Halbwahrheiten über das Heizen mit Holz

Gesche Jürgens und die kriminellen Holzfäller

Das Filmteam begleitet Jürgens auf ihrer Suche nach den billigen Pellets. Es folgt ein Transkript der ersten zwei Minuten des Berichts über ihre Rumänienreise von t = 8 m 50 s bis t = 10 m 45 s:

„In Europa wurden fast alle Urwälder schon vor Jahrhunderten zerstört. In den rumänischen Karpaten finden sich die größten noch verbliebenen Reste des europäischen Urwalds.

[Jürgens:] ‚Was man im Urwald noch toll sehen kann, ist, dass man auf engstem Raum eigentlich den ganzen Kreislauf des Lebens hat; also von vitalen, lebendigen Bäumen wie dieser Buche hier bis hin zu dieser toten Tanne links neben mir und natürlich auch schon wieder die nächste Baumgeneration wie z. B. diese kleine Buche hier. In der Forstwirtschaft ist es so, dass die meisten Bäume weit vor Erreichen ihres natürlichen Lebensalters gefällt werden. Und dann natürlich auch die ganzen Arten, die auf diese zweite Lebenshälfte der Bäume angewiesen sind, die haben dann einfach nichts mehr.‘

Diese letzten Urwälder sind in extremer Gefahr. Nur zum Teil sind sie bereits kartiert und stehen dadurch unter Schutz. Aber selbst wenn sie offiziell geschützt sind, gibt es an vielen Stellen illegalen Kahlschlag.

Der rumänische Greenpeace-Experte führt Greenpeace an einen solchen Ort. Durch die Abholzung ist der Boden erodiert. Mittlerweile sind zwar Büsche nachgewachsen. Bäume finden hier jedoch keinen Halt mehr.

[Valentin Sālāgeanu, Greenpeace-Rumänien:] ‚In diesen entlegenen Gegenden kontrolliert einfach niemand. Die Holzfäller können machen, was sie wollen.‘

Nach Angaben von Greenpeace registrieren selbst die rumänischen Behörden fast 100 illegale Einschläge pro Tag. Nur teilweise und oft schleppend werden diese strafrechtlich verfolgt. Offenbar spielt Bestechlichkeit in der Verwaltung eine große Rolle, obwohl das Land eine Antikorruptionsbehörde besitzt.

[Jürgens:] ‚Deswegen braucht es jetzt ein ganz ganz konsequentes Handeln von der Politik: Hände weg von diesen wenigen verbliebenen intakten Wäldern, die wir hier noch schützen können, die wir in Deutschland nicht mehr schützen können. Denn wir haben sie schon vor vielen Jahrzehnten, Jahrhunderten zerstört. Und jetzt diese Chance ergreifen, tatsächlich dieses europäische Naturerbe dauerhaft zu bewahren.'“

Erinnern wir uns: Der Titel der Reportage lautet „Die Wahrheit über das Heizen mit Holz“. Aber seit mehreren Minuten geht es nun schon über Rumänien. Und die Zuschauerin – nennen wir sie Oma Erna –  Oma Erna dürfte mittlerweile völlig den Faden verloren haben. Internet, Urwälder, Karpaten, Kreislauf, Schutz, Kahlschläge, Böden, Bestechlichkeit, Antikorruptionsbehörde, Naturerbe … Hallo? Irritiert wird Oma Erna sich fragen, worum es hier überhaupt geht und was zum Teufel das Ganze mit ihrem Holzofen zu tun hat.

Vielleicht werden einige engagierte Naturschützer jetzt einwenden: „Ist doch prima! So erfährt Oma Erna wenigstens einmal, dass es in Rumänien wertvolle Urwälder gibt, die durch illegale Abholzungen bedroht sind.“ Gut! Und dann? Oma Erna wird eine „3-Sekunden-Wut“ (Nico Semsrott) bekommen und sagen: „Da müsste man wirklich mal was machen!“1 Nur was? Oma Erna erfährt im Film nicht, was sie persönlich zum Schutz der rumänischen Urwälder beitragen kann. Wie soll Oma Erna die rumänischen Urwälder schützen? Soll sie vielleicht einen Protestbrief an die Antikorruptionsbehörde schreiben?

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  1. Nico Semsrott, Freude ist nur ein Mangel an Information, t = 15 m []