Artikel und Leserbriefe in der WAZ

Nistkästen lindern die Folgen des Abholzens

Am 15. April 2014 erschien in der WAZ der Artikel: Nistkästen lindern die Folgen des Abholzens. Autor Tim Schulze gibt unkommentiert wieder, was Markus Kaufmann ihm diktiert. Sie können den Artikel auch als PDF-Dokument herunterladen: Nistkästen.pdf. Alle Fotos auf dieser Seite sind hochauflösend mit 3.600 x 2.400 Pixeln und entstanden am 7. April 2014 im Brinkmannswald.

Erstaunlich genug für die försterfreundliche WAZ ist, dass die Zeitung zum ersten Mal zugibt, dass das „Abholzen“ überhaupt Folgen hat, die es zu „lindern“ gilt: „Viele Baumhöhlen gingen verloren“. Bislang galten die Baumhöhlen in der WAZ als Zeichen für angeblich überalterte Bäume, die ein lebensgefährliches Sicherheitsrisiko für Spaziergänger darstellen. Als Ersatz für die 250 gefällten Altbäume werden nun 30 Nistkästen aufgehängt.

 

Die Aktion ist ein Musterbeispiel für eine ganz bestimmte Verfallsform von Naturschutz. Ich nenne ihn den Nistkästen-Naturschutz und lehne ihn aus 10 Gründen ab:

1.
Der Nistkästen-Naturschutz versteht sich als Reparaturbetrieb. Förster Herber holzt ab, Waldbesitzer Becker kassiert den Gewinn und Markus Kaufmann und Thomas Grimberg kaufen Prothesen und ermuntern obendrein die Leser, selbst welche zu kaufen und aufzuhängen. Die Gewinne werden privatisiert, die ökologischen Folgekosten werden sozialisiert. Eine prima Arbeitsteilung, wie man sie in ähnlicher Form schon von der Bankenkrise kennt.

2.
Der Nistkästen-Naturschutz setzt auf künstliche Lösungen: „Kunsthöhlen“ seien genauso gut wie „Naturhöhlen“.

3.
Der Nistkästen-Naturschutz verharmlost Umweltzerstörungen. Kaufmann und Grimberg tun so, als ob die Nistkästen ein vollwertiger Ersatz für die gefällten Biotopbäume sind. Wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, braucht man auch keine Bäume mehr: ein paar 1,80 Meter hohe Holzpflöcke mit Nistkästen tun es auch. Nistkästen-Naturschutz betreibt Greenwashing: Den Baumfällungen wird ein grünes Mäntelchen umgehangen.

 

4.
Der Nistkästen-Naturschutz kanalisiert das Engagement seiner Anhänger. Viele Menschen lieben den Wald und wollen ihn schützen. Angesichts von Waldzerstörungen fühlen sie sich ohnmächtig und hilflos. In dieser Situation bietet der Nistkästen-Naturschutz Lösungen an: Wenn man schon die Baumfällungen nicht verhindern kann, kann man wenigstens Nistkästen aufhängen. Und wer Nistkästen aufhängt, kommt nicht auf dumme Gedanken wie z. B. Bäume zu besetzen oder frisch gepflanzte Douglasien herauszureißen.

5.
Der Nistkästen-Naturschutz entpolitisiert seine Anhänger. Im Zeitungsartikel z. B. werden weder Förster Markus Herber noch Eigentümer Heinrich Becker als Täter genannt. Baumfällungen erscheinen so unabwendbar wie Naturkatastrophen. Ein Gegenbeispiel ist der politische Naturschutz ist Greenpeace: Greenpeace käme nie auf die Idee, im Spessart, wo die Bayerischen Staatsforsten die alten Buchenwälder kahlschlagen, Nistkästen aufzuhängen.1

6.
Der Nistkästen-Naturschutz missbraucht seine Anhänger. Denn er doktort nur an den Symptomen herum und bekämpft nicht die Ursachen.

 

7.
Der Nistkästen-Naturschutz ist gut gemeint. Leider ist gut gemeint häufig das Gegenteil von gut. Und so muss der Nistkästen-Naturschutz hilflos zusehen, wie bei den Waldvögeln eine negative „Trendwende eingetreten“ ist: „Während sich bis vor einigen Jahren die Zu- und Abnahmen sich etwa die Waage hielten und das Gros der Arten seinen Bestand wenig veränderte“, stehen aktuell „21 abnehmende Arten 13 zunehmenden Arten gegenüber, und nur 20 Arten zeigen seit 1991 keine signifikanten Bestandsveränderungen.“ Martin Flade, einer der bedeutendsten Vogelexperten Deutschlands sieht „diese Entwicklung am ehesten als Folge der intensivierten forstlichen Nutzung“ an.2

8.
Der Nistkästen-Naturschutz betreibt Imagepflege für die Beteiligten. Herr Kaufmann hat ein Problem: Er wurde als Vorsitzender des NABU-Bottrop abgewählt. Einer der Hauptgründe dafür war seine Untätigkeit bei der Zerstörung des Brinkmannswaldes. Der neue Vorsitzende, Dieter Ullrich, zählt zur Protestbewegung der Anwohner. Auch Thomas Grimberg muss sich als Jäger in letzter Zeit viel Kritik gefallen lassen: Im Fernsehen liefen mehrere sehr kritische Dokumentationen über die Jagd in Deutschland, z. B. vom ZDF am 19.1.2014 Jäger in der Falle oder vom MDR am 26.2.2014 Gejagte Jäger. Und Michael Tomic vom NABU Oberhausen hat alle gebeten, den Standort des Habichthorsts nicht öffentlich zu machen: Jäger würden ihn sonst als „Raubzeug“ abschießen.

 

9.
Der Nistkästen-Naturschutz ist das Werk von Dilettanten. Kaufmann ist Landschaftsarchitekt. Von Waldökologie hat er keine Ahnung: Habichte brüten nicht in Höhlen. Dass die Brombeere ein sogenannter Störzeiger im Buchenwald ist, weiß er nicht3 Ebenso wenig kennt er den Unterschied zwischen absoluter und natürlicher Biodiversität (siehe Verwechslung von absoluter mit natürlicher Biodiversität). Typisch ist auch, dass Kaufmann ausgerechnet Kohlmeisen schützen möchte, statt Hohltaube, Kernbeißer, Mittelspecht, Kleinspecht, Zwergschnäpper, Eichelhäher, Fitis, Gartengrasmücke, Waldlaubsänger und Weidenmeise: Die letztgenannten Arten brauchen alle alte und naturnahe Buchenwälder.4

10.
Der Nistkästen-Naturschutz schützt bestenfalls Teile der Natur. Und selbst diese Teile nur halbherzig. Im besten Fall helfen Nistkästen Vögeln und Fledermäusen beim Nestbau. Gegen die Zerstörung des Waldinnenklimas oder den Futtermangel richten sie nichts aus. Ganz ohne Schutz bleiben Totholzkäfer, Flechten, Moose und Pilze. Kein Wunder: Für sie gibt es keine Nistkästen. Bereits im Vorfeld der Abholzung ging es immer nur um Habicht und Waldkauz. Totholzkäfer, Flechten, Moose und Pilze wurden im Brinkmannawald noch nie untersucht.

 

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  1. siehe Greenpeace: Naturerbe Spessart ist in Gefahr []
  2. Martin Flade, Von der Energiewende zum Biodiversitäts-Desaster – Zur Lage des Vogelschutzes in Deutschland, in: Vogelwelt 133, 149-158 (2012), S. 153 []
  3. siehe Störzeiger im Wald []
  4. vergleiche Vögel im Schattiner Zuschlag []