Über die ökonomische Dummheit von Biologie-Professoren

„Wir alle müssen viel mehr Geld für unsere Lebensmittel ausgeben!“

Spätestens dann, wenn Steidle darüber fabuliert, dass wir alle „viel mehr Geld“ für Lebensmittel ausgeben müssen, wird die ökonomische Ursachenanalyse Steidles nicht nur falsch, sie bekommt auch einen ganz unangenehmen Beigeschmack.

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By Heinrich Böll Stiftung from Berlin, Deutschland – Kathrin Hartmann, Autorin, CC BY-SA 2.0, Link

Denn jetzt gerät Steidle in gefährliche Nähe zu den Lifestyle-Ökos, den LOHAS (= Lifestyle of Health and Sustainability), wie sie Kathrin Hartmann in ihrem Buch Ende der Märchenstunde beschreibt:

„Sie trinken Bionade, schwören auf Wellness und bevölkern die charmant sanierten Altbauwohnungen der Großstädte. Sie sind vermögend, gebildet und vor allem im Besitz des Rezepts, wie man ohne jeden Verzicht die Welt verbessern kann, nämlich durch qualitätsbewussten, so genannten strategischen Konsum. Es soll die Unternehmen dazu bringen, nur noch umwelt- und sozialverträglich zu produzieren.“1

Vielleicht gilt die Kritik von Kathrin Hartmann auch für Professor Steidle:

„Er kann sich besser fühlen als die stumpfe und schlecht angezogene Masse, die sich für einen Flachbildfernseher verschuldet und nur Pommes und Burger in ihren riesigen [..] Tiefkühltruhe hortet […].“2

Vielleicht fühlt sich Prof. Steidle als ein Mitglied der Öko-Avantgarde und moralisch überlegen. Ein sehr wohlhabender Universitätsprofessor mag auf dem Bio-Bauernhof teure Lebensmittel einkaufen können, der Unterschicht fehlt schlicht das Geld dazu. Ich hätte Steidle seine Forderung, dass wir alle viel mehr Geld für Bio ausgeben sollen, sofort verziehen, wenn er im nächsten Satz die spürbare Anhebung des Hartz-IV-Regelsatzes von 416 € und des Mindestlohns von 8,84 € gefordert hätte. Leider fordert das ein Biologie-Professor nie. 

Aber nicht nur die Unterschicht, auch große Teile der Mittelschicht können es sich nicht leisten, nur noch im Bio-Supermarkt einzukaufen. Denn wer „viel mehr Geld“ für Bio-Lebensmittel ausgibt, muss dieses an anderer Stelle einsparen. Das ist ein eisernes Gesetz der Buchhaltung. Und große Teile der Mittelschicht wissen einfach nicht, wo sie noch „viel Geld“ einsparen sollen. Den Fitness- oder Tanzclub streichen? Nicht mehr in Urlaub fahren? Den Schrebergarten aufgeben? Das Auto verkaufen? Über Geld spricht man nicht. Armut versteckt und schämt sich. Niemand im Publikum steht auf und empört sich lautstark: „Herr Professor Steidle! Ich habe kein Geld für Bio-Lebensmittel!“ Vielleicht weil man fürchten muss, dass das Publikum dann erwidert: „Dann verzichte doch auf deinen Flachbildfernseher, du Loser!“

Fast möchte man meinen, Steidle glaube ernsthaft, dass das Insektensterben aufhört, wenn alle Menschen nur noch Bio kaufen. Das erinnert an den berühmten Satz, der – fälschlicherweiseMarie Antoinette zugesprochen wird: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!“ Bei Steidle heißt es jetzt: „Wenn sie kein Insektensterben haben wollen, sollen sie doch Bio essen!“

Aber es kommt noch schlimmer: Nicht einmal die obere Hälfte der Gesellschaft hält sich an Steidle Forderung, „viel mehr Geld“ für Bio-Lebensmittel auszugeben. Der Bio-Markt fristet trotz der vielen Reichen und Schönen seit Jahrzehnten ein armseliges Schattendasein in Deutschland:

  • „In Deutschland gab es 2015 insgesamt 26.855 Bio-Höfe. Das sind 9,7 Prozent aller Landwirtschaftsbetriebe. […]
  • Bio-Produkte machen lediglich 4,8 Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus (2015). […]
  • Bei Fleisch ist der Bio-Anteil noch geringer: 2016 lag er bei Geflügel bei 1,4 Prozent, bei Rotfleisch (Schwein, Rind, Lamm, Schaf und Kalb) bei 1,8 Prozent und bei Fleisch- und Wurstwaren sogar nur bei 1,2 Prozent.“3

Die untere Hälfte der Gesellschaft kann kein Geld für Bio ausgeben, die obere Hälfte will es nicht. Ein Wunder ist es nicht, dass Steidles Forderung bei den Reichen kein Gehör findet. Denn es fehlt ihr jeglicher Nachdruck und jegliche Verbindlichkeit. Forderung wie die von Steidle gibt es wie Sand am Meer:

  • Wir müssen alle viel mehr Geld für fair gehandelte Produkte ausgeben!
  • Wir müssen alle viel mehr Geld für klimaneutrale Produkte ausgeben!
  • Wir müssen alle viel mehr Geld für unsere Gesundheit ausgeben!
  • Wir müssen alle viel mehr Geld für nachhaltigen Urlaub ausgeben!
  • Wir müssen alle viel mehr Geld für unsere private Rentenversicherung ausgeben!
  • Wir müssen alle viel mehr blablabla!

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  1. Kathrin Hartmann, Ende der Märchenstunde, München 22009, Klappentext []
  2. a. a. O., S. 23 []
  3. Foodwatch – Zahlen, Daten, Fakten zur Bio-Branche, Hervorhebungen von F.-J. A. []