuch – Naturschutz im Buchenwald. Naturschutzziele und Bewirtschaftungsempfehlungen für reife Buchenwälder Nordostdeutschlands, 22016, Kapitel 4.2 Mikrohabitate am lebenden Baum, siehe auch meinen Artikel 6 Unterschiede zwischen Urwald und Wirtschaftswald – Habitatbäume []
  2. siehe Praxishandbuch Kapitel 4.4., S. 130 ff. []
  3. siehe Wikipedia – Baumkrebs []
  4. zum Fachbegriff des Moderholzes siehe  Lachat, T.; Brang, P.; Bolliger, M.;
    Bollmann, K.; Brändli, U.-B.; Bütler, R.; Herrmann, S.; Schneider, O.; Wermelinger,
    B., 2014: Totholz im Wald. Entstehung, Bedeutung und Förderung. Merkbl. Prax. 52: 12 S. []