Über die Ohnmacht von Edmund Stoiber

Es sind nicht nur die Riesenkahlschläge, die mich im Erweiterungsteil des Nationalparks Bayerischer Wald angeekelt haben. Überall stolpert man über kleine kahlgeschlagene Flächen, wo Borkenkäfernester geräumt wurden. Der folgende Kahlschlag liegt in der Nähe des Tals „In der Gruft“ östlich des Lindberger Schachten:

 

Manchmal denke ich, man müsste Ministerpräsident sein, um den Wald zu schützen. Wenn man nur an den Schalthebeln der Macht säße, könnte man die Kahlschläge in den Nationalparks stoppen. Einmal mit der Faust auf den Tisch hauen und Basta brüllen! So einfach ist es nicht, wie eine ganz außergewöhnliche Rede des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber zeigt, die er am 22. Oktober 1997 in St. Oswald gehalten hat.

Stoiber hält die Rede vor Gegnern und Befürwortern, kurz nachdem der Nationalpark am 1.8.1997 um 10.953 ha des Falkenstein-Rachel-Gebiets auf 24.250 ha erweitert worden ist. Die Erweiterung findet genau zu dem Zeitpunkt statt, als im alten Teil großflächig die Bergfichtenwälder in den Hochlagen absterben und die Wut der Waldler überkocht. Stoiber ist mutig und zeigt sich sehr gut informiert. Seine Rede ist klar und hellsichtig.1 Worauf es mir ankommt, sind die folgenden Passagen:

Es gilt jetzt ganz offen abzuwägen, welche Möglichkeiten heute überhaupt noch sinnvoll sind. Im Grunde gibt es nur zwei Optionen: Entweder wir stehen zum Nationalpark, wobei wir den Spielraum der seit 1. August 1997 geltenden Verordnung so weit wie möglich und sinnvoll ausnutzen, um die natürlichen Prozesse in ihrer Geschwindigkeit abzumildern. Oder wir erklären in letzter Konsequenz die Nationalparkidee, nämlich Natur sich selbst zu überlassen, insgesamt für gescheitert und bekämpfen den Borkenkäfer mit traditionellen Methoden auf der gesamten Fläche. Ich möchte nur eins ganz klar sagen: Eine „Mogelpackung“ Nationalpark darf es nicht geben.

Selbst bei Einsatz aller technischen und chemischen Möglichkeiten auf ganzer Fläche wäre ein flächenhaftes Stoppen der Borkenkäferentwicklung nicht mehr zu garantieren. Genausogut kann man versuchen, eine Lawine auf halber Strecke zu stoppen. Man muß sich auch darüber im klaren sein, daß durch eine jetzt einsetzende Bekämpfung große Kahlflächen entstehen würden. Gleichzeitig würde die vorhandene Verjüngung auf den aufgearbeiteten Flächen durch das Ausrücken der eingeschlagenen Bäume weitgehend zerstört werden. Unter dem Strich wäre zu befürchten, daß wir eher eine Verschlechterung als eine Verbesserung der Situation erreichen.

Wenn das so ist, muß ich ganz klar sagen: Von einem Aktionismus, der den Borkenkäfer letztendlich nicht aufhält, sondern zu zusätzlichen Schäden führt, halte ich nichts.

Wenn Stoiber davon spricht, „die natürlichen Prozesse in ihrer Geschwindigkeit abzumildern“, dann meint er damit nicht Kahlschläge. Im weiteren Verlauf der Rede wird deutlich, dass er darunter Nachpflanzungen versteht. Und selbst dies will er beschränkt sehen auf Flächen, wo sich keine Naturverjüngung einstellt.

Stoiber spricht klipp und klar die Wahrheit aus: Der Borkenkäfer ist ebenso wenig wie eine Lawine zu stoppen. Wer den Borkenkäfer mit „traditionellen Methoden“ bekämpft, schafft „große Kahlflächen“ und zerstört „die vorhandene Verjüngung“. Stoiber hält die Borkenkäferbekämpfung für schädlichen Aktionismus. Das hätte ein Hans Bibelriether, ein Hubert Weinzierl oder ein Horst Stern nicht besser formulieren können.

Stoiber hat die Kahlschläge in den darauf folgenden Jahren nicht verhindern können. Die Bayerischen Staatsforsten waren mächtiger. Sie haben sich durchgesetzt.

  1. Den vollständigen Text können Sie hier nachlesen: Der Nationalpark Bayerischer Wald behält seine internationale Qualität []