Durchforstung des Kettwiger Stadtwalds

Schirmschlag im Kettwiger Buchenwald

Ich gliedere meine Beschreibung des Kettwiger Buchenwalds in 5 Kapitel

Einleitung

Vor langer Zeit muss in Essen-Kettwig einmal ein schöner alter Buchenwald gestanden haben. Diese Zeiten sind längst vorbei. Viele Menschen wissen gar nicht mehr, wie ein unberührter Buchenwald aussieht. Es gibt nur noch winzige Reste in Deutschland. Alte Buchenwälder sind inzwischen so selten, dass man sie zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt hat und unter Totalschutz stellt. Ein winziger Rest in Essen ist der Urwald im Hesperbachtal in Fischlaken. Und auch den will Grün-und-Gruga „durchforsten“.

 

Der Buchenwald in Kettwig wurde durch das Schirmschlagverfahren ruiniert. Ich habe diese forstwirtschaftliche Methode auf mehreren Webseiten dargestellt und kritisiert:

Östlich des Waldfriedhofs stehen große, über 100 Jahre alte Buchenwälder. Dort sind vor ungefähr 30 Jahren Altbuchen gefällt worden sind, um das bis dahin dicht geschlossene Kronendach „aufzulichten“. Wie dicht die Buchen hier einst gestanden haben, wird durch ein kleines Wäldchen innerhalb des Waldfriedhofs verdeutlicht, in dem keine Bäume eingeschlagen worden sind:

Friedhofdicht stehende alte Buchen mit geschlossenem Kronendach im Waldfriedhof

Waldbild 1

Das Fällen der alten Buchen nennen die Förster Besamungshieb. Er erfolgte in einem Mastjahr, in dem die Buchen viele Bucheckern bilden. Aus den Bucheckern sind in den vergangenen Jahrzehnten junge Buchen geworden: Dank des unnatürlich vielen Sonnenlichts, das durch das aufgelockerte Kronendach bis auf den Waldboden dringt, wachsen sie wie „gedopte Mastschweine(Peter Wohlleben). Zu dieser natürlichen Verjüngung aus Buchen kommen Berg-Ahorn und Gemeine Esche hinzu, deren Früchte durch den Wind verbreitet werden.

 

Die Fotos zeigen den typischen Aufbau eines lehrbuchmäßig gelungenen Schirmschlags: Entstanden ist ein zweischichtiger Altersklassenwald. Er besteht aus einem aufgelockerten Oberbestand aus Altbuchen und einem dicht geschlossen Unterstand aus natürlicher Verjüngung von Buche, Berg-Ahorn und Eschen. Der Wald hat einen niedrigen Holzvorrat, denn die alten Buchen haben einen weiten Abstand voneinander. Schätzungsweise beträgt der Holzvorrat nur 300 Fm/ha. Zum Vergleich: Buchenurwälder haben 400-600 Fm/ha und auf guten Standorten bis zu 800 Fm/ha (Lutz Fähser, Betrachtung der „Grundsätze für die Bewirtschaftung von Buchen- und Buchenmischbeständen im Bayerischen Staatswald“, 2012). Der Lübecker Stadtwald z. B. will seine Holzvorräte auf 600 Fm/ha erhöhen! Der Vorrat an Totholz ist extrem gering: Liegende oder stehende Totholzbäume sind Mangelware. Mit dem auf der Informationstafel erwähnten „Naturschutz“ und „Erholungswald“ hat das alles herzlich wenig zu tun: Beim Schirmschlag geht es um industrielle Produktion von Buchenholz.

Buche_rot_1in der Mitte: mit roten Punkten zum Fällen markierte alte Buche

Angst und bange muss einem werden beim Anblick des Oberbestands, auch Überhalt genannt: Der hat seine Funktion als Schutz der Verjüngung erfüllt und müsste eigentlich beim klassischen Verlauf des Schirmschlags jetzt vollständig „geräumt“ werden. Es ist möglich, dass Grün-und-Gruga sich diese flächigen Räumungshiebe aufgrund befürchteter Bürgerproteste nicht traut. Stattdessen werden die alten Bäume „einzelstammweise“ gefällt (siehe Foto oben). Wenn man das mehrere Jahre lang macht, ist der Überhalt schließlich auch bis auf einzelne sogenannte Überhälter verschwunden.

Waldbild 2

Auch in diesem Waldstück hat die Verjüngung stattgefunden. Es gibt nur ein Problem: Es fehlt die Buche. Die Verjüngung besteht hauptsächlich aus Berg-Ahorn mit ein paar beigemischten Eschen.

Waldbild 3

Auf einer benachbarten Waldfläche ist der Schirmschlag misslungen: ein Alptraum für einen Förster. Es hat keine natürliche Verjüngung stattgefunden. Stattdessen ist der Waldboden lückenlos und kniehoch mit Brombeersträuchern verkrautet:

Brombeerenmit Brombeeren verkrauteter Waldboden ohne Verjüngung

Die Brombeerplage ist selbstgemacht: Durch die Besamungshiebe wurde der schattenspendende Oberbestand „aufgelichtet“. Es dringt viel Sonnenlicht auf den Waldboden. Die Wärme fördert die Zersetzung der Laubstreu durch Pilze und Bakterien: Aus stickstoffhaltigen Verbindungen werden Ammonium und Nitrat freigesetzt. Sogenannte Nitrophyten, d. h. stickstoffliebende Pflanzen wie z. B. Brombeeren und Brennnesseln, siedeln sich massenhaft an und rauben den jungen Buchenkeimlingen das Licht. Die Pflege einer jungen Buchenkultur vor Verkrautung durch Mähen und Jäten ist Handarbeit. und sehr teuer. Möglich, dass Grün-und-Gruga schlicht das Geld dafür gefehlt hat.

Waldbild 4

In einem Waldstück, das im Westen an den Waldfriedhof und im Norden an den Acker an der Schmachtenbergstraße grenzt, hat Grün-und-Gruga Raubbau betrieben: Der Überhalt aus alten Buchen wurde abgeholzt, bevor sich im Unterstand eine stabile Naturverjüngung etabliert hat. Entstanden ist eine fußballfeldgroße, von Brombeeren überwucherte Fläche, auf der nur vereinzelt die schnellwüchsigen Berg-Ahorn- und Eschenbäumchen der dichten Brombeerdecke entwachsen konnten:

 

Die langsam wachsenden Buchen drohen nicht nur von den Brombeeren erstickt zu werden; sie werden zusätzlich vom Rehwild verbissen. Viele junge Buchen sind bereits abgestorben:

 

Grün-und-Gruga hätte entweder die Kreisjägerschaft Essen zu einem effektiven Abschuss der Rehe zwingen oder einen Wildschutzzaun errichten müssen. Für das eine fehlte der Mut. Für das andere das Geld: Die Zäunung von 1 ha Wald kostet 4.000 € (Johannes Kaiser, Der deutsche Wald. Ein Zustandsbericht, Deutschlandradio Kultur, Manuskript der Sendung vom 11. Juli 2013, S. 13).

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