WDR-Lokalzeit-Ruhr am 28.3.2014

Medienkritik

Einleitung

Der Bericht hat einige Licht- und viele Schattenseiten und hinterlässt bei mir zwiespältige Gefühle. Ich würdige zunächst die positiven Aspekte, bevor ich die negativen kritisiere und die Grenzen der Berichterstattung in der Lokalzeit aufzeige.

Positives

Ein Erfolg ist es, dass die Lokalzeit überhaupt ein zweites Mal über die Baumfällungen im Brinkmannswald berichtet hat. Selbstverständlich ist das nicht. Denn häufig verschwinden Skandale ebenso schnell aus den Schlagzeilen, wie sie auftauchen. Den Anwohnern ist es gelungen, mit ihrem nimmermüden Protest in Form von Anrufen, Leserbriefen, Protestschreiben und Beschwerden den Skandal wochenlang im Rampenlicht der lokalen Öffentlichkeit zu halten.

Der Redakteur Rainer Kuka hat es auch geschafft, Förster vor die Kamera zu bekommen. Selbstverständlich ist auch das nicht. Denn Briefe der Anwohner werden seit Wochen mit Hinweis auf laufende Strafverfahren nicht mehr beantwortet.1 Wie ernst man die medienwirksamen Proteste bei Wald-und-Holz-NRW nimmt, verdeutlicht, dass Michael Blaschke, der Pressesprecher des Landesbetriebs, Wert darauf gelegt hatte, beim Drehtermin mit dabei zu sein. Der verantwortliche Förster Markus Herber war von vornherein aus der Schusslinie genommen worden und wurde durch seinen Vorgesetzten Reinhart Hassel ersetzt.

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Negatives

Der Bericht dauerte nur drei Minuten und ging unter zwischen nervtötenden Beiträgen über Schäferhündin Nara, einen LKW-Unfall, Lärmschutzwand-Erneuerungen, eine Oldtimer-Show und eine neue Inline-Skater-Strecke. Alles ist gleich wichtig und gleich unwichtig.

Im deutschen Fernsehen fehlt eine eigene Sendung, die ausführlich über Umweltskandale berichtet. Das ist eigentlich überraschend: Eine intakte Umwelt dürfte für die große Mehrheit der Fernsehzuschauer ein hohes Gut sein. Naturfilme erfreuen sich großer Beliebtheit. Und Skandale lassen sich doch auch immer gut verkaufen. Trotzdem gibt es keine Sendung zum Thema. So tauchen Umweltskandale an den sonderbarsten Sendeplätzen auf: Die Kahlschläge im Nationalpark Eifel wurden erst in dem Moment für die Plusminus-Redaktion interessant, als eine Verbindung zu den Klausner-Verträgen hergestellt werden konnte. Und die Buchenabholzungen im Spessart scheinen für Report-Mainz vor allem deswegen ein Skandal zu sein, weil die Buchen nicht an die heimische Sägeindustrie, sondern nach China verkauft werden.2

Im Lokalzeit-Fernsehbeitrag mussten die Interviewten alles in einem kurzen Satz sagen, sodass ein zusammenhängender Gedankengang nicht aufgebaut werden konnten. Für Argumentationen fehlt die Zeit. Wortbeiträge werden rigoros zusammengestrichen. Übrig bleiben plakative Statements. Genau wie in dem Loriot-Sketch, wo CDU-Politiker Müller-Meisenbach 3 Sekunden für den Wahlspruch seiner Partei bekommt.

Mein Hauptanliegen war, dass dieser 160-jährige Buchenwald unter Totalschutz hätte gestellt werden müssen, weil alte Buchenwälder so selten sind in Deutschland. Es hätte überhaupt kein Baum gefällt werden dürfen. Stattdessen scheint es im Beitrag so, als würde ich vor allem die Fällungs- und Rückeschäden beklagen: „Was ihn aber richtig ärgert, sind die Schäden beim Abholzen.“ Das stimmt nicht. Die Fällungen als solche sind das Problem, nicht die damit verbundenen Schäden.

Die im Film gemachten Äußerungen von Reinhart Hassel habe ich bereits kritisiert: Reinhart Hassel verspricht blühende Landschaften. Selbst dem geduldigen Kuka wird es zu bunt, als Hassel die Fällungsschäden mit den faulen Bäumen erklären will: „Also sind die Bäume dumm gefallen!“

Ein Hauptfehler des Beitrags ist, dass das Fernsehen seine ureigenen Stärken nicht ausspielt und nicht auf die Macht der Bilder setzt. Für viel bildmächtiger als die immer wieder gezeigten Holzstapel hätte ich langsame Panoramaschwenks über den verwüsteten Wald gehalten, so wie das in Minute 1.49 ansatzweise geschieht.


Webseite mit dem Panorama-Vollbild

Noch wirksamer wären Szenen gewesen, wo eine alte Buche vor laufender Kamera gefällt wird. Bilder prägen sich ein, Worte sind Schall und Rauch. Nicht umsonst lässt sich Hassel auch vor einem jungen Ahornbäumchen filmen, dessen junge Blätter er in die Hand nimmt. So sehen sich Förster am liebsten: inmitten von Naturverjüngung. Für Pressefotos halten Förster beinahe zärtlich ein junges Bäumchen in seinen Händen. Achten Sie einmal darauf: Sie werden selten ein Pressefoto sehen, wo ein Förster sich an einen dicken Baum lehnt oder diesen gar umarmt. Genauso selten werden Förster zwischen gefällten Bäumen gezeigt. Oder neben einem ihrer Waldarbeiter, der gerade mit der Motorsäge einen Stamm zerteilt.

Redakteur Kuka betonte im Vorfeld immer, dass er einen „fairen“ Beitrag wolle. Dies führt dann – wie im Loriot-Sketch – zwangsläufig dazu, dass der Redakteur sich heraushält, jeder Partei gleich viel Sendezeit eingeräumt und am Ende dem Zuschauer das Urteil überlässt. Wie aber soll der Zuschauer sich eine eigene Meinung bilden mit den wenigen Informationsbruchstücken der Sendung?

Im besten Fall führt ein solcher Sendebeitrag dazu, dass das Interesse des Zuschauers geweckt wird. Vielleicht wird der eine oder andere dann selbständig im Internet nach weiteren Informationen recherchieren. Vielleicht werden einige sich beim nächsten Sonntagsausflug vor Ort einen eigenen Eindruck verschaffen. Im schlimmsten Fall führt eine solche Berichterstattung zu Gleichgültigkeit und Desinteresse: „Die einen sagen so, die anderen so. Wem soll man da schon glauben?“ oder „Die da oben machen ja doch, was sie wollen!“.

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  1. siehe Vorläufige Antwort von Reinhart Hassel vom 21.3.2014 []
  2. siehe Sendung vom 4.2.2014 „Kahlschlag im Buchenwald„ []