Wilde Wälder – Vortrag von Knut Sturm und Torsten Welle

„Die AFZ ist die forstliche Bildzeitung!“
Knut Sturm

Teil 4 des Vortrags – Starkholzaufbau und Biodiversität

Zuwächse

[Knut Sturm:]
Ein zweiter Punkt, der uns natürlich umtreibt, ist: Wie sieht es mit den Zuwächsen aus bei steigenden Vorräten? Wir lernen ja jeden Tag, wenn man die AFZ aufschlägt – das ist die forstliche BILD-Zeitung – , dass der Vorrat in Deutschland viel zu hoch ist und wir ihn dringend senken müssen, weil die Zuwächse ansonsten nach unten gehen.

Wir haben bei uns [den Zuwachs von] Wirtschaftswälder und nicht bewirtschafteten Wälder von Buchenbeständen analysiert. Auf der x-Achse ist eingetragen der Holzvorrat und auf der y-Achse der flächenmäßige Zuwachs, den die Bestände haben. Und Sie sehen nur eins: Es geht nur nach oben. Selbst bei 1.000 Fm Vorrat wachsen die Bestände deutlich schneller und deutlich besser als bei 300 m3 Holz. Das sind gemessene Zahlen aus Wiederholungsinventuren der Kontrollstichproben, die wir gemacht haben. Die gleichen Ergebnisse könnte ich Ihnen von Göttingen zeigen, könnte ich Ihnen aus den Versuchsrevieren aus dem Saarland zeigen. Überall kommt das Gleiche heraus, nämlich das, was eine uralte Binsenweisheit der Förster ist: „Holz wächst nur an Holz.“ Das, was im Augenblick erzählt wird, dass wir bei 320 Fm oder 340 schon Übervorräte in unseren deutschen Wäldern halten, ist damit natürlich völlig ad absurdum geführt. Wenn Sie hereingucken in die Liste, sehen Sie [folgendes]: Wenn Sie 350 Fm nehmen, liegen Sie ungefähr bei 7 Fm Zuwachs. Wenn Sie auf 600 Fm hochgehen, sind Sie bei 10 Fm. Sie verschenken also, wenn Sie […] den Vorrat auf 350 Fm festschreiben würden, […] den Zuwachs von 3 Fm. Das ist Ihre Entscheidung, also eine Försterentscheidung. Kann man so machen. Ich will es nicht machen. Ich möchte mich anpassen an den Naturwald, denn ich möchte diese Mengen an Holz nicht unbedingt verschenken.

Vorratsaufbau

Ich kann es politisch im Augenblick überhaupt nicht verstehen, warum man nicht auch diesen Weg geht, den Vorratsaufbau zu machen und den Vorrat nach oben zu fahren. Erstens haben wir damit eine echte Kohlenstoffsenke, die wirklich ist: nämlich jeder Fm bleibt im Wald und wird nicht, wenn Sie einen Fm ernten, wird 30 % energetisch hinterher genutzt – wohlwollend gerechnet, wahrscheinlich sind es eher 50 – und 50 % gehen dann hinterher vielleicht in langfristige Produkte, die 20 – 30 Jahre lang dann irgendwo im Kreislauf drin bleiben. Das sind alles Milchmädchenrechnungen! Im Wald ist das Holz viel besser aufgehoben und Sie erreichen damit noch bessere Zuwächse.

Starkholzaufbau

Wie funktioniert so etwas? Es funktioniert nur, wenn Sie die Starkholzvorräte nach oben fahren. Und [mit] Starkholz meine ich wirklich Starkholz. Also nicht die Zieldurchmesser, die in der Forstwirtschaft im Augenblick immer diskutiert werden, 65 cm oder 50 cm. Die Krone hat die Mecklenburgische Forstverwaltung gerade aufgesetzt: die hat die Zieldurchmesser für die Kiefer bei 35 cm festgeschrieben. Das ist für mich Kindermord! Weil eine Kiefer wird auch sicherlich deutlich dicker. Ich wollte Ihnen hier mal zeigen, wie sich unsere Vorräte in Lübeck entwickelt haben bei den drei Inventuren.

Sie sehen, dass wir einen deutlichen Starkholzaufbau betreiben – vor allem in den hohen Durchmessern, also ab 65 cm ist da wirklich etwas passiert.

Und welche Auswirkungen hat das auf den Zuwachs? Das sehen Sie hier:

Da sind die beiden Perioden: 1992 – 2003 ist der hellgrüne [Balken], der blaue Balken ist von 2003 -13. Und Sie sehen vor allem eines: dass wir im starken Holz deutliche Zuwachsgewinne verzeichnen konnten. Das ist das, was mich wirtschaftlich interessiert, weil dann die Zuwächse deutlich nach oben gehen. Sie sehen unten in der x-Achse werden die Bäume immer dicker und in der y-Achse sind die Zuwächse für den Gesamtbetrieb aufgerechnet. Sie können schön erkennen, dass wir v. a. bei den Durchmessern 75 – 85 fast eine Verdopplung der Zuwächse haben. Es sind ja immer die Zuwächse; ich habe viel mehr Spielraum bei meinen Nutzungsmengen, die ich dann habe.

Warum ist das so? [Diese Frage] stellt man sich ja jetzt, weil jeder [folgendes] gelernt hat (und seine Ertragstafel im Kopf hat): Junge Bäume wachsen schnell. [Das] haben wir alle gelernt und [das] wissen wir ja auch! Wenn wir aber Dauerwälder anlegen so wie bei uns – also [Wälder,] die strukturreich sind – dann kulminieren die Durchmesserzuwächse bei allen Baumarten bis auf bei der Kiefer viel viel später, nämlich bei 70 – 80 cm.

Und wenn Bäume bei 70 – 80 cm Durchmesser kulminieren, dann ist natürlich auch klar, dann ist der Zuwachs auf viel später, in viel höheren, in viel älteren Phasen. Wir haben bei der Buche eine sehr intensive Studie gemacht und haben mal verglichen, wie sich denn die Durchmesser auf den Zuwachs auswirken in unterschiedlich dichten Beständen.1 Und da konnten wir relativ gut [folgendes] nachweisen: Die jungen Bäume haben eine sehr starke Abhängigkeit [von der Dichte]: In lichten Beständen wächst der Einzelbaum viel schneller als in dichten Beständen. Und umso stärker die Buche wird, umso weniger gibt es diesen Zusammenhang. Ungefähr ab 40, 45 cm löst sich dieser Zusammenhang völlig auf. Die Buchen wachsen ab ungefähr 45 cm völlig distanzunabhängig. Wenn das so ist und die kulmieren bei 80 cm, dann muss auch der Flächenzuwachs in den Altholzbeständen am höchsten sein.

Vergleich von Vorräten und Stärkeklassen zwischen Lübeck und der Bundeswaldinventur

Dass das auch Auswirkungen hat auf die Entwicklung im Vergleich zur Bundeswaldinventur. Das wollte ich Ihnen hier mal zeigen, wie sich das in Lübeck im Vergleich zu den Daten der Bundeswaldinventur darstellt.

Wir haben uns hier mal – weil das auch bei uns die prägende Waldgesellschaft ist – den mesophilen Buchenmischwald ausgesucht. Sie sehen die blauen Balken; das sind die Daten bei uns von 1992. Die braunen Balken sind die Daten von 2013 und die grauen sind die aus der letzten Bundeswaldinventur von 2012. Und zwar immer gerechnet auf 1 ha. Also alle Wälder sind zusammengeschmolzen auf 1 ha und dann verteilt auf die verschiedenen Stärkeklassen. Und Sie können anhand dieser Abbildung sehr schön sehen, dass ab 65 cm der graue Balken verschwindet. Die Zielstärkennutzung in der Buche findet extrem konsequent statt. Bei uns eben nicht, weil wir haben einen Zieldurchmesser bei der Buche von 75 cm. Aber selbst danach gibt es bei uns immer noch nennenswerte Vorräte. Wir wollen viele Bäume stärker werden lassen, weil wir den Wertzuwachs – bei der Buche ist es nicht so ganz ausgeprägt, aber beim Edellaubholz und bei der Eiche ist es extrem – ausnutzen wollen.

Und das spielt uns auch in die Hände bei Klimaschutzzielen, weil Sie hohe Vorräte in solchen Wäldern nur aufbauen können, wenn Sie dicke Bäume haben. Sie können 600 m3 Holz als Durchschnittsvorrat für den Wald nicht erreichen, wenn Sie lauter dünne Bäume haben. Das erreichen Sie nur mit dicken Bäumen. Wenn Sie die aber bei 65 cm abhacken, dann können Sie auch keine 600 m3 im Durchschnitt aufbauen, sondern Sie müssen viele Bäume deutlich dicker werden lassen.

Biodiversität

Welche Bedeutung hat das jetzt für das Ökosystem? Das ist ja durchaus eine berechtigte Frage. Wir machen ja nicht nur Waldwirtschaft, damit wir Holz produzieren, sondern Biodiversität ist ja eines unserer wesentlichen gleichrangigen Ziele – jedenfalls im öffentlichen Wald. Sie sehen hier ein Ergebnis einer Studie bei uns aus dem Wald, wo wir die wichtigen short-cycle Mykorrhizapilze verglichen haben mit der lebenden Biomasse. [Sie sehen] die lebende Biomasse auf der unteren x-Achse und die Anzahl der Arten auf der y-Achse. Und Sie sehen wie eine Eins: eine gerade Linie nach oben. D. h., mit zunehmendem Holzvorrat nimmt auch die Artenzahl der short-cycle Mykorrhizapilze deutlich zu. Die Zersetzung, die in solchen Systemen stattfindet, steigt mit der Artenzahl und diese Artenzahl steigt mit dem Holzvorrat.

Waldarten in Schleswig-Holstein

Ich habe Ihnen hier einmal die Karte von Schleswig-Holstein aufgemalt. Der geografisch Kundige weiß ungefähr, wo Lübeck liegt. Und Sie können sehen, dass mit zunehmendem Rotanteil die Artenzahl der Bodenvegetation der typischen Waldarten zunimmt und man kann mit tödlicher Sicherheit hier unsere Waldflächen auslesen. Das ist kein Zufall. Wer es nicht glaubt, das ist eine relativ neue Untersuchung, die gemacht worden ist von der Katrin Romahn völlig unabhängig von uns. Irgendwie habe ich das denn mal in einer Zeitschrift gelesen. Und Sie können sehen, dass die ganz dunkelroten Flächen da an der Grenze zu Mecklenburg, da liegt genau unser Stadtwald und die roten Flächen, die weiter südlich davon liegen, das sind die Ausläufer Richtung Lüneburg, da liegen unsere Waldflächen. Wir haben eine große Bedeutung auch für den Schutz der typischen Waldarten für Schleswig-Holstein.

Brutvögel

Dann machen wir auch gleichzeitig noch ein Brutvogelmonitoring von ausgewählten Vogelarten. Da will ich Ihnen vor allen Dingen das Augenmerk auf die Kontinuitätszeiger lenken. Das ist eine wesentliche Artengruppe, die eben vor allem darauf angewiesen ist, dass Wälder alt werden. Und Sie sehen die Entwicklung des Mittelspechts – das ist ohne Worte. Das viel Spannendere an dieser Aufstellung – die ornithologisch Interessierten hier im Raum werden es wissen – ist der Zwergschnäpper, der da drunter kommt. Der Zwergschnäpper war 1999 in Schleswig-Holstein noch relativ verbreitet. 2011 hatte er nur noch 9 % der Raster besetzt, die er 1999 hatte. Und diese 9 % waren genau unsere 7 Paare, die da noch aufgeführt sind. Der ist überall massiv zurückgegangen. Er gilt als Urwaldreliktart und nur da ist er geblieben, wo er diese Strukturen noch findet.

Bei den Störungszeigern – das sind diese beiden Mechanismen, die die Artenvielfalt in Wäldern ganz wesentlich beeinflussen; nämlich die Störungen – also natürliche Störungen meine ich damit – und die Kontinuität – sehen Sie, dass wir bei dem Neuntöter [einen] stabilen Bestand haben, bei der Sperbergrasmücke und beim Wendehals haben wir rückläufige Tendenzen. Die Sperbergrasmücke und der Wendehals verabschieden sich allerdings zur Zeit aber aus Schleswig-Holstein genauso wie der Zwergschnäpper und da konnten wir leider nicht gegenhalten. Dagegen beim Neuntöter scheint es offensichtlich gleich zu bleiben. Alle störungsempfindlichen Großvogelarten bis auf den Rotmilan kennen nur eine Tendenz, die gehen deutlich von der Population nach oben.

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  1. siehe Durchforstung in der Rizerau – Unterschiede zwischen der QD-Strategie und dem Lübecker Konzept []