Die Kritik des Landesrechnungshofs am Lübecker Stadtwald

Kritische Analyse des Prüfberichts

Im Grunde erübrigt sich eine eingehende Analyse des Prüfberichts. Denn die Forderungen zur Sanierung des angeblich defizitären Forstbetriebs unterscheiden sich in nichts von dem üblichen neoliberalen Patentrezepten: Mehr verkaufen, Leute entlassen, Löhne kürzen, Leistungen einschränken. Jeder BWL-Student im ersten Semester hätte diese Forderungen aufstellen können. Trotzdem mache ich mir die Mühe und widme diesem kuriosen Dokument eine ausführliche Analyse.

Ich gliedere meine Analyse in folgende sechs Abschnitte:

  1. Frühere Prüfungen des LRH
  2. Der Mosandl-Skandal
  3. Vermarktungsstrategie
  4. TANSTAAFL
  5. You get what You pay for!
  6. Reviergröße

1. Frühere Prüfungen des LRH

Von 1986 – 2009 hat Lutz Fähser den Lübecker Stadtwalds geleitet. In dieser Zeit hat der LRH das Forstamt dreimal geprüft. Es gab „keine gravierenden Beanstandungen“. Im Gegenteil: Der LRH hat das Konzept „wohlwollend begleitet“.1

2. Der Mosandl-Skandal

Den Vorwurf der Misswirtschaft hören Knut Sturm, aktuell Leiter des Lübecker Stadtwalds, und sein Vorgänger Lutz Fähser nicht zum ersten Mal. Am berühmtesten ist vielleicht der Mosandl-Skandal aus dem Jahr 2012, den ich auf der folgenden Seite ausführlich dargestellt habe: Professor Mosandl und der Vorwurf der Misswirtschaft.

3. Vermarktungsstrategie

Der LRH kritisiert allen Ernstes folgendes:

„Die Holzernte […] beschränkt sich im Wesentlichen auf die Entnahme einzelner Stämme, die als Wertholz vermarktet werden. Der Markt für Werthölzer ist ein Nischenmarkt, der nur begrenzt aufnahmefähig ist. […] Der Stadtwald sollte seine Vermarktungsstrategie ändern.“2

Der Vorwurf ist absurd. Das ist so, als würde man Porsche folgendes vorwerfen:

„Die Autoproduktion beschränkt sich im Wesentlichen auf die Produktion einzelner Sportwagen, die als Luxusgüter vermarktet werden. Der Markt für teure Sportwagen ist ein Nischenmarkt, der nur begrenzt aufnahmefähig ist. Porsche sollte seine Vermarktungsstrategie ändern.“

Es ist grotesk: Landauf, landab sind Forstdirektoren stolz auf die hohen Erlöse aus der letzten Wertholzsubmission. In Tageszeitungen strahlen sie vor dicken Eichenstämmen um die Wette.3 Jeder Forststudent im ersten Semester lernt, dass Buchenwaldbau nur dann profitabel ist, wenn man hochwertiges Holz mindestens der Güteklasse B produziert. Und auf der Webseite verweisen ausgerechnet die vom LRH hochgelobten Kreisforsten des Herzogtums Lauenburg, das nur „wertvolles Holz“ geerntet wird. Und wie um das zu unterstreichen, setzen sie auch noch ein „wirklich“ davor: „wirklich wertvolles Holz“. Und wie wird dieses Holz geerntet? Natürlich „kleinflächig oder einzelstammbezogen„.4 Es ist ein Treppenwitz, dass der LRH ausgerechnet die Kreisforsten als Vorbild preist. Diese gehören der Arbeitsgemeinschaft naturnaher Wälder (ANW) an. Und es war die ANW, die sich die Produktion hochwertigen Laubholzes auf die Fahnen geschrieben hat.5 Und wie das geht, macht den Kreisforsten ausgerechnet der ungeliebte Nachbar aus Lübeck vor.

Die Kritik des LRH ist vollkommen beliebig: Wäre der Stadtwald Lübeck vor Jahren in die Massenproduktion von billigem Brennholz eingestiegen, wie es beispielsweise in Nordrhein-Westfalen geschah,6 so hätte der LRH vermutlich den Einstieg in den Wertholzmarkt empfohlen.

4. TANSTAAFL

TANSTAAFL ist die Abkürzung für das englische Sprichwort: „There ain’t no such thing as a free lunch!“. Übersetzt heißt das ungefähr soviel wie: „Es gibt im Leben nichts umsonst!“ Diese Lebensweisheit scheint man im LRH nicht zu kennen. Natürlich kann man die Dienstleistungen des Stadtwaldes zusammenstreichen, um Kosten zu sparen. Aber dann bekommt man die Dienstleistungen eben auch nicht mehr.

Wie steht es z. B. mit der tatkräftigen Teilnahme des Forstamts bei den Aktionstagen „Artenvielfalt erleben“ vom 5. – 7. Juni 2015? Soll diese vom Forstamt übernommene Aufgabe dem Rotstift zum Opfer fallen? Dann führt Förster Stefan Zink in Zukunft eben keine 20 Schüler zwei Stunden lang durch den Schellbruch. Dann fällt der Filmabend im Beisein von Knut Sturm über Naturschutz im Stadtwald Lübeck eben aus. Überhaupt: In Zukunft werden auch keine Filme mehr über den Stadtwald gedreht. Auch die Exkursion in den Schattiner Zuschlag mit Förster Jörg Baeskow wird gestrichen. Genauso wie die in das Lauerholz mit Knut Sturm. Und Fledermaus-Wanderungen finden zukünftig ohne Dorothea Barre und Stefan Zink vom Stadtwald Lübeck statt. Eine völlig überflüssige Aufgabe in den Augen des LRH ist sicherlich auch das Forschungsvorhaben zum Scheidigen Gelbstern, das Knut Sturm, Jörg Baeskow und Andreas Fichtner bei den Aktionstagen vorstellen wollten.

Eine Alternative, die der LRH sicherlich begrüßen würde, wäre es, Eintritt zu erheben: Wie wäre es mit 50 € pro Exkursionsteilnehmer? Hauptsache, der Stadthaushalt wird konsolidiert.

5. You get what You pay for!

Ein anderes englisches Sprichwort lautet: „You get what You pay for“. Das bedeutet frei übersetzt: „Qualität hat ihren Preis!“ Natürlich kann das Lübecker Forstamt 10 seiner 19 Waldarbeiter entlassen. Nur: Wer wird dann die Bäume fällen? Die Heinzelmännchen? Das Forstamt wird dann in Zukunft private Forstunternehmer bezahlen müssen. Und gute Forstunternehmer sind nicht billig. Entlassungen, Outsourcing und Privatisierung sparen keine Kosten. Wer hier knausert und Billigheimer beschäftigt, zahlt mit zerstörten Rückegassen und mit Fällungs- und Rückeschäden an den Bäumen. Und mit Protesten aufgebrachter Bürger. Förster Peter Wohlleben traut privaten Forstunternehmern nicht über den Weg: Er kontrolliert sie zweimal am Tag. Und noch den besten privaten Forstunternehmern fehlt etwas, was die fest angestellten Waldarbeiter auszeichnet: Vertrautheit und Identifikation mit ihrem Wald.

6. Reviergröße

Stellen Sie sich vor, der LRH würde vorschlagen, die Klassenstärke in Schulen von 25 auf 30 Schüler zu erhöhen. So könne ein Sechstel der Lehrer eingespart werden. Mit den Einsparungen solle der marode Landeshaushalt konsolidiert werden. Genauso dumm wie der Vorschlag zur Erhöhung der Klassenstärke ist der zur Vergrößerung des Forstreviers.

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  1. Email von Lutz Fähser vom 18. Mai 2014 []
  2. Landesrechnungshof Schleswig-Holstein, Bemerkungen 2015, Kiel 2015, S. 95 f., Hervorhebungen von mir []
  3. siehe z. B. den Bericht vom 14. März 2014 in den Schaumburger Nachrichten über die Wertholzsubmission in Schaumburg mit dem Titel „Nachhaltigkeit ist das oberste Gebot„. []
  4. Hervorhebung von mir. Zur Sicherheit hier ein Screenshot der Webseite: Ökologische Waldwirtschaft []
  5. siehe Preise auf dem Holzmarkt []
  6. NRW-Umweltministerium stellt Laubholz-Studie vor, Holz-Zentralblatt vom 12. Mai 2014 []