Reiseimpressionen aus dem Nationalpark Schwarzwald

Anti-Nationalpark-Plakat an einem Bauernhof nahe Kaltenbrunn im Oktober 2015

Nach einem ersten Versuch im April, der an Sturm, Nebel und Schneegestöber gescheitert war, habe ich im Oktober ein zweites Mal den NLP Schwarzwald besucht. Dieses Mal hatte ich mehr Erfolg. Fünf Tage lang bin ich durch den NLP gewandert. Für ausführliche Fotoreportagen fehlt mir momentan leider die Zeit. Deshalb möchte ich in diesem Beitrag zunächst ganz allgemeine Reiseimpressionen schildern.

Meine Zimmerwirtin

Der baden-württembergische Umweltminister Alexander Bonde stellt eine steile These auf:

„Nach relativ kurzer Zeit erfreue sich der Nationalpark [Schwarzwald] breiter Zustimmung in der unmittelbaren Umgebung wie im ganzen Schwabenland, so Bonde.“1

Ich teile Bondes Zuversicht nicht. Als ich meiner Zimmerwirtin erzähle, dass ich wegen des NLPs in Baiersbronn Urlaub mache, guckt sie mich völlig verständnislos an. Offenbar hört sie so etwas zum ersten Mal. „Sie kommen wegen des Nationalparks hierher? Soso! Warten Sie mal! Ich habe da Informationen zum Nationalpark!“ Und dann drückt sie mir freudestrahlend einen Flyer des Anti-Nationalpark-Vereins „Unser Nordschwarzwald“ in die Hand. Hoppla! Das passiert zwei Jahre nach Gründung des Nationalparks. Sie gibt zu, dass sie nicht soviel vom Wald versteht. „Aber mein Mann, der weiß da mehr drüber!“ Ihr Mann ist Holzrücker bei Forst BW und klärt mich sofort über die Gefahren des Borkenkäfers auf.

Anti-Nationalpark-Schild vor dem Mayr-Melnhof-Karton-Werk in Baiersbronn im Oktober 2015

Man könnte dies als Anekdote abtun, die nicht typisch ist für die Einstellung der Anwohner. Aber ich fürchte, so ist es nicht. Im Straßenbild der anliegenden Dörfer ist der NLP nicht existent. Es ist fast so, als würde man den NLP totschweigen. Auch noch zwei Jahre nach seiner Gründung weist kein einziges Verkehrsschild auf den NLP hin. Hingegen springen einem immer noch Schilder des Anti-Nationalpark-Vereins ins Auge.

 

Motorradfahrer in der Kernzone des NLPs

Der Huzenbacher See gehört zu den Hauptattraktionen des NLPs. Er liegt in dessen Kernzone. Am Sonntag Nachmittag möchte ich dort Ruhe und Waldeinsamkeit genießen. Da fahren zwei Motorradfahrer mit ihren dröhnenden Maschinen bis an den Rand des Sees.

Mit einer fast schon bewundernswürdigen Kaltschnäuzigkeit verstoßen sie gegen § 9 Absatz 2 Satz 14 des NLP-Gesetzes:

Insbesondere ist es nicht gestattet, im Nationalpark […] außerhalb der dem öffentlichen Verkehr gewidmeten Straßen und Wege sowie beschilderten Park- und Rastplätze mit Kraftfahrzeugen im Sinne des § 1 Absatz 2 des Straßenverkehrsgesetzes oder mit sonstigen Fahrzeugen oder Wohnwagen zu fahren oder diese dort abzustellen […]

Eine simple Schranke hätte dieses Rowdytum verhindert. Aber es gibt keine Schranke:  „Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein!“ Eine geradezu vorbildlich ausgebaute Forststraße ohne Schlaglöcher führt hinauf zum See. Sie lädt geradezu zu Ordnungswidrigkeiten nach § 17 NLP-Gesetz ein. Anstelle einer Schranke steht am Eingang zum NLP nur ein Holzschild mit der Aufschrift „Nationalpark Schwarzwald“. Dieses ist so klein und unscheinbar, dass man es leicht übersehen kann. Und selbst, wenn man es sieht, weiß man noch lange nicht, was in einem NLP erlaubt und was verboten ist. Große Hinweisschilder, die den Besucher darüber aufklären und wie sie in anderen NLPs selbstverständlich sind, gibt es im NLP Schwarzwald auch zwei Jahre nach seiner Gründung nicht.

Und selbstverständlich gab es am Huzenbacher See auch keinen Ranger, der nach dem Rechten schaut. Das Umweltministerium macht auf schwäbische Hausfrau und spart Personalkosten. Man könnte dort grillen, campen, baden und auf dem See mit dem Motorboot herumfahren; der Letzte, der es erfahren würde, wäre die NLP-Verwaltung. Nicht nur die Motorradfahrer verstoßen gegen das NLP-Gesetz, auch die NLP-Verwaltung. Denn § 16 schreibt vor:

Die Nationalparkverwaltung bestellt hauptamtliche Kräfte für den Außendienst im Nationalpark (hauptamtlicher Naturschutzdienst). Der hauptamtliche Naturschutzdienst hat im Nationalpark die Aufgabe, […] Zuwiderhandlungen gegen Rechtsvorschriften, die dem Schutz des Nationalparks dienen, insbesondere nach § 9, zu verhüten sowie bei der Verfolgung solcher Zuwiderhandlungen mitzuwirken […]

Ich bin 5 Tage lang 100 km durch den NLP gewandert. Nicht ein einziges Mal ist mir ein Ranger über den Weg gelaufen. Ein NLP, der sich nicht traut, Verbote durchzusetzen, leidet an einem Minderwertigkeitskomplex und wird von der Bevölkerung natürlich auch nicht ernst genommen:

Ich habe im NLP ein einziges Verbotsschild der Verwaltung entdeckt. Es bestand aus einem laminierten Stück Papier an einem Holzpfahl:

Natürlich gab es auch am „ursprünglichen Uferbereich“ des Wildsees keinen einzigen Ranger. Die Ruhe auf dem nächsten Foto täuscht. Schon wenige Minuten später turnte ein Wanderer auf dem umgestürzten Baum herum auf der Suche nach der besten Position für ein Selfie.

 

Nationalpark ohne eigene Wanderwege

Der NLP ist unsichtbar. Er versteckt sich. Selbst in den Höhen ab 800 m, wohin man ihn verbannt hat,2 gibt es keinerlei Hinweise auf seine Existenz. In anderen NLPs richtet die NLP-Verwaltung eigens Wanderparkplätze ein und stellt Informationstafeln auf, die zu verschiedenen markierten Rundwanderwegen einladen und die auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam machen. So gibt es beispielsweise im NLP Kellerwald-Edersee 13 Wanderparkplätze und 20 Rundwanderwege:

Informationstafel über die Ochsenwurzelkopfs- und Hegekopf-Route im NLP Kellerwald-Edersee

Im NLP Schwarzwald fehlt ein solches Wegeangebot der Verwaltung. Es wirkt fast so, als traue sie sich nicht. Vielleicht möchte sie den Anwohnern, die den NLP mehrheitlich abgelehnt haben,3 den Anblick von Schildern des ungeliebten NLPs ersparen. Vielleicht fehlt ihr der Mut, sich mit dem Schwarzwaldverein anzulegen, dessen Schilder zu entfernen und eigene Schilder aufzustellen.

Schilder-Wirrwarr des Schwarzwaldvereins an den Mehlplätzen in der Kernzone des NLPs

Vielleicht hält die Verwaltung eigene Wanderwege auch für überflüssigen Schnickschnack. Sollen sich die Leute doch gefälligst selbst ihre Wanderungen zusammenstellen! Auf diese Idee kann man kommen, liest man die völlig unzureichenden Streckenbeschreibungen der Tourenvorschläge auf der Webseite des NLPs.4 Nur ganze fünf Vorschläge macht die Verwaltung. Mehr scheint der NLP nicht zu bieten zu haben. Und so belässt es die Verwaltung bei drei sogenannten Erlebnispfaden: dem Lothar-, dem Wildnis– und dem Luchspfad. Aber diese gab es auch schon viele Jahre vor dem NLP und der Lotharpfad ist so zertrampelt und mit bis zu 2.500 Personen täglich derart überlaufen, dass man von einem Besuch dringend abraten muss. Auch der eigentlich mit viel Liebe angelegte Wildnispfad ist mittlerweile in die Jahre gekommen. Auf der stark verschmutzten Informationstafel des Forstamts Baden-Baden klebt ein Zettel der NLP-Verwaltung: „Verehrte Besucher! Der Adlerhorst wurde aus Gründen der Verkehrssicherung abgebaut. Derzeit arbeitet die die Nationalparkverwaltung an einem neuen Entwurf.“ Seit Sommer 2014.

Informationstafel zum Wildnispfad mit Zettel der NLP-Verwaltung

Große Gebiete des NLPs sind ohne jede Beschilderung. Das gilt z. B. für den Urberg ganz im Norden des NLPs ebenso wie für den Rappenberg ganz im Süden. Beide gehören zur Kernzone. Da diese von einer Vielzahl von Forststraßen durchzogen wird, ist die Gefahr, sich zu verirren, auch mit Wanderkarte sehr groß. Ganz ärgerlich ist es, dass selbst Hauptattraktionen wie der Bannwald am Großen Ochsenkopf nicht ausgeschildert sind. Den Weg dorthin musste ich mir mithilfe des Internets5 zusammensuchen und ohne GPS-Gerät hätte ich mich vermutlich mehrmals verlaufen.

Vor Besuchern versteckt: der Bannwald am Großen Ochsenkopf

 

Verstoß gegen den Bildungsauftrag

Im NLP Bayerischer Wald waren 1975, nur fünf Jahre nach seiner Gründung, bereits 36 Rundwanderwege eingerichtet worden. Und NLP-Chef Bibelriether gab einen bis heute lesenswerten „Nationalparkführer Bayerischer Wald – mit 36 Wandervorschlägen“ heraus, in dem er für den Laien verständlich erklärte, was auf den Wanderwegen zu sehen war.

Informationstafel im NLP Bayerischer Wald in der Nähe des Lusen

Für Bibelriether war die Bildung der NLP-Besucher nicht nur ein Herzensanliegen, er erfüllte damit auch einen gesetzlichen Auftrag. Alle NLPs dienen nämlich auch der Bildung und Information. So steht im Gesetz für den NLP-Schwarzwald in § 3 (2):

„Im Rahmen des Absatzes 1 und nach Maßgabe der Gebietsgliederung nach § 7 bezweckt der Nationalpark zudem, […] der Bevölkerung das Gebiet zu Bildungs– und Erholungszwecken zu öffnen.“6

Und weiter in § 4 (1):

„Ziel der Bildungsarbeit ist es insbesondere, sachgerecht über Ziele, Aufgaben und Inhalte des Nationalparks zu informieren und dadurch einen Beitrag zur Bildung für nachhaltige Entwicklung zu leisten.“

Scheinbar hält die NLP-Verwaltung Rundwanderwege und Informationstafeln nicht für geeignet, zur Bildung der Besucher beizutragen. Stattdessen baut sie lieber ein Besucherzentrum für 17,5 Millionen €.

  1. Norbert Vollmann, Wo die Motorsäge Pause hat, in: Mainpost vom 12. Oktober 2015, Hervorhebung von mir []
  2. siehe Bonde betreibt Geschichtsklitterung []
  3. siehe Bonde betreibt Geschichtsklitterung []
  4. Der Flyer Unterwegs im Nationalpark verzichtet gleich ganz auf Streckenbeschreibungen. Der Wanderer darf selber suchen, wo der „schmale Pfad zum Gipfel des Hohen Ochsenkopfs“ beginnt. []
  5. z. B. des Tourenplaners von Outdooractive []
  6. Hervorhebung von mir []