Motive der Teilnehmer an der Großdemonstration am Hambacher Forst

„Ich treffe wissenschaftliche Wenn-Dann-Aussagen. Wenn jeder mehr als seine 2,7 t CO2 verursacht, werden katastrophale Dürren und Überschwemmungen eintreten.“
Niko Paech1

5. Der GRÜNEN-Wähler

Einleitung

In diesem Kapitel über die Motive der Teilnehmer an der Großdemonstration im Hambacher Forst stelle ich die These auf, dass einige Demonstranten – nennen wir sie die „GRÜNEN-Wähler“ – mit der Teilnahme ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollten. Das Kapitel ist gegliedert in folgende Abschnitte:

Das schlechte Gewissen der GRÜNEN-Wähler

Der GRÜNEN-Wähler steht beispielhaft für einen vergleichsweise gut gebildeten und vergleichsweise umweltbewussten Menschen, der ein Problem hat. Weil er gut gebildet ist, ist er auch gut informiert über die Klimaschädlichkeit vieler Verhaltensweisen. So liest er beispielsweise in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG: Eine Flugreise ist das größte ökologische Verbrechen. Oder er liest in der ZEIT: Tourismus für acht Prozent des Treibhausgasausstoßes verantwortlich. Oder er liest in der FAZ: Touristen heizen dem Klima mächtig ein. Nun hat der gut ausgebildete GRÜNEN-Wähler ein Problem: Er fliegt nämlich mit dem Flugzeug in den Urlaub und bekommt ein schlechtes Gewissen. Er möchte keine „CO2-Schleuder“ sein! Was nun? Niko Paech hat über dieses Problem nachgedacht.

In seinem Vortrag auf dem Schönauer Stromseminar 2017 verweist er auf eine sehr interessante Umfrage, die 2014 im SPIEGEL veröffentlicht wurde: Die Überschrift lautete bezeichnenderweise „Bahn predigen, Business fliegen“. Der Aussage „Es ist gut, dass es sich heute viele Menschen leisten können zu fliegen.“ stimmen nur 48 % der grünen Wähler zu. Über die Hälfte ist der Ansicht, dass es nicht gut ist, wenn viele Menschen fliegen. Der SPIEGEL schreibt:

„Kaum jemand kritisiert die Luftfahrt so heftig wie die Grünen. […] Fliegen und Umweltschutz vertragen sich schlecht. Laut dem Umweltbundesamt gibt es keine klimaschädlichere Art sich fortzubewegen als das Flugzeug. Von Wählern einer Ökopartei wie den Grünen könnte man deshalb erwarten, dass sie den Luftverkehr besonders sparsam nutzen.“

 

Aber das genaue Gegenteil ist der Fall: 49 % der grünen Wähler sind im letzten Jahr geflogen:

Der SPIEGEL schreibt:

„Keine andere der im Bundestag vertretenen Parteien hat mehr Anhänger, die im vergangenen Jahr mindestens einmal geflogen sind. […] Die grüne Flugfreude erklärt sich zumindest teilweise durch die gesellschaftliche Stellung von Grünen-Wählern. Die sind vergleichsweise jung, gut ausgebildet und gut verdienend.“

Paech kommentiert das so:

„Je ausgeprägter das Umweltbewusstsein, desto mehr kognitive Dissonanz [siehe Wikipedia-Artikel über Kognitive Dissonanz] verursacht ein ökologisch ruinöser Lebensstil.“

Die Beruhigung des schlechten Gewissens

Das schlechte Gewissen, dass die Grünen-Wähler zwangsläufig haben, verlangt nach Gewissensberuhigung. Eine Lösung: Man kauft „grüne“ Produkte, die das schlechte Gewissen beruhigen. Paech spricht von „Ausgleichssymbolen“, „moralischer“ oder auch „symbolischer Kompensation“: Man wechselt zu einem Ökostrom-Anbieter, kauft im Bio-Laden ein, bewohnt ein Passivhaus, kauft faire Öko-Kleidung, installiert eine Solaranlage auf dem Dach, kauft ein Elektro-Auto, trinkt Bionade.

„Nachdem ich mir ein Elektromobil gekauft habe und nur Ökostrom verbrauche, wird an meinem Indienurlaub ja wohl nichts auszusetzen sein …“2

Der SPIEGEL in einem Artikel über Atmosfair & Co.:

„Fernreise gebucht, Klima geschädigt: Bei umweltbewussten Verbrauchern fliegt das schlechte Gewissen stets mit. Also kompensieren sie ihre Emissionen.“

Paech spricht von „ökologischem Ablasshandel“. Gnade gegen Geld.3 Sündenstrafen werden durch Geld erlassen:

„Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“4

Paech nennt ein zweites Mittel zur Gewissensberuhigung:

„Nun beschränkt sich die Logik des moralischen Kompensationsgeschäftes keineswegs auf Marktgüter, sondern umfasst symbolische Handlungen jeglicher Art. Auch der demonstrativ in Sack und Asche daherkommende Subsistenzaktivist [siehe Wikipedia-Artikel über Subsistenz] aus der Berliner Alternativszene muss davon nicht ausgenommen sein: Heute im heimischen Community Garden buddeln, übermorgen in einem New Yorker Jazz-Club die Beine ausstrecken, danach wieder Berlin – nichts ist unmöglich im globalen Dorf.“5

Auch das erinnert an die katholische Kirche und das Mittelalter: Es gab nicht nur den käuflichen Ablass, um seine Sündenstrafen zu tilgen, sondern auch die tätige Reue oder Buße: „das Erfüllen eines Werkes der Wiedergutmachung, das in Gebet, Almosen, Dienst am Nächsten, oder freiwilligem Verzicht bestehen kann“.6 Heute besteht die Wiedergutmachung nicht in Gebet, Almosen oder Dienst am Nächsten, sondern eben z. B. in der Arbeit im Gemeinschaftsgarten:

„Ich fahre zwar einen SUV und bewohne ein viel zu großes Haus, aber dafür bin ich Mitglied einer Bürgerenergiegenossenschaft, trinke nur ökofairen Kaffee und verbringe jeden Dienstagabend im Gemeinschaftsgarten.“7

Es kann aber auch die tätige Mithilfe eines Lehrers bei Planung und Durchführung einer Projektwoche zum Klimaschutz sein oder der Einsatz für Recycling-Papier in der Schule. Vielleicht fährt der Lehrer sogar täglich und bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zur Schule: „Vorbildlich, Herr Kollege! Respekt! Sie sind aber ein konsequenter Klimaschützer!“ Vielleicht! Vielleicht dient das Fahrrad aber auch als Mittel der Selbstkasteiung. Denn vielleicht war der Kollege im Sommer auf dem Machu Picchu in Peru, einem „Höhepunkt für Studienreisende“8 und „einer der größten Tourismus-Attraktionen in Südamerika“.9.

Demonstrationsteilnahme als Kompensation

Was hat das Ganze nun mit der Teilnahme an der Großdemonstration am Hambacher Forst zu tun? Unter den Teilnehmern waren viele Wähler der GRÜNEN. Viele von ihnen haben ein schlechtes Gewissen: Sie wissen oder ahnen, dass sie menschliche „CO2-Schleudern“ sind und viele „ökologische Verbrechen“ begehen. Es gibt viele Gründe für ein schlechtes Gewissen. Das muss gar nicht zwangsläufig die Flugreise sein. So konnten die GRÜNEN-Wähler im SPIEGEL-Artikel Schädlinge ohne Auspuff folgendes über Elektro-Autos lesen:

„Pro Kilowattstunde […] entsteht bei der Produktion der Batteriezellen derzeit eine Klimagasemission, die bis zu 200 kg Kohlendioxid entspricht. E-Mobile nach dem Tesla-Vorbild speichern bis zu 100 Kilowattstunden.“10

Bei der Produktion einer Batterie werden also 20 t CO2 freigesetzt. Die Batterie des Renault ZOE hat 41 kWh; macht 8,2 t CO2. Jedem Erdenbewohner stehen aber nur 2,5 t zur Verfügung. Pro Jahr!11 Ooops! Wieder ein Grund mehr, ein schlechtes Gewissen zu haben! Vielleicht diente die Teilnahme an der Demonstration also dem Zweck, wieder ein reines Gewissen zu bekommen: „Ich habe gehandelt! Ich war aktiv! Ich habe etwas für den Klimaschutz getan!“

  1. „Sehe ich aus wie ein Hippie?“ – Interview mit Niko Paech, Tagesspiegel vom 25.11.2014 []
  2. Niko Paech, Mythos Energiewende: Der geplatzte Traum vom grünen Wachstum; in: Etscheit, G. (Hrsg.): Geopferte Landschaften – Wie die Energiewende unsere Umwelt zerstört, Heyne, München, 2016, S. 205-228.] []
  3. siehe Die Kapitalisierung des Seelenheils []
  4. Johann Tetzel []
  5. Niko Paech Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, München 92016, S. 98 f., Hervorhebungen von F.-J. A. []
  6. siehe Wikipedia-Artikel über Buße in der katholischen Kirche []
  7. Niko Paech, Mythos Energiewende: Der geplatzte Traum vom grünen Wachstum; in: Etscheit, G. (Hrsg.): Geopferte Landschaften – Wie die Energiewende unsere Umwelt zerstört, München, 2016, S. 205-228. []
  8. siehe z. B. Studiosus-Reise Südamerika []
  9. siehe Wikipedia-Artikel Maccu-Picchu – Tourismus []
  10. DER SPIEGEL 42, 13.10.2018, S. 114 []
  11. siehe Der Klimakiller []