Von Winnetou und Robin Hood – der SPIEGEL-Artikel über die BBIWS

Das Desinteresse von Karl

Ich hatte Karl angesprochen, weil ich gesehen hatte, wie er sich die neue Ausgabe des SPIEGEL mit dem besagten Artikel geschnappt und den SPIEGEL auf dem Fahrradergometer gelesen hatte. Ich fragte ihn, ob er den Artikel über die BBIWS gelesen habe und hoffte, mit ihm darüber ins Gespräch zu kommen. Ich war nicht amüsiert:

„Vom SPIEGEL lese ich immer nur einzelne Spalten. Ich blättere ihn mehr so durch und überfliege dies und das. Den Artikel über den Wald? Nein – den habe ich nicht gelesen. Das Thema Wald interessiert mich nicht! Das habe ich abgehakt. In den 80er Jahren habe ich im SPIEGEL viel über das Waldsterben gelesen. Drei Jahre später war das Thema dann vergessen und niemand sprach mehr über das Waldsterben. Nein, nein – mit dem Thema bin ich durch!“

Natürlich ist dieses Desinteresse von Karl ein Desaster für die BBIWS. Aber Karl spricht eine einfache Wahrheit aus: Man liest nur, was einen interessiert. Selbst wenn man sich den SPIEGEL kauft – und das tun am Kiosk, an der Tankstelle oder im Supermarkt nur noch 160.0001 und es werden immer weniger2 – liest man diesen nicht von vorne bis hinten. Wenn man den SPIEGEL denn überhaupt noch liest, dann nur das, was für einen persönlich interessant ist. Und wenn es das nicht ist, blättert man einfach weiter. So wie Karl.

Und es kommt noch schlimmer: Selbst wenn man ein Thema grundsätzlich interessant findet, liest man nur Artikel, die das eigene Weltbild zumindest teilweise bestätigen. Dafür drei Beispiele:

  • Jemand, der sich für Wirtschaft interessiert und neoliberale Wirtschaftspolitik gut findet, wird kein Interview mit Sahra Wagenknecht lesen. Und wenn, dann nur, um sich vor Abscheu zu schütteln.
  • Jemand, der sich für den Klimawandel interessiert, aber die Energiewende für gescheitert hält und Windräder ablehnt, wird Zeitungsartikel über den Schülerstreik [oder E-Autos, den Kohleausstieg, den Hambacher Forst usw.] ignorieren.3
  • Jemand, der Europa interessant findet und gerne in Europa Urlaub macht, aber die EU ablehnt und auch nicht zur Europa-Wahl geht, wird bei einen Zeitungsartikel über die Bewegung „Pulse of Europe“ weiterblättern.4

Und jemand, der sich für den Wald interessiert und auch gern in ihm spazieren geht, Harvester aber ganz normal findet, wird keinen Artikel über eine Aktivistin lesen, die schreiend aus dem Wald läuft, wenn sie die Spuren eines Harvesters sieht.

Nach oben 
Zurück zur Einleitung
Nächste Seite: Kritik von Dörte Hansen

  1. Der SPIEGEL und der Kampf um die Auflage: Ein historisches Kiosk-Tief jagt das nächste – RT-Deutsch vom 14.2.2019 []
  2. siehe Wikipedia – SPIEGEL – Auflage []
  3. zu Kritik an Windrädern und der gescheiterten Energiewende siehe die Webseite Vernunftkraft der Bundesinitiative für vernünftige Energiepolitik []
  4. zur Kritik an „Pulse of Europe“ siehe Andreas Wehr, Angst vor dem Volk, 13. März 2019 []