Mein Fiasko auf dem Westweg im Oktober 2019

Wetter im Herbst

Als ich für den Oktober buchte, war ich völlig sorg- und auch ahnungslos. Ich dachte an einen Goldenen Oktober und an Indian Summer. „Herbstzeit ist Wanderzeit!“ Ich dachte nicht an Kälte, an Regen, an Sturm oder Nebel. Sicherlich kann man auch im Oktober im Schwarzwald bei schlechtem Wetter schöne Tage verleben: im warmen Hotel am offenen Kamin oder in der Sauna oder bei einem Spaziergang mit Regenschirm durch den Kurgarten und danach im Cafe bei einem schönen Stuck Heidelbeerkuchen. Aber man sollte an einem verregneten, kalten und nebligen Tag keine 26 km lange Wanderung mit einem Anstieg von 732 m machen.1siehe Westweg Etappe 1 Nur um danach im Wetterbericht von Dauerregen in den nächsten Tagen zu hören und zu wissen, dass am nächsten Tag wieder 26 km und 511 m Anstieg bevorstehen und am übernächsten 20 km und 1.079 m Anstieg. Usw. usw. etc. pp. Und es herrschte nicht nur Dauerregen, es war auch stürmisch: Wenn der Weg über freies Feld führte, konnte man den Regenschirm kaum festhalten. Und der Regen kam nicht senkrecht von oben, er kam waagrecht von der Seite. Und fast hätte ich es vergessen: Es war auch neblig. Von der angeblich so atemberaubenden Fernsicht blieb nichts übrig – gerade mal das nächste Dorf tauchte aus dem Nebel auf.


Kleidung bei Kälte

Natürlich kann man sich bei Kälte schön warm anziehen, um bspw. einkaufen zu gehen. Schwieriger schon ist es, sich bei Kälte für eine anstrengende Wanderung richtig anzuziehen. Ich jedenfalls konnte es nicht. Schon nach 10 Minuten wurde es mir unter meiner Jacke zu warm und ich begann zu schwitzen. Also zog ich die Jacke aus. Solange ich in Bewegung blieb, ging das gut. Aber sobald ich stehen blieb, fing ich an zu frieren. Und ab und an möchte man ja mal stehen bleiben. Aber stehen bleiben bedeutete frieren. Also jedes Mal Jacke an, Jacke aus. Und jedes Mal: Rucksack ab, Rucksack auf. Schwerer Rucksack. Dabei hatte ich mir moderne Wanderkleidung für teures Geld gekauft. Sehr leicht, schweißaufsaugend und schnell wieder trocknend. Nur so richtig wärmen tut die nicht. Am allerschlimmsten ist kalter Wind! Und den gibt es dummerweise im Schwarzwald im Herbst. Die bauen da nicht umsonst Windräder. Immer wieder führt der Westweg heraus aus dem windgeschützten Wald über Äcker und Wiesen. Und immer dann musste ich die Jacke schnell wieder anziehen, und das Problem ging wieder von vorne los: ohne Jacke ist es zu kalt, mit Jacke zu warm. Es war ein Problem ohne Lösung. Im Sommer ist das alles kein Problem: selbst mit durchgeschwitztem T-Shirt kann man sich einfach auf eine Bank setzen und sich ausruhen. Man friert nicht – im Gegenteil: es ist höchstens zu heiß und man muss in den Schatten. Luxusprobleme!


Frühe Dunkelheit

Hinterher ist man immer schlauer: Natürlich regnet es im Herbst! Natürlich ist es kalt! Und natürlich wird es schon um 18 Uhr dunkel! Aber daran dachte ich nicht, als ich im August die Hotels buchte und es erst um 22 Uhr dunkel wird. 26 km? Das ist doch zu schaffen! Dass es im Herbst zum Problem wird, dafür braucht man keinen Taschenrechner: Wenn ich stramm gehe, schaffe ich knapp 4 km pro Stunde. Und mit einem ähnlichen Wert kalkuliert offensichtlich auch die offizielle Homepage des Westwegs. Bei 26 km ist man also ungefähr 7 Stunden unterwegs.2siehe die Zahlen bei Westweg Etappe 1  Hört sich doch gut an! 9 Uhr losgehen. 16 Uhr ankommen. Aber das Ganze ist eine Milchmädchenrechnung. Es gilt nur, wenn man pausenlos geht. Kein Trödeln! Aber was ist mit Steigungen? Was ist mit Pausen? Wie viel Zeit bleibt für einen Aussichtsturm? Und was, wenn man nicht nur stramm gehen, sondern es etwas ruhiger angehen lassen will? Wenn man wie ich gerne fotografiert immer wieder anhält und nach Motiven Ausschau hält? Dann schafft man vielleicht nur 3 km pro Stunde und dann wird es eng. Ein Fernwanderweg ist schließlich keine Fotosafari!

Das waren nun drei Probleme, die ich persönlich Anfang Oktober 2019 auf dem Westweg hatte. Vielleicht haben andere Wanderer diese Probleme nicht: vielleicht schwitzen sie nicht, vielleicht wandern sie gerne mit Regenschirm und vielleicht haben sie so ein zackiges Tempo drauf, dass sie nie in Zeitnot geraten. Und im Sommer hätte auch ich keines der oben genannten drei Probleme gehabt. Aber andere Probleme wären geblieben. Denn der Westweg macht auch bei schönem Wetter Probleme. Dazu mehr auf der nächsten Seite.

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