Plünderung nach Plan

„Die Forsteinrichtung hat in den letzten beiden Jahrzehnten für viel Geld mit Betriebsinventuren gearbeitet, bei denen es reiner Zufall wäre, würde außer der
Jahreszahl eine weitere Zahl stimmen.
Forstoberrat i. R. Richard Koch (1)

 

Erklärung des Forstbetriebsplans

 

Einleitung

Der Forstbetriebsplan ist für Laien ein Buch mit sieben Siegeln. Das unten abgebildete sogenannte Bestandesblatt könnte ebenso gut auf Chinesisch geschrieben sein. Es besteht nahezu ausschließlich aus geheimnisvollen Abkürzungen und Zahlen. Eine Erklärung findet sich nirgends. Dies ist gewollt. Forstwirtschaft ist Herrschaftswissen: Auf der einen Seite die allwissenden Förster, auf der anderen Seite die dummen Laien.

Forstbetriebsplan_Bottrop

Auf dieser Seite werde ich die Abkürzungen übersetzen und die Zahlen erklären. Auf den folgenden Seiten werde ich das Bestandesblatt kritisch analysieren.

Erklärung des Bestandesblattes

Bestandesblätter sind die wichtigsten Teile des Forstbetriebswerks. Sie enthalten in Kurzform alle wichtigen Daten zu den Beständen eines Forstamts. Unter einem Bestand versteht man die “kleinste Bewirtschaftungseinheit des Waldes”. Er unterscheidet sich “hinsichtlich Struktur, Alter und Baumarten von angrenzenden Waldflächen” (2). Bei dem geplünderten Wald handelt es sich um den Bestand 1 der Abteilung 2, Unterabteilung W (3).

Im folgenden gehe ich die Spalten der Tabelle von links nach rechts durch:

Die Rotbuchen (siehe Spalte Baumart „RBu“) sind im Jahr 2002 (siehe „Stichtag“ oben rechts über der Tabelle) im Schnitt 178 Jahre alt. Einige sind bis zu 30 Jahre jünger (siehe Spalte „Alter“).

Die Buchen haben die relative Ertragsklasse II,5 (siehe Spalte „EKL“). Die Ertragsklasse ist ein „Maß für den Zuwachs an Holzmasse“ (4) und wird auf „halbe Ertragsklasse genau angegeben“ (5). Die Klassen reichen von I (sehr hoch) bis V (sehr gering). Die Buchen hatten also einen befriedigenden Zuwachs. Die Ertragsklasse wurde mit Hilfe einer Ertragstafel ermittelt. Kennt man den Holzvorrat eines Bestandes und sein Alter kann aus diesen Tafeln die Ertragsklasse ermittelt werden (6).

Der Bestockungsgrad beträgt 0,7 (siehe Spalte „BG“). Er gibt an, wie dicht die Bäume eines Bestands stehen (7). Ein Bestockungsgrad von 1,0 gilt als normal. Liegt der Wert nur bei 0,7, dann ist der Bestand unterbestockt. Er wurde bereits aufgelichtet und es sind „kaum Hiebsmaßnahmen notwendig“ (8).

Der Bestand hat die Wertziffer 5 (siehe Spalte „WZ“). Die Skala der Wertziffern reicht ähnlich wie in der Schule von 1 bis 6 (9). Die Wertziffer „1“ bedeutet „hoher Wertholzanteil“, die Wertziffer „6“ „Industrieholz“. Die Bottroper Buchen im Stadtwald haben also nur eine „fehlerhafte Qualität“. Im Klartext: Sie sind mangelhaft.

Der Bestand hat eine Größe von 4,24 ha (siehe Spalte „Fläche“) und ist zu 100 % mit Rotbuchen (siehe Abkürzung „RBu“ in der Spalte „Baumart“) bestockt.

Der Holzvorrat beträgt 309 Erntefestmeter / ha. Das entspricht umgerechnet 386 Vorratsfestmeter (309 / 0,8 = 386, [10]). Insgesamt wachsen auf den 4,24 ha 1.310 Efm bzw. 1.638 Vfm.

Die Buchen haben trotz ihrer 178 Jahre immer noch einen hohen Zuwachs. Er beträgt pro Jahr 6,2 Erntefestmeter pro ha (siehe Spalte „Zuwachs“). Auf der gesamten Fläche des Bestandes von 4,24 ha beträgt der jährliche Zuwachs 26 Erntefestmeter: 4,24  x 6,2  = 26 Efm (siehe Spalte „Zuwachs i. G.“ = Zuwachs im Ganzen). Rechnet man die Ernte- in Vorratsfestmeter um, kommt man auf 7,8 Vfm Zuwachs pro ha und Jahr bzw 33 Vfm / Bestand und Jahr (6,2 / 0,8 = 7,8).

Die geplante Nutzungsart ist eine Endnutzung (siehe Spalte „Planung“ und Abkürzung „NA“ für Nutzungsart und „E“ für Endnutzung). Die Forstwirtschaft unterscheidet Vor- und Endnutzung. Zu den Vornutzungen gehören die Durchforstungen, bei denen z. B. Zukunftsbäume von Bedrängern freigestellt werden. „Von Durchforstung kann man solange sprechen, wie die Bäume des Bestandes noch eng genug stehen, um die durch die Entnahme von Nachbarn frei werdenden Räume voll ausnutzen zu können. Wenn dies in älteren Beständen schließlich nicht mehr der Fall ist, … befindet man sich im Bereich der Endnutzung“ (11). Genutzt werden sollen 35 %, deshalb spricht das Bestandesblatt von Teilendnutzung (siehe den Abschnitt unter der Tabelle). Je Hektar sollen 119 Efm entnommen werden: Dieser Wert ergibt sich, wenn man zu den 309 Efm/ha im Jahr 2002, fünfmal den jährlichen Zuwachs von 6,2 Efm/ha addiert und davon 35 % nimmt [(309 + 6,2 x 5) x 0,35 = 119]. Der Forsteinrichter ging davon aus, dass die Holzernte im Jahr 2007 stattfinden würde. Multipliziert mit der Gesamtfläche von 4,24 ha ergibt sich eine Holzerntemenge von 505 Efm.

Nur auf 15 % der Bestandsfläche oder 0,7 ha war bislang die Verjüngung erfolgreich. Sie ist im Jahr 2012 6 Jahre alt (siehe die Angaben in der zweiten Tabellenzeile). Unter der Tabelle steht, dass der Verjüngungszieltyp (Abkürzung „VZT“, [12]) die Buche ist. Die Verjüngung soll künstlich erfolgen: 2,5 ha sind mit Heistern zu bepflanzen. Laut Wikipedia versteht man unter Heistern 1,25 bis 2,50 m hohe Laubbäume aus Baumschulen. Höhlenbäume sollen nicht gefällt, sondern erhalten bleiben.

Auf den folgenden Seiten werde ich den Forstbetriebsplan aus zwei Perspektiven betrachten: einmal aus der der Forstwirtschaft und einmal aus der des Naturschutzes.

 

Fußnoten

1: Leserbrief im Holzzentralblatt vom 10.1.2014

2: Gesche Jürgens und Martin Kaiser, Ein neues Wildnisgebiet im Bürgerwald Niedersachsens, Hamburg 2012, S. 38

3: siehe Arbeitsanweisung zur Durchführung der mittelfristigen Betriebsplanung von Wald-und-Holz NRW, Erhebungsmerkmale, S. 1

4: Vortrag von Forstamtsdirektor Theodor Ringeisen auf der Veranstaltung „Privatwalderschließung mit Hilfe der Bodenordnung – Theorie und Praxis“ in der Akademie Ländlicher Raum Rheinland-Pfalz am 22.3.2012

5: Erhebungsmerkmale, S. 18

6: Ein Beispiel einer solchen Ertragstafel finden Sie im Vorlesungsskript von Christoph Klein zur Waldinventur auf S. 2 unten links.

7: Vortrag Ringeisen

8: siehe Forsteinrichtung für den Waldbesitz von Herrn Franz Irgendwer, Kumreut 2008, S. 8

9: siehe Erhebungsmerkmale, S. 18

10: zur Unterscheidung von Ernte- und Vorratsfestmeter siehe mein Lexikon für Fachbegriffe

11: Dietrich Mülder, Helft unsere Buchenwälder retten!, Stuttgart 1982, S. 126

12: siehe Erhebungsmerkmale, S. 18

 

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