Probleme mit Leserbriefen – Teil 2

Es gibt Leserbriefe von Waldschützern, die fangen so an:

„Es ist grotesk, nach einem Holzeinschlag in der Brut- und Setzzeit wieder von einem heruntergerissenen Sperberhorst mit vier verendeten Jungvögeln zu stehen!“

Nein, ist es nicht. Ein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz ist nicht „grotesk“, sondern eine Straftat. Wenn ich vor einem „heruntergerissenen Sperberhorst mit vier verendeten Jungvögeln“ stehe und beweisen kann, dass ein Holzeinschlag verantwortlich ist, schreibe ich keinen Leserbrief, sondern erstatte Anzeige wegen Verstoß gegen §7 Abs. 2 Nr.13-14 BNatSchG. Greifvögel gehören zu den streng geschützten Vogelarten.1

Der Leserbriefschreiber fährt fort:

„Absurd auch deshalb, da seit 15 Jahren diese Probleme der Einschläge in der Brut- und Setzzeit mit dem Forst diskutiert werden.“

Nein, und es ist auch nicht „absurd“, sondern dumm. Denn es ist dumm, offenbar ohne jedes Ergebnis „seit 15 Jahren“ mit dem Förster zu „diskutieren“. Waldschutz ist keine Diskussionsveranstaltung.

„Viele Gesprächstermine konnten keine Lösung erzielen. […] Vereinbarungen bei Gesprächsterminen werden offensichtlich ignoriert.“

Wenn „viele“ Gespräche mit dem Förster ergebnislos enden oder Vereinbarungen nicht eingehalten werden, darf ich als Waldschützer solche Gespräche gar nicht erst führen. Aber es gibt Waldschützer, die sich wichtig fühlen, wenn sie zu Gesprächen eingeladen werden. Einladungen schmeicheln ihrer Eitelkeit; sie fühlen sich aufgewertet und ernst genommen.

Wie in vielen Leserbriefen von Waldschützern wird auch in diesem Leserbrief für den Leser nicht deutlich, was genau dem Förster vorgeworfen wird. Die Vorwürfe bleiben nebulös:

„Es zeigt sich eine unverhältnismäßig starke Holzentnahme, die wichtige Strukturen des Waldes grundlegend ändert. […] Eine Reduzierung der Einschläge ist nicht erkennbar.“

Was ist eine „unverhältnismäßig starke Holzentnahme“? Es fehlen konkrete und belastbare Zahlen. Was sind „wichtige Strukturen des Waldes“, die „grundlegend“ geändert werden? Was wäre eine akzeptable „Reduzierung der Einschläge“? Wann wäre sie „erkennbar“? Für wen schreibt der Autor überhaupt? Für seine Waldschutzfreunde, die ohnehin wissen, worum es geht? Ein Laie wird aus dem Vorwurf überhaupt nicht schlau und auch ein forstwirtschaftlich vorgebildeter Leser wird ratlos die Stirn runzeln.

Genauso wenig versteht ein Laie die ständigen Hinweise auf irgendwelche sonderbaren Schutzvorschriften, an die sich die Förster angeblich nicht halten. Hingewiesen wird auf:

  • das Reichswaldkonzept,
  • Selbstverpflichtungen der Forstbetriebe,
  • einen Managementplan und
  • Vereinbarungen bei Gesprächsterminen.

Der Laie versteht nur Bahnhof. Was steht in dem Konzept? Was im Plan? Wozu haben sich die Förster selbst verpflichtet? Was wurde vereinbart? Mündlich? Schriftlich? Rechtsverbindlich? Woher soll der Leser das wissen?

Über die Hälfte des Leserbriefs kreist um ein einziges Thema: die Brut- und Setzzeit, die beachtet werden soll.

„Brut- und Setzzeit … Brut- und Setzzeit … Brut- und Setzzeit … Brut- und Aufzuchtzeit … Brut- und Aufzuchtzeit … Lassen Sie dem Wald endlich eine Ruhephase! … Eine Einschlagsruhe vom März bis Juni wäre zumindest ein erstes deutliches ökologisches Signal.“

Beim Leser muss sich unweigerlich der Eindruck aufdrängen, dass das größte Problem im Wald der Krach der Motorsägen von März bis Juni ist. Eine Einschlagsruhe von März bis Juni würde z. B. dem Mittelspecht überhaupt nichts nützen: Ihm fehlen nicht Ruhe-, sondern Waldentwicklungsphasen, nämlich die Terminal- und die Zerfallsphase. Gleiches gilt für Grauschnäpper, Gartenbaumläufer und Sumpfmeise.

Die Forderung am Schluss klingt kämpferisch:

„Wir wollen keine maschinengerechte, von Waldstraßen und Rückegassen durchsetzte ernteoptimierte Holzplantage.“

„Wir wollen keine …“ Was aber will der Leserbriefschreiber?

„Es bleibt zu bedenken, dass sich ein Wald ohne Förster nachhaltiger und ökologisch stabiler entwickelt hätte.“

Also Abschaffung der Förster? Nein?

„Zukünftig müssen ökologische und soziale Dimensionen des Waldes unbedingt deutlicher Berücksichtigung finden.“

Wie berücksichtigt man „ökologische und soziale Dimensionen des Waldes“? Wissen Sie das? Verzicht auf Harvester? Rückegassenabstände von 40 m? Rückepferde? Und dann ist alles gut? Nein? Was dann? Der Leser erfährt es nicht.

  1. siehe Der Sperber – NABU NRW []