Zerstörung des Stadtwalds

Störzeiger im Wald

Die Seite ist gegliedert in folgende Abschnitte:

 

Einleitung

Ich fürchte, dass viele Spaziergänger Störzeiger im Wald nicht kennen. Das ist kein Vorwurf, selbst Förster Herber kennt sie nicht, wie ich weiter unten zeigen werde. Vielen wird es mit Störzeigern ähnlich gehen wie mir bei meinem ersten Mittelmeerurlaub:

In den 80er Jahren machte ich Badeurlaub auf der Insel Krk im heutigen Kroatien. Ich machte mir überhaupt keine Gedanken darüber, dass das Wasser grasgrün war und man beim Schnorcheln kaum die eigenen Füße sehen konnte. Auch dass man wegen der vielen Seeigel nur mit Plastiksandalen schwimmen gehen konnte, störte mich nicht. Ich dachte, das müsse so sein: Das Mittelmeer sei eben grün. Selbst die vielen Tankschiffe draußen auf dem Meer, die zu den Raffinerien im nahegelegenen Ölhafen fuhren, stimmten mich nicht nachdenklich: Freudestrahlend schnorchelte ich in einer grünen Kloake herum.

Heute weiß ich, dass sowohl Grünalgen als auch Seeigel Störzeiger sind: Sie zeigen die Störung des Ökosystems Felsküste im Mittelmeer an.

Nach oben

Störzeiger im Buchenwald-Wald

Ökologen verleihen für den Zustand von Ökosystemen Noten. Nur nennen sie es nicht Noten, sondern Erhaltungszustandsbeurteilungen, abgekürzt EZB. Und statt von Ökosystemen sprechen sie von Lebensraumtypen, abgekürzt LRT. Ein LRT ist z. B. der Hainsimsen-Buchenwald. Das zerstörte Waldstück war einmal vor langer Zeit einmal ein Hainsimsen-Buchenwald. Denn, wie ich gleich zeigen werde: In den Augen von Ökologen ist er schon seit langer Zeit zerstört.

Störzeiger Brombeere bildet meterhohes dorniges Dickicht

 

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, genau zu erklären, wie ein Erhaltungszustand beurteilt wird. Das habe ich auf einer anderen Webseite getan: Wie beurteilt man den Erhaltungszustand eines FFH-Gebiets? Es genügt hier darauf hinzuweisen, dass ein LRT dann ruiniert ist, wenn „die Störzeiger der Kraut- und Strauchschicht mehr als 50% Deckung in der Bestandsfläche einnehmen“ (Anleitung zur Bewertung des Erhaltungszustandes von FFH-Lebensraumtypen, S. 120). Ökologen sprechen von einem „Verlust des LRT-Status“ (ebd.). Wenn sich beispielsweise in einem Buchenwald Holunderbüsche ausbreiten, dann ist das nicht typisch für einen Buchenwald. Und wenn Holunderbüsche mehr als 50 % des Waldbodens bedecken, dann ist der Buchenwald genauso gründlich runiert wie Meerwasser durch Grünalgen.

Nach oben

Beispiele für Störzeiger im Stadtwald

Im Wald am Schliehenbankweg kommen gleich 4 typische Störanzeiger vor:

  • Große Brennnessel
  • Gewöhnliches Klettenlabkraut
  • Echte Brombeere
  • Schwarzer Holunder

Auf dem folgenden Foto umrahmen zwei Störanzeiger das Buschwindröschen in der Mitte, das ein typischer Frühblüher im Buchenwald ist: die Brennnessel und die Brombeere. Beide sind im April noch klein, werden aber schon bald meterhoch sein und alles Leben unter sich ersticken.

 

Gewöhnliches Klettenlabkraut
Das Kletten-Labkraut gehört zu den Pionierpflanzen, die offene Flächen sehr schnell besiedeln können. Dazu tragen die vielen Samen, die eine Pflanze bilden kann, bei und die rasche Ausbreitung der Samen im Fell von Tieren.

Die Pflanze liebt wie alle Störanzeiger stickstoffreiche Böden. Sie wird deshalb Nitrophyt genannt. Im Wald entstehen stickstoffreichen Böden immer dann, wenn Altbäume gefällt werden und Lichtungen entstehen. Der nun unbeschattete Waldboden erwärmt sich durch das Sonnenlicht und die Humus abbauenden Prozesse beschleunigen sich, sodass mehr Nitrat und Ammoniak gebildet werden (siehe Zersetzung als Aufgabe der Bodenlebewesen).

 

Brombeere

Die Brombeere überwuchert überall den Waldboden – ähnlich einem Algenteppich im Aquarium. An vielen Stellen bildet sie ein undurchdringliches, dorniges Gestrüpp, das einen Meter und höher ist. Der Boden ist „verwildert“ und „verkrautet“, sagen Fachleute. Die Brombeere klettert bis zu 3 Meter an Bäumchen und Büschen hoch und erstickt sie. Nur die schnellwüchsigen Birken entgehen ihrem Würgegriff. In einem ungestörten Buchenwald hat sie im Schatten eines geschlossenen Kronendachs keine Chance: Es mangelt ihr sowohl an Licht als auch an Stickstoff.

 

Schwarzer Holunder

Der Holunder wächst nicht nur an den Wegrändern, sondern breitet sich entlang der 3 Rückegassen in den Bestand aus und erobert die freigeschlagenen Flächen. Auch er ist ein typischer Stickstoffzeiger.

 

Nach oben

Zerstörung des Buchenwalds

Im Buchenwald am Schliehenbankweg bedecken die 4 oben genannten Störzeiger deutlich mehr als 50% des Waldbodens. Hinzu kommen noch große Adlerfarnwiesen und diverse große Gräser, die in einem naturnahen Buchenwald ebenfalls nicht vorkommen.

Vergrasung auf Lichtung im Buchenwald

 

Das heißt, der Lebensraum Buchenwald wurde zerstört. Seine Erhaltungszustandsbeurteilung war weder „A“ (hervorragend) noch „B“ (gut). Er war nicht einmal mehr „C“ (mittel bis schlecht). Und zwar bereits vor der aktuellen Einschlagsorgie. Auf dem hochauflösenden Google-Satellitenfoto erkennt man, dass der Wald bereits vor vielen Jahren durchforstet wurde und viele Altbuchen gefällt wurden. Bereits diese Störung hat der Buchenwald nicht verkraftet.

 

Maßnahmen gegen die Zerstörung

Es gibt ein einfaches Rezept gegen Störzeiger: weniger Licht. Notwendige Voraussetzung dazu ist eine Förderung der Naturverjüngung durch Abschuss des Rehwilds.

Die Rehwildbestände sind zu hoch. Untrügliches Zeichen ist nicht nur der überall sichtbare Verbiss an jungen Knospen, sondern auch die Tatsache, dass ich bei helllichten Tag ein Reh aufgescheucht habe, das sich in den Holunderbüschen versteckte. Wenn man bei Tag Rehe im Wald sieht – „und dann gleich so viele“ – , ist das kein Grund zur Freude, sondern ein Alarmsignal (siehe die Aussage einer Wanderin in der WAZ vom 20.2.2011 „Was der Wald verschweigt, erzählt der Förster„).

Bei angepassten Rehwildbeständen würden sich schnellwüchsige Birken und Bergahornbäumchen durch die Brombeeren quälen und diese am Ende ausdunkeln, wie der Fachmann sagt. D. h., sie würden ihnen das Licht ausknipsen. Dann hätten auch die langsam wachsenden, aber schattenverträglichen jungen Buchen eine Chance. Schritt für Schritt würde sich dann der Erhaltungszustand des Buchenwaldes verbessern. Bei einer Bedeckung des Waldbodens unter 50 % wäre die EZB immerhin schon „C“, bei unter 25 % dann „B“ und bei unter 5 % endlich „A“.

Nach oben

Förster Herber kennt Störzeiger nicht

In einem schlichtweg irren Interview mit der Zeitschrift Lebensart aktuell vom 11.10.2012 gibt Herber geradezu eine Gebrauchsanleitung zur Zerstörung eines Buchenwalds (siehe Ein frischer Wind …):

  • Die Strauchschicht war „lange Zeit nur spärlich gesät, denn der Wald war schlicht zu dunkel.“ Es war ein „dunkler Wald mit dichtem Baumbestand“.
  • Durch „die Baumfällung wurde das Kronendach ordentlich gelichtet, und wo mehr Licht ist, kann auch endlich wieder etwas wachsen.“
  • „Seitdem aber mehr Licht auf den Boden trifft, wachsen am Wegesrand neben Gräsern und Farnen unter anderem auch Brombeer-, Himbeer- und Holundersträucher, die vorher nicht genug Sonne zum Überleben vorfanden.“

Gelogen ist, dass nach der „ordentlichen“ Auflichtung die Sträucher nur „am Wegesrand“ wachsen. Herbers „gesunder Mischwald“ ist ein Kunstprodukt. Es ist kein lebensraumtypischer Buchenwald. Besonders bizarr ist, dass Herber, der ständig gegen die natürlichen Prozesse des Waldes ankämpft, am Ende meint: „Wir sollten mehr darauf vertrauen, dass die Natur ihren Weg geht“.

Auf den nächsten Seite zeige ich Ihnen Fotos von den Baumfällungen im März und April 2014.

Nach oben
Zurück zur Einleitung
Nächste Seite: Dokumentation des Einschlags im Frühjahr 2014