Wilde Wälder – Vortrag von Knut Sturm und Torsten Welle

„Es gibt eine systematische Ausrottung von deutschen Waldgesellschaften.“
Knut Sturm

Teil 1 der Fragestunde – Nadelholzmangel, Eichenwälder, Nutzungsverzicht, Vorratsaufbau

Hinweise:
1.
Nach einer 20-minütigen Pause ging es weiter.
2.
Zu Beginn der Fragestunde wurden vier Themen besprochen, zu denen bereits in der Pause Fragen gestellt worden waren:

[Moderator:]
[…] Wir haben eben sehr viel Fachtheorie gehört, die sich natürlich um die Förster dreht, um den Wald dreht. Aber es ist relativ wichtig, dass auf der Struktur zu machen. Bevor wir die Fragestunde beginnen oder die Diskussion beginnen, wollen wir kurz noch einmal so postulieren, was ist eigentlich so sonst im deutschen Wald, damit man das ein bisschen vergleichen kann. Ich möchte dem Knut noch einmal das Wort erteilen.

Angeblicher Nadelholzmangel und der Wunderbaum Douglasie

1:31:10

[Knut Sturm:]
Das trifft mich jetzt völlig unvorbereitet! Ich versuche es einmal trotzdem. Was wird im Augenblick in der deutschen Forstwirtschaft diskutiert? […]

Also eine These, die ich […] für ganz wichtig halte, ist: „Wir haben im Augenblick zu wenig Nadelholz in unseren Wäldern! Wir brauchen wieder mehr Nadelholz!“ Das ist eine Diskussion […], die hat mit der Kohlenstoffdiskussion so gut wie gar nichts zu tun. Die hat einfach nur etwas damit zu tun, dass es einen relativ tiefen Nadelholzpflegeverband gibt, der häufig in den politischen Gremien sitzt und entscheidet, wie die deutsche Forstwirtschaft zu funktionieren hat. [Er behauptet,] dass [..] wir Nadelholz brauchen für [..] das Bauholz und für alle möglichen anderen Dinge.

Was kann man da als Argument dagegen bringen? Ich bringe einmal ein Argument dagegen, […] was [..] einfach zu verstehen ist, nämlich, wenn es um Kohlenstoffspeicherung geht: In Lübeck sind so Häuser, die da stehen, die Weltkulturerbe sind, die sind aus Eiche gebaut.1 Es gab nur ein Bauholz: das war Eiche. Und diese Bäume sind da verbaut worden und die stehen nach 700, 800, 900 Jahren immer noch. Ich habe meine großen Zweifel, ob Fichten nach 900 Jahren in unseren Häusern dann immer noch stehen. Also da […] mache ich mal ein großes Fragezeichen dran.

[…] Das ist unsere Wachtumsgläubigkeit der Gesellschaft. […] Ich will natürlich immer möglichst viel Durchsatz haben in der Industrie und damit auch in den Sägewerken. Und da stört die Eiche, weil die wird nämlich so alt auch in den Gebäuden. Die wird nicht nur im Wald alt, die wird auch in Gebäuden alt. Und das ist natürlich ein ganz entscheidender Punkt: […] ich muss mich dann in meiner gesamten Zielsetzung einer Bewirtschaftung umstellen. Das ist das eine Argument.

Das zweite Argument ist, dass junge Nadelholzbestände sehr schnell wachsen, insbesondere die Douglasie, die ja im Augenblick der forstliche Wunderbaum der Forstwirtschaft ist. Und die […] dazu beitragen soll, dass diese hohen Zuwächse kommen. Das stimmt: die junge Douglasien wachsen auch sehr schnell. Die Frage ist [..], ob ich auf eine Baumart setze, die in einem ganz anderen Wuchsraum zu Hause ist, nämlich in Nordamerika, wo sie sicherlich auch ihre Daseinsberechtigung hat. Die kann man ihr ja da auch überhaupt nicht absprechen. Und hier dann aber in großen Prozentzahlen aus meiner Sicht aus dem Stadium eines Versuchsanbaus aussteigt und sagt, die ist ökologisch angepasst – das wird ja behauptet von Seiten der Forstwirtschaft – und sie ist integriert … Ich bringe immer als Argument dazu, da machen Sie sich Ihr Bild selber, ob das so sein kann. Die ältesten Douglasien in Deutschland sind so um die 190 Jahre alt. Einige davon stehen bei mir im Forstamt, die ältesten sogar, die in Deutschland angebaut worden sind. Eine Douglasie wird in Nordamerika 1.000 Jahre alt, d. h., die ist jetzt gerade mal in der Pubertät. Wenn man das dann überträgt, menschliche Übertragung, das ist ja immer ganz nett – Peter Wohllebens Lieblingsspiel – d. h., wenn man das macht und sagt, sie ist in der Pubertät und man dann sagen kann, dass so eine Baumart tatsächlich ökologisch angepasst ist, sich hier in dieses System einnischen kann, da mache ich auch mal ein großes Fragezeichen. Ich würde die Douglasie weiterhin als Probeanabau hier in Deutschland betrachten. Sie soll erst einmal unter Beweis stellen, dass sie sich tatsächlich hier integrieren kann in die Systeme und dass sie nicht irgendwie ein Problem für unseren Wald darstellt.

Trotzdem ist natürlich das Argument da: Junge Bäume, junge Douglasien wachsen schnell, oder junge Nadelbaumarten wachsen schnell. Betrachtet man das aber über ganz lange Zeiträume oder über längere Zeiträume, dann fällt einem [..] auf, dass – hatte ich Ihnen vorhin gezeigt – [..] in diesen artenreichen Dauerwäldern die starken Wachstumsphasen erst viel später kommen. Und die haben wir bei uns in vielen Wäldern gar nicht. Die lassen wir auch gar nicht zu. Deshalb habe ich Ihnen auch vorhin auch diese eine Abbildung gezeigt: Ab 65 cm gibt es praktisch keine dicken Bäume mehr.

Sie kennen aber auch die AFZ-Berichterstattung. Da steht dann drin: „Ja, die Altholzbäume in Deutschland haben um die Hälfte zugenommen!“ Das ist so, als wenn ich sage, ich bin bei 0,2 % und jetzt bin ich bei 0,3 %. Herzlichen Glückwunsch! Ich habe nämlich tatsächlich die Hälfte zugelegt, weil ich vorher alles weggenommen habe. [..] Auch dieses Argument kann nicht so richtig greifen, sondern ich muss da alles [..] mit betrachten und das wird im Augenblick [..] in vielen dieser Studien [..] nicht in jedem Fall [..] gemacht.

Bedrohung der deutschen Eichenwälder

1:36:18

Die Schutzkonzepte […] … Wir haben in Deutschland eine klare Vorgabe, dass wir nach der Biodiversitätskonvention, die wir auch unterschrieben haben … Übrigens, die haben wir schon 1994 in Rio unterschrieben, Rio ist damals 1992 verabschiedet worden, Deutschland hat es 1994 […] endgültig unterschrieben. Da steht halt drin, dass wir die naturnahe Artenvielfalt erhalten. […] Wir unterhalten uns nicht über Eichenbestände auf Buchenwaldstandorten, was häufig und gerne gemacht wird, sondern wir unterhalten uns über Eichenwälder auf Eichenwaldstandorten. Und die müssen wir schützen! Und die sind im Augenblick alle, alle Eichenwälder in Deutschland sind bedroht. Der acidophile Eichenmischwald – das haben wir in dieser Brutalität hier gar nicht zeigen wollen, weil ich habe wirklich als Förster … als ich die Daten gesehen habe, ist es mir eiskalt den Rücken herunter gelaufen.2 Es gibt in dieser Waldgesellschaft nur noch Bäume, die zwischen 30 und 65 cm dick sind:

[…] Alle dicken Bäume werden abgeräumt, und es wächst nichts nach. Wenn man mir so etwas vor 10 Jahren vorgelegt hätte, als ich häufig in Entwicklungsländern gewesen bin, dann hätte ich gesagt, ich bin im Kongo oder in Brasilien, aber ich hätte nie gedacht, dass ich in Deutschland bin. Und das ist Realität: [..] Es gibt eine systematische Ausrottung von deutschen Waldgesellschaften, die hier betrieben wird, weil nämlich auch in diesen Bundesländern – Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Brandenburg – keine eichenführenden Typen dort als Betriebstyp, also als Betriebszieltyp, also als Waldentwicklungstyp3 – oder wie die Dinge auch immer heißen mögen – vorgesehen sind, sondern da ist Kiefer, Douglasie, was auch immer vorgesehen, aber nicht Eiche. Das macht mich selber immer noch ganz betroffen, als ich diese Ergebnisse da gesehen habe. Denn ich hätte nicht gedacht, dass das in dieser Brutalität tatsächlich stattfindet. […]

Die deutsche Forstwirtschaft erzählt uns seit mindestens 30 Jahren – mir ist es aufgefallen, als ich heute durch Göttingen durchgefahren bin, dass ich da vor 40 Jahren angefangen habe zu studieren – […], wir machen artenreiche, strukturreiche Dauerwälder. Auch das haben wir analysiert: Und es sind sagenumwobene 1,3 %. D. h.: Es hat nichts – aber auch wirklich nichts – stattgefunden. [..] Jedenfalls nichts, was nennenswert in der Fläche in irgendeiner Größenordnung eine Rolle spielen könnte. Und wenn man jetzt schon davon redet, dass wir eine „Verbuchung“ oder eine „Verlaubholzung“ in unseren Waldgesellschaften … also nach diesen Zahlen, die wir da haben: Also ich weiß nicht, über was die reden. Die müssen irgendwelche anderen Datensätze haben, oder die haben irgendetwas genommen, was ich nicht kenne. Also [..] anders ist das nicht zu erklären. Also ich weiß es nicht. Und insoweit ist es spannend und für mich immer wieder niederschmetternd gewesen, weil ich selber mich auch immer noch als Förster fühle und ich mich […] verantwortlich fühle für den Wald. Und [..] diese Ergebnisse [..] von der Bundeswaldinventur machen mich einfach nur tief betroffen. Aber jetzt darfst Du [= Torsten Welle] noch etwas zum Schutzkonzept sagen!

Nutzungsverzicht ist Klimaschutz

1:39:37

[Torsten Welle:]
Nur ganz kurz! Ich hoffe, ich kriege es einigermaßen sinnvoll erklärt! Die Diskussion um diese 5 % Schutzflächen, die man in Deutschland haben möchte, oder auch Nationalparks ist ja ein riesengroßes Politikum, ein riesengroßes Thema. Da ist ja die Frage: Wen stören diese 5 %? Und das Argument oftmals ist: [… ] „Wenn ich diese 5 % nicht nutzen kann, dann kann ich ja auch keinen Klimaschutz machen! […] Klimaschutz [geht nur mit] jungen, schnell wachsenden Bäume, weil die [..] am meisten Kohlenstoff aufnehmen!“ – Das ist [..] Photosynthese […]: Kohlenstoff wird gespeichert im Stamm und [Sauerstoff] wird […] ausgeatmet. [..] Das ist [..] das Prinzip [der Photosynthese]. – Was wir aber eben […] versucht haben vorzustellen, ist […], dass die alten dicken Bäume [..] überproportional mehr Kohlenstoff speichern können als diese jungen, schnell wachsenden Bäume. Das ist [..] das, was nicht so ganz im Bewusstsein […] angekommen ist.

Vorratsaufbau statt Kaskadennutzung

1:40:45

Dann sollte man sich auch mal überlegen, wenn man sagt: […] „Holznutzung!“ – Also ich habe ein Holzhaus gebaut, ich bin für Holznutzung. Nicht, dass wir jetzt so Holzhasser sind hier! Holz ist einer der schönsten natürlichen Rohstoffe, die wir überhaupt haben. Aber … man muss [..] verantwortungsvoll damit umgehen!

Und die Frage ist [..] auch … […] „Kaskadennutzung!“ […] Wenn ich sage: […] 110 Millionen sind gebraucht und 50 % gehen [..] direkt in die energetische Nutzung. Also dann ist ja die Hälfte schon mal weg! Und davon [= von den 110 Millionen] 10 % oder 20 % gehen dann … in mein Haus z. B.. Dann ist das eine langfristige Nutzung. Ist zwar kein Eichenhaus, wie [..] Knut gesagt hatte, aber ich hoffe, dass es trotzdem lange hält, 1.000 Jahre vielleicht auch nicht, aber 100 Jahre sollte es schon halten. Aber nichtsdestotrotz: 50 % sind […] weg!

Und was auch nicht beachtet wird, ist: […] Wie lange hält sich Kohlenstoff in der Atmosphäre? Bei CO2 ist es 100 Jahre. [..] Jetzt muss man einfach mal rechnen: Wenn ich [..] die Hälfte direkt verbrenne, das ist sofort weg! [..] Es ist direkt in der Atmosphäre. Die ganze Hälfte, die da weg ist – so viel CO2 kann ein Wald gar nicht aufnehmen in dieser Zeit. Man muss den Faktor Zeit nämlich beachten. [Die] Halbwertszeit von CO2 ist 100 Jahre. Wenn ich immer mehr verbrenne, als [..] der Wald [..] kompensieren kann, ist das ein Plusgeschäft, und zwar für CO2 und nicht für den Wald.

[Knut Sturm:]
[…] Ich sage noch mal etwas zu Kaskaden. Weil es ist ganz entscheidend: Wir brauchen im Augenblick, um unsere Klimaziele umzusetzen tatsächlich eine Senke. Also wir brauchen irgendwo etwas, wo wir etwas ablegen – und zwar möglichst viel. Und wenn wir eine Holznutzung machen, dann unterhalten wir uns [über folgendes: …] Immer, wenn wir sieben Festmeter nutzen – das ist das, was Du [= Torsten Welle] eben gerade gesagt hast -, dann sind [..] dreieinhalb innerhalb von drei Jahren wieder in der Atmosphäre, weil sie nämlich verbrannt werden oder zu Papier oder zu irgendwelchen kurzfristigen Produkten gemacht werden. Und wenn es mal ganz gut läuft, sind 20 % langfristig gebunden. Im Wald gehen diese 7 Fm [als] Vorratsaufbau in den Wald. Und sie sind 7 Fm, also 3,5 t Kohlenstoff Senke. Punkt. Ohne Wenn und Aber. Und deshalb verstehe ich überhaupt nicht, warum man nicht viel stärker darüber in der deutschen Forstwirtschaft nachdenkt, den Vorratsaufbau wieder viel stärker voranzutreiben, sich an diese Naturwaldvorräte herantastet. Auch auf die Gefahr hin – das, was immer wieder von der deutschen Forstwirtschaft gesagt wird – [dass] wir [..] irgendwann einmal einen stabilen Endzustand erreichen. Da unterhalten wir uns über Zeiträume – das sind 150, 200, vielleicht sogar 300 Jahre. Wenn es denn diesen stabilen Endzustand [überhaupt] gibt – aber bis dahin haben wir nur Aufbau im Wald. Und das muss ganz klar aus meiner Sicht auch das politisch getragene Ziel werden, weil alles andere ist wirklich Lobbypolitik für die Holzindustrie.

[Torsten Welle:]
„Natural climate solutions“ – das war ein Schlagwort dieses Jahres auf dieser Weltklimakonferenz, die in Bonn stattgefunden hat. […] Inwieweit können natürliche Ökosysteme wie das Meer oder die Wälder – das sind die Haupt-CO2-Senken – eine Funktion einnehmen. Da waren die Wälder auch relativ groß im Gespräch. Und deswegen ist es [..] wichtig, dass diese alten Bestände auch dann geschützt sind und auch unter Schutz bleiben. Natürlich ist es aber auch so, dass […] bei unserem Verhalten – wir sind ja die CO2-Emittenten [..] – die Wälder [..] das niemals komplett aufnehmen [können]. Deswegen ist es […] ein Fake Argument, dass die Holzwirtschaft [..] sagt: […] „Nutzung ist Klimaschutz.“ […] Das stimmt nicht!

Wenn man einen ordentlichen Klimaschutz machen möchte, dann müssen wir uns alle an die eigene Nase fassen! Also Mitigation, [das heißt übersetzt:] Minderung ist das Ziel und ein verantwortungsvoller Umgang mit unseren Ressourcen. Ich möchte nicht jeden Tag … Oder einmal in der Woche kriege ich so ein Packen Werbeheftchen drin. Braucht kein Mensch! Wozu? Wir sind digitalisiert! 4.0. Hallo? Alles läuft über Internet, und ich kriege nach wie vor diese ollen Real- und was-weiß-ich-nicht-Heftchen. Brauche ich nicht. Die gehen direkt weg. Und das ist … Da muss man sich mal drüber Gedanken machen! Das ist Quatsch! Braucht kein Mensch! Und da gehen aber die Wälder hin, die Bäume. [..] Das sind Punkte, die … ja die stimmen nicht unbedingt glücklich.

[Moderator:]
Also da vielleicht noch eine aktuelle Zahl: Es sind 255 kg Papier pro Kopf Papierverbrauch in Deutschland.

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  1. siehe UNESCO Welterbe „Lübecker Altstadt“ []
  2. siehe Naturschutzkriterien und Waldtypen, in: Torsten Welle, Knut Sturm, Yvonne Bohr: Ausgewählte Ergebnisse einer Analyse zur Repräsentativität der Waldgesellschaften in Deutschland, Lübeck 2017, S. 15 ff. []
  3. siehe den Artikel Waldentwicklungstypen – WET auf der Homepage des Landesbetriebs Forst Baden-Württemberg (ForstBW) []