Wilde Wälder – Vortrag von Knut Sturm und Torsten Welle

„Der Wirtschaftsfaktor […] ist den Leuten völlig egal […]. Wenn ich [aber] in der Diskussion mit meinen Ausschüssen [in der Stadt] bin, dann ist die Diskussion eine ganz andere. […] Da geht es nämlich nur um Geld.“
Knut Sturm

Teil 1 des Vortrags – Bürgerbefragung

Vorstellung der Naturwaldakademie

[Torsten Welle:]
Ja hallo! Schönen guten Abend! Torsten Welle ist mein Name. Neben mir sitzt Knut Sturm vom Stadtwald Lübeck. Ich arbeite bei der Naturwaldakademie. Wir freuen uns und bedanken uns für die Einladung. Die haben wir sehr gerne angenommen, weil … Wilde Wälder liegen uns auch am Herzen, und deswegen finden wir den Titel auch sehr passend. Wir wollen Ihnen heute Abend Ergebnisse und Studien vorstellen und ein bisschen zum Nachdenken – sag ich mal – anregen. Und wir fangen auch gleich an.

Jetzt hat mir meine Geschäftsführerin den Auftrag gegeben, ich muss die Naturwaldakademie natürlich vorstellen, weil – die gibt es noch nicht so lange. Sie wurde im Januar 2016 gegründet und ist seit Oktober 2016 operationell, also da haben wir unseren Betrieb angefangen. Finanziert wird sie durch private Gesellschafter. Das sind sechs Stück an der Zahl, aber im Laufe der Zeit wollen wir natürlich auch Drittmittel akquirieren, um weitere Forschungsprojekte durchführen zu können. Wir haben zwei Standorte, einerseits Berlin – Öffentlichkeitsarbeit – und die Forschung in Lübeck, wo ich auch sitze und sehr stark mit Knut Sturm zusammenarbeite, der letzten Endes auch zwei Hüte auf hat: Er ist Stadtwaldleiter und sitzt auch im Beirat, im wissenschaftlichen Beirat der Naturwaldakademie. Also wir arbeiten da sehr eng zusammen. Zweck der Gesellschaft ist – das muss man auch mal sagen – die Förderung von Wissenschaft und Forschung, Umwelt und Naturpädagogik und Umwelt und Naturschutz ganz allgemein. Ziel und Motivation – warum machen wir das überhaupt – ist, dass wir einen Paradigmenwechsel ansteuern wollen im und mit dem Umgang mit dem Wald. Ziel ist auch, dass wir mehr Wildnis gern hätten im Wald, dass naturnahe Waldwirtschaft – das ist ein Konzept, was Knut nachher auch vorstellen wird – dass das ein bisschen mehr in die Öffentlichkeit kommt. Und auch generell fordern oder wünschen wir uns mehr alte Bäume und dass das auch einen wissenschaftlichen Hintergrund hat, das wird auch heute im Rahmen des Vortrags erscheinen.

Und gegliedert – nein – anfangen wollten wir noch mal erst mal mit zwei Waldbildern. Waldbild A und Waldbild B, das sehen Sie gleich. Prägen Sie sich mal diese zwei Waldbilder ein! Einerseits dieses und jenes.

Waldbild B

Und jetzt – Achtung! – jetzt machen wir eine kleine Umfrage, das haben wir nämlich auch schon mal gemacht am Walderlebnistag in Lübeck. Da haben wir die Besucher gefragt, welches Waldbild gefällt Ihnen denn spontan besser? Das wollen wir mit Ihnen jetzt auch mal kurz machen. Sie können einfach mal die Hände heben, wenn Sie Waldbild A schöner finden. Das sind berauschend wenig! Und Waldbild B? Ja, das sieht schon viel besser aus! [Lachen] Es liegt vielleicht auch ein bisschen am Klientel, was hier ist. [Lachen] Das ist vielleicht ein bisschen gefärbt, die Statistik, die können wir jetzt nicht anwenden. Aber interessanterweise war Waldbild B auch bei den Lübeckern Bürgern eher gesehen. Ist ja natürlich auch eine Naturwaldfläche, wie sie im Stadtwald Lübeck vorkommt. Wir sehen eine schöne Dauerwaldstruktur mit viel Totholzanteilen, sehr schöne Struktur, dicke Bäume, alte Bäume, dünne Bäume. Und das Bild A ist dann doch eher eine einseitige Fichtenplantage, wie sie z. T. auch großartig [Welle meint vermutlich: großflächig] vorkommt in Deutschland, was wir nachher auch noch ein bisschen erzählen wollen im Sinne einer großen Studie, an der wir gerade arbeiten.

Gliederung

Was erwartet Sie heute?

  1. Wir fangen an mit einer Bürgerumfrage, die wir in Lübeck gemacht haben: Was will der Bürger vom Wald? Was ist die Erwartungshaltung oder die Wahrnehmung?
  2. Dann gehen wir über zum Zustand der deutschen Waldes aus naturschutzfachlicher Sicht. Wir haben jetzt gerade eine Studie in Arbeit, die wir hoffentlich am 21.3. – Tag des Waldes – herausgeben wollen.
  3. Dann: Was können wir von Naturwäldern lernen? Beobachtung des Ergebnisses aus 25 Jahren naturnaher Bewirtschaftung im Stadtwald Lübeck. Da wird eben das von Peter angesprochene Konzept real vorgestellt. Also taugt es was, taugt es nichts? Ich kann Ihnen jetzt schon mal versprechen: Es taugt was!
  4. Dann gehen wir so ein bisschen in die Wissenschaft, in die langweilige theoretische Wissenschaft. Da sind Sie hoffentlich noch nicht eingeschlafen! Da gibt es dann neuere Erkenntnisse, welchen Beitrag leisten Wälder im Klimawandel und in Bezug auf die Biodiversität? Da gibt es halt neuere Studien, die recht interessant und auch eindeutig sind und die auch verschiedene Debatten rund um den Wald – ja – befeuern.
  5. Und dann noch einmal einen kurzen Abriss über bestehende Wissenslücken – auch konkret ein kleines Projekt, an dem wir gerade arbeiten. Und da möchten wir Sie auch teilhaben lassen. Aber jetzt gebe ich mal ab an Knut!

Befragung der Lübecker Bürger

[Knut Sturm:]
Ich freue mich natürlich auch, dass ich Ihnen hier heute den Lübecker Stadtwald mal – oder zumindest Ergebnisse etwas näher bringen kann. Ich bin nicht Leiter seit 25 Jahren von dem Stadtwald, aber ich betreue das Projekt seit jetzt 25 Jahren. Am Anfang eher als Forstplaner und seit 2010 habe ich dann von Lutz Fähser die Leitung sozusagen übernommen vom Stadtwald Lübeck. Und [ich] kenne den natürlich relativ gut, weil hier mittlerweile drei z. B. Kontrollstichproben-Inventuren, drei Waldbiotopkartierungen, drei flächenbezogene Forsteinrichtungen … die sind alle mehr oder weniger auch von mir gemacht worden. [Deshalb] kenne ich den Wald relativ gut und will Ihnen Teile dieser Ergebnisse vorstellen. Bevor ich die Ergebnisse vorstelle, möchte ich aber auch darstellen, wie es eigentlich auch zum Konzept gekommen ist. Das war ja nicht eine Eingebung, dass ich irgendwann mal durch den Wald gelaufen bin mit Lutz Fähser zusammen und dann kam irgendwie ein Erzengel und hat uns erzählt: „Jetzt macht Ihr das mal so!“, sondern das ist ja ein Diskussionsprozess gewesen, den wir angestoßen haben, bei dem die Lübecker Bürger auch ganz explizit mit einbezogen worden sind. Und das möchte ich Ihnen zeigen – auch, wie sich das entwickelt hat. Wir machen eine ganze Menge Aktionen für die Lübecker, z. B. auch solche Bänke: der Lieblingsplatz.

Da kann man sich bei uns auf dem Holzhof so eine Bank bestellen und im Wald sagen, wo man die gerne haben will. Und wir haben jetzt auch einen Walderlebnispfad eingerichtet, so ganz modern mit Facebook. Ich verstehe davon immer nichts. Da kann man irgendetwas „liken“ irgendwie, aber … und das wird dann auch weitergegeben an andere, die dann da auch hingehen können und können dann sagen: „Mensch, das ist ja klasse, was ihr da macht! Und – das ist ein schöner Wald!“ Und da kann man sich dann so eine Bank hinstellen und sich den schönen Wald halt angucken.

Wir haben dann mal auch gefragt: Was bedeutet eigentlich der Wald für Sie? Und zwar haben wir nach der Einführung unseres Konzepts 1998 – also ungefähr sechs Jahre später – die Lübecker Bürger in einer relativ repräsentativen Umfrage [befragt]. Also wir haben aus dem Telefonbuch 500 Leute ausgesucht oder haben 500 Leute erreicht, die wir dann befragt haben zu dem Wald: Was bedeutet der Wald für Sie?

Und Sie sehen, das ist der graue Balken. Da spielen drei ganz wichtige Punkte eine Rolle, die auch in der Diskussion für den Wald immer wichtig sind, nämlich Naturschutz und Ökosystemschutz ganz allgemein, dann Erholung und Freizeit und Ressource und Wirtschaftsfaktor. Und spannend ist dabei zu sehen, dass es eine ganz klare Entwicklung von 98 zu 2017 gegeben hat: Der Wirtschaftsfaktor – jedenfalls bei der Stadtbevölkerung in Lübeck, die wir da befragt haben – spielt heute keine Rolle mehr. Das ist den Leuten völlig egal, was damit passiert. Wenn ich in der Diskussion mit meinen Ausschüssen bin, dann ist die Diskussion eine ganz andere. Dann ist das eigentlich, dann brauche ich da gar keine Balken abzubilden, dann gibt es nur einen. Da geht es nämlich nur um Geld. Das heißt, man muss ab und zu mal zeigen: Die Lübecker, also die Bevölkerung, das sind ja 248.000 Waldbesitzer – denen ist es eigentlich egal. Und wir haben auch gefragt – das habe ich jetzt hier nicht bei : Wie viel Geld würden Sie denn dafür ausgeben? Und die Lübecker sind da bereit, also 80 % der Leute, die wir befragt haben, sind bereit, deutlich mehr für die Bewirtschaftung des Waldes zu bezahlen, als wir eigentlich im Augenblick brauchen. Die haben auch gar keine Vorstellung davon, was wir brauchen, sondern die wollen deutlich mehr Geld ausgeben.

Was uns dann auch natürlich interessiert: Wie zufrieden sind die [Bürger] eigentlich mit der Waldbewirtschaftung? Wir machen sehr viel Öffentlichkeitsarbeit – das wäre ein eigener Vortrag, darüber etwas zu erzählen, da haben wir aber die Zeit nicht für. Ich möchte Ihnen nur ganz kurz zeigen, wie die Entwicklung gewesen ist. Also 98 gab es noch … da waren noch viele so mittel und zufrieden. und es gab auch eine ganze Reihe von Unzufriedenen. Das hat sich völlig – finde ich – gewandelt zu unseren Gunsten. Also da kann man sich dann auch mal auf die Schultern klopfen! Wir haben einen sehr hohen Anteil von sehr zufriedenen und zufriedenen Leuten und eigentlich mittel und unzufrieden und sehr unzufrieden ist eigentlich keiner mehr.

Ich finde es eigentlich auch ein gutes Beispiel dafür … Wenn man diese gleiche Befragung – das gibt es ja durchaus, also gerade von der Universität aus Freiburg, die fragt z. B. die Freiburger oder auch andere Stadtverwaltungen ab und zu mal … da ist die Tendenz eine völlig andere: die geht nämlich genau anders herum. Also der Bereich der unzufriedenen Leute geht deutlich nach oben und der Anteil der – da gibt es ja mittlerweile auch einen Begriff für – die Wutbürger gegenüber den Forstleuten, die Anzahl nimmt deutlich zu.

Das ist dann für mich jetzt aber eine Fragestellung, die viel spannender ist, nämlich: Wie nehmen die Leute uns wahr? Und wie ist ihre eigene Einstellung?

Hier haben wir jetzt mal gegenübergestellt sechs verschiedene Faktoren, nämlich Wald als Ökosystem, Wald als Ressource, Wald als Erholungs- und Freizeitraum, Wald als Schutz vor Umwelteinflüssen, Wald als Wirtschaftsfaktor und Wald als landschaftgestaltendes Element. Und da finde ich total spannend, dass die Leute uns – also die Stadtwaldförster – doch für ziemlich wirtschaftsorientiert halten im Gegensatz zum „Wald als Ökosystem“-Faktor. Also da gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem, wie die uns wahrnehmen, und wie wir uns vielleicht auch selber wahrnehmen … Das wäre ja auch noch mal eine spannende Frage … Da haben wir noch Nachholbedarf, um vielleicht den Zufriedenheitsgrad … auch die letzten 2,5% Unzufriedenen da ein bisschen besser abzuholen.

Der wesentliche Faktor ist aber – glaube ich – , dass man sich sehr stark Gedanken machen muss, wie wir als Förster sozusagen in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, und warum das so ist. Und gibt es da vielleicht auch ganz objektive Gründe für. Und darüber haben wir uns versucht mit der Naturwaldakademie mal ein bisschen mehr Gedanken zu machen und haben die Bundeswaldinventur mal ein bisschen spezieller ausgewertet und darüber wird jetzt im nächsten weiteren Beitrag Torsten vortragen.

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