Meinungsmache in der Lokalzeit-Ruhr

Lars Tottmann – Hofberichterstattung für das Regionalforstamt

Für Studioredakteur Tottmann steht von vornherein fest, dass in Essen „aufgeforstet“ werden muss. Auch Oberförster Hassel will „aufforsten“. Beim Gespräch werden sechs Probleme deutlich:

1. Kunst- statt Naturverjüngung

Es ist sonderbar! Normalerweise setzen Förster wie Hassel statt auf Aufforstungen auf die Naturverjüngung. Wenn Bürger sich über große Lücken im Wald und das Abholzen vieler alter Bäume empören, dann beschwichtigen Förster sie regelmäßig mit der Naturverjüngung: Jetzt hätten die jungen Bäumchen endlich Licht und Luft zum Wachsen. Bereits nach wenigen Jahren seien die Lücken im Wald wieder geschlossen. Alles halb so schlimm! (siehe z. B. den oben erwähnten Lokalzeit-Bericht am 28.3.2014 ab Minute 2.20).

Komischerweise vertraut nach den Pfingststürmen niemand auf die Naturverjüngung und alle reden von Aufforstungen, die nun unbedingt notwendig seien. Der Wald scheint nach dem Pfinststurm in einer Art Schockstarre zu verharren. Kein junger Baum wächst mehr heran, kein Same keimt. Nur die künstliche Pflanzung von Setzlingen aus Baumschulen kann angeblich jetzt noch helfen.

 

2. Problembaum Roteiche

Hassel darf zur besten Sendezeit vor einem Millionenpublikum fröhlich über die Aufforstung mit Douglasie, Küstentanne und Roteiche schwadronieren. Vermutlich hätte Hassel auch über den Anbau von Olivenbäumen an den sonnenbeschienenen Hängen des Baldeney-Sees spekulieren dürfen, ohne dass Redakteur Tottmann skeptisch geworden wäre. Nicht einmal, als Hassel sich verplappert und sogar selbst negative Erfahrungen mit der Roteiche zugibt, hakt er nach. Weder Hassel noch Tottmann wissen offenbar, dass das Essener Forstamt bereits vor Jahrzehnten Roteichen angepflanzt hat, die jetzt beim Sturm zu Hunderten umgeworfen wurden.

 

3. Neophyt Douglasie

Ein kritischer und gut vorbereiteter Redakteur hätte Hassel spätestens beim Thema Douglasie auseinandergenommen. Die Douglasie wurde 2013 vom Bundesamt für Naturschutz als „invasiver Neophyt“ eingestuft (siehe den Wikipedia-Artikel zur Ökologie der Douglasie). Zyniker würden behaupten, dass sie dann sehr gut nach Essen passe, wo sich bereits drei invasive Neophyten breit machen: der Riesenbärenklau, der Japanische Staudenknöterich und das Drüsige Springkraut. Im Nationalpark Eifel wurden 236  – in Worten: zweihundertsechsunddreißig – Hektar Douglasienwälder kahlgeschlagen mit der Begründung, die Douglasie passe nicht in naturnahe Wälder und verdränge die Eiche (siehe Douglasienkahlschlag im Kermeter und Fällen von Douglasien in Pafferscheid). Bizarrerweise waren für den Kampf gegen die Douglasie im Nationalpark Kollegen von Hassel aus demselben Landesbetrieb zuständig.

 

4. Riesige Kosten

Studioredakteur Tottmann hat sich auch nicht über die Kosten von Aufforstungen informiert. Sonst müsste er fragen, wer die riesigen Kosten übernehmen soll. Pflanzt man beispielsweise auf einem Hektar 10.000 junge Buchensetzlinge an, so kostet dies inklusive der Pflege in den ersten Jahren 20.000 Euro. Hinzu kommen die Kosten für den Wildschutzzaun von 10 €/m, d. h. 4.000 € pro ha (Johannes Kaiser, Der deutsche Wald. Ein Zustandsbericht, Deutschlandradio Kultur, Manuskript der Sendung vom 11. Juli 2013, S. 13). In Essen sind Dutzende Hektar von den Pfingststürmen betroffen.

 

5. Provokation von Naturschutzorganisationen

Tottmann und Hassel müssten eigentlich wissen, dass die Douglasie für alle Naturschutzorganisationen ein rotes Tuch ist (vergleiche die Kampagne von Greenpeace gegen die Douglasienanpflanzungen durch die Bayerischen Staatsforsten). Es ist vorprogrammiert, dass Naturschützer die Douglasienanpflanzungen mit phantasievollen und medienwirksamen Protestaktionen bekämpfen werden.

 

6. Widerspruch zum Erholungsdauerwald-Konzept

Das Erholungsdauerwald-Konzept der Stadt Essen schließt den Anbau nicht-heimischer Baumarten ausdrücklich aus: Es setzt ausschließlich auf „heimische, standortgerechte Baumarten“.

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