Plünderung nach Plan

„Manchmal fragt man sich, was den Studenten (erg. der Forstwirtschaft) an den Hochschulen beigebracht wird.“
Sebastian Freiherr von Rotenhan (1)

 

Bewertung des Forstbetriebsplans aus Sicht der Forstwirtschaft

Der Bestand hat kaum eine fachgemäße Waldpflege erfahren. Ich kritisiere die folgenden Punkte:

Hohe Umtriebszeit

Unter Umtriebszeit versteht man die „Dauer von der Entstehung eines Bestands bis zu seiner vollständigen Nutzung“ (2). Anders ausgedrückt: Sie gibt das Alter an, in dem der Baum reif für den Hieb ist. In den meisten Forstbetrieben liegt das Umtriebsalter der Buche heutzutage bei 120 – 160 Jahren (3). Die Bayerischen Staatsforsten erlauben sogar den Hieb mit 80 Jahren, sofern der Brusthöhendurchmesser von 65 cm erreicht ist (4). Es besteht Grund zur Eile: Je älter die Buche wird, desto größer wird die Gefahr, dass durch abgebrochene Äste oder Rindenverletzungen Pilze in das Stamminnere eindringen und Fäulnis verursachen. Ab 120 Jahren steigt zudem das Risiko zur Rotkernbildung. Beides entwertet das Stammholz.

Die ersten Buchen des Bottroper Bestands hätten sicherlich bereits im Alter von 130 Jahren in den 50er Jahren geerntet werden können. Aber das Wirtschaftswunder brauchte kein Buchenholz aus Bottrop. Spätestens in den 60er Jahren hätte dann durch vorsichtige Lichtungshiebe die Naturverjüngung eingeleitet werden müssen. Die letzten Buchen hätte der Förster dann Anfang der 80er räumen können. Zum Stichtag des Forstbetriebsplans waren die Buchen bereits seit mindestens 18 Jahren überfällig. Förster Markus Herber hat dann noch einmal 12 Jahre verstreichen lassen.

Geringe Güteklasse

Die Buchenstämme aus dem Bottroper Stadtwald waren schief und krumm. Sie hatten Beulen und Astansätze: Sie waren nicht „astrein“. Sie hatten einen breiten Rotkern und viele hatten Faulstellen, Risse oder Insektenschäden. Das Stammholz hatte nur die Güteklasse D. Das ist die schlechteste Qualität (5). Die Angabe im Bestandesblatt, das Holz hätte die Wertziffer 5, war falsch. Es hatte nicht einmal die Wertziffer 6, was Industrieholzqualität entspräche. Die 190 Jahre alten Buchen wurden weder zu Furnier-, noch zu Parkett-, noch zu Sperr-, noch zu Sägeholz verarbeitet. Auch Spanplatten oder Viskose wurde aus ihnen nicht gemacht. Sie wurden zu Brennholz zerhackt.

Niedrige Holzerlöse

Die zu fällenden Buchen wurden von Förster Markus Herber ausgezeichnet und „auf dem Stock“ an das private Forstunternehmen Siepmann-Forst verkauft. Es hat die Bäume mit eigenen Waldarbeitern motormanuell gefällt und mit eigenen Maschinen gerückt. Für die 478 Festmeter Buchenholz zahlte Siepmann-Forst der Stadt Bottrop 11.900 €. Umgerechnet macht das 24,90 € pro Festmeter. Dies ist erschütternd wenig.

Nach einer Auskunft von Forstamtsleiter Levin bekommt das Forstamt des Göttinger Stadtwalds für sein Buchenholz einen Durchschnittspreis von 110 €. Das Forstamt beschäftigt eigene Waldarbeiter und betreibt einen eigenen Maschinenpark. Deshalb müssen von dem Erlös die Kosten für das motormanuelle Fällen und Rücken abgezogen werden: Sie belaufen sich laut einer Statistik der Bayerischen Staatsforsten pro Festmeter auf 16,90 € (6). Der Gewinn immer noch drei- bis viermal so hoch wie in Bottrop. Göttingen betreibt auch ein phantasievolles Marketing: So wurden z. B. 80 Festmeter Buchenholz trotz Rot- und Spritzkern für 150 € pro Festmeter an die Automobilindustrie geliefert, das daraus Furniere für Armaturenbretter macht. Auch das Forstamt der Stadt Lübeck läßt sich sein Buchenholz sehr teuer bezahlen: durchschnittlich mit 123 € pro Festmeter (7).

Forstbetriebe, die nur minderwertiges Holz produzieren wie die Stadt Bottrop, können nicht profitabel sein: Die Kosten für den Förster, Instandhaltung der Forstwege, Wiederaufforstungen, Wildschutzzäune usw. sind höher als die Erlöse aus dem Holzverkauf. Die Kosten werden verschleiert: So sind die jährlichen Kosten für den Beförsterungsvertrag, den die Forstbetriebsgemeinschaft mit dem Regionalforstamt Ruhrgebiet geschlossen hat, geheim. In dem mir vorliegenden Vertrag sind die Kosten geschwärzt. Privatwaldbesitzer hätten längst Konkurs anmelden müssen. Im Fall von Bottrop subventioniert der Steuerzahler das chronisch hohe Defizit des städtischen Forstbetriebs.

Sebastian Freiherr von Rotenhan hat völlig Recht:

„Laubholzwirtschaft macht nur dann einen Sinn, wenn man von Anfang an die Produktion von Wertholz im Blick hat. C-Buchen … sind unverkäuflich und landen schließlich im Brennholz. Es macht also nicht den geringsten Sinn, krumme, schiefe, Zwiesel oder sonstige „Schrecken“ länger als unbedingt nötig stehen zu lassen. Dabei gibt es keinen Laubholzbestand, in dem nicht einige sehr schöne Exemplare gestanden hätten, die sich bei Entnahme schlechterer Bedränger nicht bestens entwickelt hätten.“ (8)

Hohe Kosten für künstliche Verjüngung

Wenn Buchenexperte Dietrich Mülder recht hat und „das landschaftliche Erscheinungsbild einer geglückten Buchen-Schirmschlagverjüngung .. das Entzücken der Wanderer“ (9) ist, dann bekommen diese im Bottroper Stadtwald Depressionen. Laut Bestandesblatt ist nur auf 0,7 ha von 4,24 ha eine Verjüngung aufgelaufen, gleichwohl der Bestand bereits aufgelichtet wurde. Ob das folgende Zitat von Mülder für Förster Markus Herber gilt, möge der Leser selber entscheiden:

Es ist „Zufall, ob ein junger Förster mit Buchenverjüngungen schon einmal zu tun gehabt hat. Dass er darin gründlich genug ausgebildet werden konnte, um die Aufgabe zu beherrschen, ist heute keineswegs mehr verbürgt.“ (10)

Ursache dafür, dass eine geschlossene vollflächige Verjüngung misslungen ist, ist ein zu hoher Wildbestand. Rehe beißen im Winter die Knospen und Triebe von jungen Buchen ab. Spaziergänger können am helllichten Tag im Bottroper Stadtpark Rehe beobachten. Mir selbst ist ein Reh in diesem Bestand aus einem dichten Holundergebüsch entgegen gesprungen.

Folge ist eine Bodenverwilderung: Gräser und Kräuter wie Brennnesseln, Frauenfarn, Brombeeren und Großes Springkraut ersticken die verbissenen Buchen. Mäuse ringeln die Bäumchen: Sie fressen kreisrund um das Stämmchen die Rinde ab. Der Bestand war schon vor der starken Auflichtung im Frühjahr 2014 „ökologisch völlig außer Kontrolle“ (11). Eine Verjüngung der Buche hätte vielleicht noch mit den folgenden Maßnahmen gelingen können:

  • Mähen von Gräsern und Kräutern
  • „Bodenbearbeitung in einem Mastjahr“
  • „künstliche Beisaat von Bucheckern“
  • „Buchenpflanzung“
  • „Gatterung“

Nach der starken Auflichtung ist der Bestand „für die Buche verloren“ (12). Wie sollen in dem meterhohen Gestrüpp Buchen gepflanzt werden, wie das Bestandesblatt es vorschreibt? Noch dazu ohne Schirm der Altbuchen, der sie vor Frost und Hitze schützt?

Dass bislang kein Versuch unternommen wurde, Buchen zu pflanzen, hat auch einen finanziellen Grund: Künstliche Verjüngung ist sündhaft teuer. Pflanzt man beispielsweise auf einem Hektar 10.000 junge Buchensetzlinge an, so kostet dies inklusive der Pflege in den ersten Jahren (v. a. Unkraut jäten, Gras mähen) 20.000 Euro. Hinzu kommen die Kosten für den Wildschutzzaun von 10 €/m, d. h. 4.000 € pro ha (13). Wenn man profitabel Forstwirtschaft betreiben will, muss man die natürliche Verjüngung nutzen. Dazu muss man die Wildbestände drastisch reduzieren (14).

Falsche Zahlen zum Holzvorrat und Zuwachs

Mit Hilfe der Angaben im Bestandesblatt zu Vorrat und Zuwachs läßt sich der Vorrat pro Hektar im Jahr 2014 berechnen: 309 Efm + 12 x 6,2 Efm = 383,4 Efm. Auf der gesamten Fläche von 4,24 ha standen: 383,4 Efm x 4,24 = 1.626 Efm. Eingeschlagen wurden 2014 478 Efm. Dann müssten folglich 1.148 Efm übrig geblieben sein. Macht 271 Efm pro ha. Rechnet man mit 5 Efm für eine 35 m hohe Buche mit einem BHD von BHD von 65 cm (15), dann müssten dort pro Hektar noch 54 solcher mächtigen Altbuchen stehen. Das ist völlig ausgeschlossen (siehe meine Dokumentation des Einschlags).

Forstoberat i. R. Richard Koch stellt den Forstbetriebsplänen ein vernichtendes Zeugnis aus:

„Vorrat und Zuwachs wurden häufig zu hoch ‚berechnet‘, es wurden eine Periode lang Übervorräte abgebaut, die praktisch nicht vorhanden waren, bei der Neueinrichtung geht der Hiebsatz merklich zurück, dem Waldbesitzer wird erzählt, die Voreinrichtung habe den Vorrat ‚überschätzt‘, nachdem damals argumentiert worden war ‚wir hatten noch nie genauere Zahlen über ihren Wald‘.“ (16)

Meine Vermutung ist, dass nicht ein Drittel des Bestands „teilendgenutzt“ wurde, sondern über die Hälfte.

 

Fußnoten

1: Waldbaulicher Leitfaden für die Förster der BOSCOR, S. 4

2: Dietrich Mülder, Helft unsere Buchenwälder retten!, Stuttgart 1982, S. 132

3: siehe Umtriebszeit: wie lange benötigt ein Baum bis zur Hiebsreife?

4: siehe Grundsätze für die Bewirtschaftung von Buchen- und Buchenmisch­beständen im Bayerischen Staatswald, S. 77

5: siehe Udo Hans Sauter, Stephan Verhoff, Jörg Dehning: Gütesortierung nach der Forst-HKS – eine Option für Deutschland?, AFZ – Der Wald, 14 (2009), S. 758 – 762

6: siehe Grundsätze für die Bewirtschaftung von Buchen – und Buchenmischbeständen im Bayerischen Staatswald, Tab. 4 auf S. 70, Zeile „l6“ für Langholz dicker als 60 cm

7: siehe Wirtschaftlichkeit des Lübecker Forstamts

8: Waldbaulicher Leitfaden für die Förster der BOSCOR, S. 4 f.

9: Dietrich Mülder, Helft unsere Buchenwälder retten!, Siegen 1982, S. 43

10: a. a. O.,  S. 45

11: a.a.O., S. 111

12:ebd.

13: Johannes Kaiser, Der deutsche Wald. Ein Zustandsbericht, Deutschlandradio Kultur, Manuskript der Sendung vom 11. Juli 2013, S. 13

14: siehe Zu hohe Wildbestände

15: siehe Grundsätze für die Bewirtschaftung von Buchen – und Buchenmischbeständen im Bayerischen Staatswald, S. 43

16: Leserbrief im Holzzentralblatt vom 10.1.2014

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