Brief an Dr. Hannes Böttcher

Am 28. März 2018 schreibe ich den folgenden offenen Brief an Dr. Hannes Böttcher, den Leiter der Studie „Waldvision Deutschland“, am Freiburger Öko-Institut:

Dr. Hannes Böttcher
Senior Researcher
Energie & Klimaschutz
Büro Berlin

Klägliches Scheitern des Versuchs, die Modellierung der Studie Waldvision zu verstehen

Sehr geehrter Herr Dr. Böttcher!

Ich bin Mitglied der Bürgerinitiative Waldschutz und betreibe eine Webseite zur Kritik der Forstwirtschaft, auf der ich auch diesen Brief veröffentlichen werde. Ich habe mich sehr über die Veröffentlichung der Ergebnisse der Studie Waldvision gefreut! Das Szenario einer alternativen ökologischen Waldbewirtschaftung mit Namen „Waldvision“ gefiel mir und sicherlich allen Mitgliedern der BBIWS sehr.

Einen ganz erheblichen Dämpfer bekam meine Freude, als ich die Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats für Waldpolitik gelesen habe. Die 13 Professoren werfen Ihrem Modell FABio schwerwiegende Fehler vor. Und jetzt steht Gutachten gegen Gutachten, Aussage gegen Aussage, Lehrstuhl gegen Institut. Oder anders: Es stehen 2 Doktoren gegen 13 Professoren – darunter mit Prof. Dr. Jörg Müller mindestens einer, der in Naturschutzkreisen einen sehr guten Namen hat.

Ich möchte als aktiver Waldschützer Ihre Studie gegen Kritik verteidigen – z. B. in der Diskussion vor Ort mit skeptischen Forstleuten. Das kann ich aber nicht, wenn ich Ihre Modellierung nicht verstehe. Es wird nicht reichen zu sagen „Ich vertraue Dr. Böttcher!“ oder „Ich glaube, dass Dr. Böttcher das richtige Modell hat.“ Mit Vertrauen und Glauben kommen wir nicht weiter: dann vertrauen die Forstleute Prof. Spellmann und ich Dr. Böttcher. Und dann?

Ich gestehe Ihnen zu, dass Sie das Problem vielleicht sogar haben kommen sehen: Sie bemühen sich redlich auf der Webseite der Studie, diese zu erklären und haben eine Reihe guter Schaubilder entwickelt. Leider hören die guten Erklärungen auf, wenn es um FABio geht. Zu einem Herzstück, dem Waldwachstummodell, gibt es nur noch so hermetische Formeln wie:

SIZE1 = d_b1 * ln(DBH) + d_b2 * DBH² + d_b3 * ln(HGT) + d_b4 * HGT²1

Sie könnten ebensogut den Text der chinesischen Nationalhymne zitieren! Und in jedem dieser Hieroglyphen könnte ein Fehler stecken. Vielleicht produzieren Sie nichts anderes als einen gigantischen Berg von Datenmüll. Vielleicht kommen Sie so zu märchenhaften Holzvorräten von 686 m3/ha,2 wo selbst im Buchenurwald von Uholka in der Ukraine nur 587 m3 /ha stehen.3 Ich kann Ihre Berechnungen nicht nachvollziehen. Solche Formeln versteht Ihre Arbeitsgruppe. Das verstehen Informatik-Nerds. Das verstehen die 13 Professoren – und vielleicht nicht einmal alle. Gewiss aber verstehe ich es nicht, obwohl ich Biologie studiert habe. Das ist ein Problem, denn Sie schreiben:

„Diese [„Waldvision“] soll eine Diskussionsgrundlage für die Entwicklung einer zukunftsfähigen und ökologischen Forstwirtschaft in Deutschland darstellen.“4

Mit wem wollen Sie diskutieren? Mit den Mitglieder Ihrer Arbeitsgruppe? Ich jedenfalls kann an der Diskussion nicht teilnehmen, weil ich das Modell nicht verstehe, mit dem Sie zu Ihren Ergebnissen kommen.

Was schlagen Sie vor?

Mit freundlichen Grüßen
gez. Franz-Josef Adrian

  1. FABio-Waldmodell, S. 9 []
  2. Waldvision Deutschland – Beschreibung von Methoden, Annahmen und Ergebnissen, S. 7 []
  3. siehe Brigitte Commarmot, Meinrad Abegg, Urs-Beat Brändli, Martina L. Hobi, Mykola Korol, Adrian Lanz: Main results. In: Commarmot, B.; Brändli, U.-B.; Hamor, F.; Lavnyy V. (Hg.): Inventory of the Largest Primeval Beech Forest in Europe. A Swiss-Ukrainian Scientific Adventure. Birmensdorf, Swiss Federal Research Institute WSL; L’viv, Ukrainian National Forestry University; Rakhiv, Carpathian Biosphere Reserve, 2013, S. 46, Tabelle 6.4 []
  4. Waldvision Deutschland – Beschreibung von Methoden, Annahmen und Ergebnissen, S. 5 []