Wiederaufforstung im Schellenberger Wald

„Damit das positive Bild der Forstwirtschaft erhalten bleibt, sind adressatenkonforme Kommunikation und partizipative Öffentlichkeitsarbeit der Schlüssel zum Erfolg.“
Tobias Hartung1

Kritische Analyse des Beitrags vom 6. Juni 2017

László Maráz von der Dialogplattform Wald2 hat den treffenden Begriff der „Fake Forest Facts“ geprägt und die dreiminütige Sendung ist voll von FFFs. Es ist z. B. falsch, dass der Grünspecht Insekten des Totholzes fressen würde:

„Der Grünspecht sucht seine Nahrung fast ausschließlich auf dem Boden, er hackt viel weniger an Bäumen als die anderen Spechte. Von allen mitteleuropäischen Spechten ist der Grünspecht am meisten auf bodenbewohnende Ameisen spezialisiert.“3

Doch der Reihe nach. Genauso wie Roland Winter bei seinem Bericht vom 26. Februar 2016 beginnt auch Stefan Göke mit der Katastrophisierung des Sturms:

„… erschreckend … Oh Gott! … schlimm … 50 % von den Bäumen weg … große Zerstörung … gespenstisch …“

Es ist interessant, dass die meisten Menschen es nur dann als „große Zerstörung“ empfinden, wenn es ein Sturm ist, der 50 % der Bäume fällt. Wenn ein Förster genau dasselbe macht, nehmen sie es völlig klaglos hin; so geschehen z. B. 2013 in Essen-Kettwig an der Graf-Zeppelin-Straße oder Im Teelbruch.

Lichtbaumart Eiche

Tobias Hartung schummelt: Die junge Eiche, die er in Händen hält, hat sich nicht „natürlich etabliert“. Sie wurde von ihm selbst künstlich gepflanzt. Die große Liebe vieler Förster für die Eiche und ihre Abneigung gegenüber der „beschattenden“ Buche hat wirtschaftliche Gründe: Das Holz der Eiche ist wesentlich teurer.

Dabei ist wissenschaftlich überhaupt nicht geklärt, wie viele Mischbaumarten die Buche neben sich zulässt. Knut Sturm, Leiter des Forstamts Lübeck:

„Die Buche wird immer dargestellt als so ein Mischbaumarten fressendes Monster, die dann immer alle anderen Arten über die Konkurrenz ausschaltet. Ich glaub‘ da nicht mehr dran. Ich glaub‘, ein Großteil dieser Buchenkonkurrenz ist auch forstwirtschaftlich bedingt.“4

Totholz ist ökologisches Gold

Der Fernsehbeitrag hat völlig recht: Totholz ist ökologisches Gold.

Die Bürgerinitiative „Waldschutz Essen“ hatte darauf bereits am 16. Juli 2014 in der WAZ5 und in einer großen Flugblattaktion hingewiesen. Der Teufel steckt im Detail:

„Überall dort nämlich, wo der Wald seitdem unberührt ist, findet man totes Holz.“

Der Wald aber blieb fast nirgendwo unberührt. Die kleine, im Film gezeigte Prozessschutzfläche an der Korte Klippe ist eine große Ausnahme. Wie groß die Prozessschutzflächen sind und wo sie genau liegen, ist eine Information, die Grün und Gruga sich weigert zu veröffentlichen. Mit Ausnahme dieser winzigen „Wildnis-Inseln“6 wurde das Totholz überall vollständig geräumt.7

Abtransport des Totholzes im Schellenberger Wald am 15. Juni 2014 durch den Kettwiger Baumdienst, der mit dem Slogan wirbt „Wir liefern erneuerbare Energie“

Wie viel Tausende Festmeter Totholz nach dem Sturm an das Biomasseheizwerk Gruga verkauft und dort „klimaneutral“ als Holzschnitzel8 verbrannt.wurden, hat Grün und Gruga nie veröffentlicht.

Tobias Hartung macht sich Sorgen

„Tobias Hartung macht sich Sorgen um den Bestand der Buchen, denen plötzlich der Schatten fehlt.“

Nicht nur Tobias Hartung, das gesamte Forstamt von Grün und Gruga macht sich Sorgen um die Buchen. Das Forstamt macht sich immer Sorgen um die Buchen. Dazu bedarf es gar keines Sturms und keines Sonnenbrands. Bereits vor 10 Jahren machte sich der von Grün und Gruga berufene „Experte Prof. Volker Dubbel“ große Sorgen:

„Man hat einen Naturwald wachsen lassen, dabei aber nicht berücksichtigt, dass solche Wälder in eine Zusammenbruchphase kommen. … [Es] würden sehr viele Bäume unkontrolliert zusammenbrechen, da sie sich durch das dichte Zusammenstehen gegenseitig schwächen.“9

Dubbel riet damals: „Baum ab? Ja bitte!“ Und er meinte das völlig ernst. Und Grün und Gruga nahm ihn beim Wort und fällte z. B. 2008 und 2009 im Baldeney-Wald10 systematisch alte Buchen, weil man sich so große Sorgen machte:

„Es ist jedoch so, dass der Wald überaltert ist und viele der Bäume entsprechende Alterserscheinungen wie z. B. morsche Äste oder faule Stämme aufweisen. Kleinflächig sind bereits Zusammenbrüche des Baumbestandes zu beobachten.  Durch die Pflegemaßnahmen sollen zwei wichtige Dinge erreicht werden. Erstens ist ein dauerhaft verkehrssicherer Zustand aller Wege angestrebt. Die Waldbesucher sollen vor umstürzenden Bäumen und herabfallenden Ästen geschützt werden. Zweitens soll der gesamte Waldbestand durch eine Entwicklung zu einem „Erholungs-Dauerwald“ gesichert und stabilisiert werden.“11

In Essen drohen Buchen irgendwie immer „zusammenzubrechen“: Mal stehen sie zu „dicht“, mal sind sie „überaltert“, mal „morsch“, mal „faul“. Immer stürzen Bäume um, immer fallen Äste herab, immer müssen Waldbesucher „geschützt“ werden. Und gerade, wenn der „gesamte Waldbestand“ ein „Erholungs-Dauerwald“ und „gesichert und stabilisiert“ ist, kommt der Orkan Ela. Jetzt haben die Buchen Sonnenbrand. Und selbstverständlich werden in Kürze alle Buchen mit Sonnenbrand gefällt werden müssen, damit alle Wege „verkehrssicher“ bleiben. „Dauerhaft“. Oder zumindest bis zum nächsten Sturm oder heißen Sommer oder kalten Winter.

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  1. Tobias Hartung, Meine Stadt. Mein Wald!, in: AFZ – Der Wald 8 / 2017, S. 16 []
  2. c/o Forum Umwelt und Entwicklung []
  3. Wikipedia – Grünspecht []
  4. scobel, Patient Wald, 15:35 []
  5. Initiative will umgekippte Bäume in Essener Wäldern lassen []
  6. Grün und Gruga – Waldpflege []
  7. siehe z. B. Fotos des aufgeräumten Lührmannwalds []
  8. siehe Kommentar von Roswitha Krause vom 20. Juni 2015 zum Lokalkompass-Artikel „Essen ist Grüne Hauptstadt Europas 2017“ []
  9. Baum ab? Ja bitte! – WAZ vom 19. 11. 2007, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  10. siehe „Waldpflege“ im Baldeney-Wald []
  11. Waldpflege Baldeney-Wald, Hervorhebungen von F.-J. A. []