Der Hambacher Forst als grünes Deckmäntelchen

„Das ist ja der Choral des Niederrheiners: Wat willze machen.“
Hans-Dieter Hüsch1

Requiem für ein Maiglöckchen

Bei meinen Recherchen zum Hambacher Forst stoße ich zufällig auf ein Dokument, bei dem es mir die Sprache verschlägt. Es ist ein Aufsatz von Wilhelm Breuer über den Hambacher Forst mit dem Titel Requiem für ein Maiglöckchen. Erschienen ist der Aufsatz in der Zeitschrift Nationalpark im Jahr 2011. Nach dem Medienhype um den Hambacher Forst im September 2018 und der Großdemonstration am 6.10.2018 kann man gar nicht glauben, dass Breuning tatsächlich über den Hambacher Forst berichtet und dass das, was er beschreibt, nur sieben Jahre her ist. Es folgen Auszüge:2

Requiem [= Totenmesse] für ein Maiglöckchen

Der Wald, dessen hier post mortem [= nach dem Tod] gedacht werden soll, hat öffentlich kaum von sich reden gemacht. Lokal schon, aber in den überregionalen Zeitungen und im Fernsehen nur, als sein Ende beschlossen war und dann nie mehr. Das war 1978. Seitdem stirbt dieser Wald Stück um Stück, unbemerkt und unbetrauert. […]

Die Menschen in diesem Landstrich finden sich gewöhnlich mit dem Lauf der Dinge ab, zumal mit Entscheidungen von oben. Ein Übermaß an Gleichmut und der rheinische Karneval ersetzen den Widerspruch. […] Es bleibt ein unerklärtes soziologisches Phänomen, dass die Aufmerksamkeit für den späten Niedergang dieses Waldes nie die Grenze der Region übersprang.

Mit dem Eintritt der Grünen in die nordrhein-westfälische Landesregierung 1995 kam für einen Augenblick die Hoffnung auf, die Jahre zuvor festgelegten Abbaugrenzen könnten zugunsten des Waldes zurückgenommen werden. Die Regierung hat nichts erreicht, sollte sie den etwas unternommen haben. […]

Und mit rheinischer Gelassenheit wird es schon gut gehen, weil es doch noch immer gut gegangen ist. […]

Ein anderer mit den Jahren schwindender Rest [des alten Waldes] steht todgeweiht am Rand der Grube. […] Zu seiner Verschonung rührt sich nichts und niemand.“

Breuer schreibt 2011, nicht 1978. Vom Protest des BUND, von Greenpeace, NABU, WWF oder den NaturFreunden, alle fünf Träger der Großdemonstration, kein einziges Wort. Auch nicht von den Buirer für Buir. Keine Sonntagsspaziergänge, keine Baumhäuser: nichts! 2011.

Ken Jebsen sagt in seinem oben schon vorgestellten Aufruf zur Großdemonstration:

„Jetzt gibt es natürlich Menschen […], die sagen: ‚Ich versteh das nicht. RWE […] haben doch ein Planfeststellungsverfahren durchgewunken. Das ging 20-25 Jahre. Wo wart ihr denn da?‘ Das ist so richtig. Nur diejenigen, die heute im Hambacher Forst sind, die waren damals noch gar nicht auf der Welt oder nur zwei oder drei Jahre alt. Und im übrigen: […] Die politische Landschaft, der Zeitgeist hat sich geändert. Wir brauchen Kohle nicht mehr. Wir könnten auf regenerative Energien längst umsteigen.“

Jebsen irrt: Wir reden nicht über 20-25 Jahre. Wir reden über 7 Jahre. Wir könnten auf regenerative Energien umsteigen? Und das wusste man 2011 noch nicht, dem Jahr, in dem Breuer das Requiem für ein Maiglöckchen schrieb?

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  1. siehe Hans-Dieter Hüsch – Gesammelte Wahrheiten []
  2. Hervorhebungen von F.-J. A. []