Totholzkäfer in Uholka-Schyrokyj Luh

„Unglücklicherweise können viele der Ressourcen, die sowohl quantitativ als auch qualitativ von Totholzarten benötigt werden, nicht vollständig in forstwirtschaftliche Programme integriert werden, weil die ökologischen Anforderungen von sehr anspruchsvollen Arten nicht in bewirtschafteten Wäldern erfüllt werden können.“
Thibauld Lachat und Jörg Müller1

Wie schützt man Urwaldrelikt-Arten?

Von den 20 Urwaldrelikt-Arten im Buchenurwald von Uholka-Schyrokyj Luh sind 7 Käfer in Deutschland ausgestorben, 8 sind vom Aussterben bedroht und 5 sind stark gefährdet.2 Wie könnte man die 13 in Deutschland noch lebenden Urwaldrelikt-Arten vom Aussterben bewahren und sie schützen?

Eine sehr hilfreiche Antwort gibt ein Team europäischer Wissenschaftler um Martin M. Gossner und Thibault Lachat.3 Im Jahr 2013 haben sie einen Aufsatz in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift Conservation Biology (= Naturschutzbiologie) veröffentlicht. Die Zeitschrift, die von der Gesellschaft für Naturschutzbiologie herausgegeben wird, ist nach eigenen Angaben „die einflussreichste und am häufigsten zitierte Zeitschrift auf ihrem Gebiet“ und veröffentlicht „bahnbrechende Aufsätze“4 Zu diesen zählt auch der Aufsatz von Gossner und Lachat, der im Internet vollständig veröffentlicht worden ist und den Titel trägt: Current Near-to-Nature Forest Management Effects on Functional Trait Composition of Saproxylic Beetles in Beech Forests (Auswirkungen der aktuellen naturnahen Waldbewirtschaftung auf die funktionelle Zusammensetzung von Totholzkäfern in Buchenwäldern, Übersetzung von F.-J. A.). In ihm geben die Autoren drei „nützliche Empfehlungen, um die Kosteneffektivität und den Naturschutzwert gegenwärtiger forstwirtschaftlicher Praktiken in europäischen Buchenwäldern zu erhöhen“:5

  1. „Erhöhe die Menge von Totholz in bewirtschafteten Beständen von gegenwärtig 5-10 m3/ha auf >20 m3/ha!
  2. Weil ökonomische Zwänge oft die Anreicherung großer Mengen von Totholz ausschließen, sollten Forstmanager besonders Totholz mit großem Durchmesser (ca. 50 cm) bewahren und es erlauben, dass sich mehr Totholz in fortgeschrittenen Stadien der Zersetzung entwickelt.
  3. Bestimme strenge Waldschutzgebiete – die einzigen Gebiete, in den sich große Mengen an Totholz (> 60 m3/ha) anreichern  können, um Zufluchtstätten und [zukünftige] Quellen für Habitatspezialisten zu bilden.“6

Urwaldrelikt-Arten sind zweifellos Habitatspezialisten (Habitat ist der wissenschaftliche Fachbegriff für den Lebensraum einer Art; siehe den Wikipedia-Artikel zu Habitat) Offenbar können sie selbst in bewirtschafteten Beständen mit 20 m3 Totholz/ha nicht vor dem Aussterben geschützt werden.

Totholz im Buchenurwald von Uholka-Schyrokyj Luh

Urwaldrelikt-Arten brauchen strenge Schutzgebiete und mehr als 60 m3/ha. Und sie brauchen dickes und stärker zersetztes Totholz:

„Es braucht nicht nur eine größere Menge an Totholz, sondern mehr Totholz mit großem Durchmesser und in fortgeschrittenen Stadien der Zersetzung.“7

Das wird besonders deutlich, wenn man sich die Daten im Anhang des Aufsatzes einmal ganz genau anschaut. In der Tat: Die Urwaldrelikt-Arten von Uholka-Schyrokyj Luh brauchen alle

  1. dickes und
  2. stärker zersetztes Totholz.

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  1. Importance of Primary Forests for the Conservation of Saproxylic Insects, in: Michael D. Ulyshen (Hg.), Saproxylic Insects: Diversity, Ecology and Conservation, Springer 2018, S. 597 f., Hervorhebungen und Übersetzung von F.-J. A. []
  2. siehe oben []
  3. Zu den Co-Autoren gehören Jörg Brunet, Gunnar Isacsson, Christophe Bouget, Hervé Brustel, Roland Brandl, Wolfgang W. Weisser und Jörg Müller. Im Folgenden spreche ich der Einfachheit halber immer nur von Gossner und Lachat. Die sieben Co-Autoren mögen es mir bitte nachsehen! []
  4. Übersetzung von F.-J. A. []
  5. Diskussionsteil des Aufsatzes, S. 9, Übersetzung und Hervorhebungen von F.-J. A. []
  6. ebd. []
  7. ebd. []