Der Hambacher Forst als grünes Deckmäntelchen

Oberflächliche Informationen in den Massenmedien

WDR

In einem Interview des WDR mit Michael Zobel, dem „Naturführer und Waldpädagogen“, erfahren wir folgendes über den Hambacher Forst:

  • Der Wald war einmal über 4.000 ha groß. 90 % sind verschwunden.
  • Der Wald ist 12.000 Jahre alt. Prof. Wolfgang Schumacher, Professor für Geobotanik und Naturschutz an der Universität Bonn, schätzt dagegen das Alter auf 4.000 – 5.000 Jahre.1
  • Er wurde immer wirtschaftlich genutzt.
  • Die ältesten Bäume sind maximal 350 Jahre alt.
  • Es gibt mehrere Baumarten: Stieleichen, Hainbuchen, Fichten und Birken.
  • Am Boden wachsen Maiglöckchen.
  • Zobel behauptet, es sei „der Rest des einzigen Stieleichen-Hainbuchen-Maiglöckchen-Waldes in ganz Europa“. Das ist nachweislich falsch: siehe z. B. Bezirksregierung Köln weist neues Naturschutzgebiet „Nörvenicher Wald“ im Kreis Düren aus. und Probstforst – Naturwaldzelle 54.
  • Im Wald leben über 140 geschützte Tierarten.

Und das war’s. Ich habe in keiner Zeitung und keinem Fernsehbericht mehr Informationen über den Hambacher Forst gefunden. Stattdessen geht es immer nur um Baumhäuser, Blockaden, Umweltaktivisten, Polizei, Braunkohle, Kohleausstieg, Klimaschutz, erneuerbare Energien, RWE, Landesregierung, BUND, Gerichte, Klagen und und und.

Anne Will

Ich schaue mir nie Talkshows an. Nie. Die Talkshow mit Anne Will am 7.10.2018 „Wald oder Kohle – Streit um den Hambacher Forst“ war eine Ausnahme. Bezeichnenderweise war nicht ein einziger Professor oder sonstiger Experte für Biologie oder Botanik oder Ökologie oder Waldbau oder Naturschutz eingeladen, nicht einmal ein Vertreter vom BUND. Und schon gar nicht ein Experte von der Naturwaldakademie wie z. B. Dr. Torsten Welle oder Knut Sturm. Es ging auch gar nicht um den Hambacher Forst. Es ging um Braunkohle, Energiewende, Klimaschutz, Kohleausstieg, Arbeitsplätze und Stromtrassen. Über den Hambacher Forst erfuhren die Zuschauer folgendes:

„Der Hambacher Forst – ein uralter Wald mit teils 350 Jahre alten Bäumen und seltenen Tierarten wie z. B. der Bechsteinfledermaus. 4.100 ha groß war er einmal. Noch davon übrig: 200 ha.“

Und das war’s!

BUND

In einem 2-DIN-A4-Seiten langen Aufsatz des BUND mit dem Titel Hambacher Wald retten – Bagger stoppen! erfahren wir etwas mehr als bei Zobel:

  • Der Hambacher Forst ist „naturnah“.
  • Er war einmal 4.100 ha groß.
  • Die Restfläche ist 550 ha groß. Bei Anne Will waren es 200 ha.
  • Es handelt sich um „die hochwertigste Eichen-Hainbuchenwald-Fläche innerhalb der atlantischen Region Deutschlands“.
  • „Der Maiglöckchen-Stieleichen-Hainbuchenwald entspricht dem Lebensraumtyp 9160 der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) und müsste deshalb eigentlich streng geschützt sein.“2
  • Bei den „seltenen und europarechtlich geschützten“ Tieren handelt es sich z. B. um Mittelspecht, Springfrosch und Haselmaus.
  • Etwa 100 Vogelarten, etwa 1.400 Käferarten und 10 Fledermausarten gibt es im Forst.
  • Die Bechsteinfledermaus steht auf der Roten Liste NRW als „stark gefährdet“.

Ich halte die Superlative, die immer und immer wieder für den Hambacher Forst bemüht werden, für hochproblematisch – so auch den Superlativ „die hochwertigste Eichen-Hainbuchenwald-Fläche innerhalb der atlantischen Region Deutschlands“. Denn es gibt 131.100 ha naturnahe feuchte reiche Eichenmischwälder in Deutschland.3 Davon sind 3,5 %, also  4.889 ha, älter als 160 und 1,7 %, also 2.229 ha, sogar älter als 240 Jahre. Warum soll der Hambacher Forst der hochwertigste von allen sein? Dazu passt, dass der Klassiker Urwälder – Deutschlands archaische Welten von Georg Sperber und Stephan Thierfelder, der auch sechs herausragende Eichenwälder beschreibt, den Hambacher Forst mit keinem einzigen Wort erwähnt.

Auch die Behauptung des BUND, dass die Ausweisung des Hambacher Forsts als FFH-Gebiet einen „strengen Schutz“ garantieren würde, ist hochproblematisch: Forstwirtschaft ist in FFH-Gebieten ausdrücklich erlaubt. Norbert Panek schreibt resigniert vom „Etikettenschwindel  Natura 2000″ und schreibt:

„In der Praxis sind die meisten größeren FFH-Gebiete […] nicht wirksam geschützt. Die verantwortlichen Forstbehörden können darin unkontrolliert schalten und walten.“4

Peter Wohlleben

Nicht einmal von Peter Wohlleben erfahren wir mehr über den Hambacher Forst. Im Interview mit dem Deutschlandfunk sagt er am 17.9.2018:

„Wir haben in Deutschland weniger als 1 % wirklich alte Wälder. Einer davon ist der Hambacher Forst. […] Es ist wirklich ein sehr, sehr wertvoller alter Wald.“

Auf die Frage, was genau uns biologisch verloren ginge, wenn dieser Wald gerodet würde, weicht Wohlleben bezeichnenderweise aus:

„Das wissen wir gar nicht. Das ist ja das Bizarre. Diese Wälder sind noch gar nicht richtig erforscht. Wir kennen noch nicht einmal alle Arten, die dort leben.“

Aber wenigstens den einen oder anderen seltenen Totholzkäfer aus dem Hambacher Forst oder eine Urwaldrelikt-Art5 hätte er doch nennen können! Der Hambacher Forst soll wegen unbekannter Arten geschützt werden? Wohlleben argumentiert „sehr, sehr“ sonderbar:

„Wir haben mit dem Steigerwald, mit dem Spessart usw. auch noch viele andere alte Wälder, denen es aktuell wirklich böse an den Kragen geht. Aber beim Hambacher Forst […] ist anscheinend das Fass übergelaufen. Also wenn man was für die Wälder tun möchte, dann muss man jetzt gegen Braunkohle aufstehen.“

Warum muss ich gegen Braunkohle aufstehen, wenn ich etwas für den Steigerwald oder Spessart tun möchte? Warum fährt Wohlleben mit seinen Mitarbeitern nicht in den Spessart oder den Steigerwald und macht dort Öffentlichkeitsarbeit? Die Freunde des Spessarts und der Freundeskreis Nationalpark Steigerwald  würden sich sehr freuen! Ansonsten redet Wohlleben über Baumhäuser, Klimawandel, Fukushima, Flüchtlingskrise, Chemnitz, Demokratie und Ehrlichkeit.

Ehrlichkeit … Ich habe ein halbes Dutzend Bücher von Peter Wohlleben gelesen. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass er jemals den Hambacher Forst erwähnt hat. Wenn Sie eine Stelle aus einem Buch kennen, bitte schreiben Sie mir! Ich kann mich auch beim besten Willen nicht daran erinnern, dass Wohlleben jemals zu einer Demonstration aufgefordert hat oder zu einer Demonstration gefahren ist, um gegen die Abholzung oder für den Schutz eines Waldes zu demonstrieren. Ich habe Wohlleben immer gegen Kritik in Schutz genommen,6 aber als eine Bekannte meinte, Wohlleben springe auf einen fahrenden Zug auf, wusste ich nichts zu erwidern.

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  1. siehe „Letzter großer Mischwald“ – Kampf um Hambacher Forst wird auch mit Fake News geführt, KStA vom 21.9.2018 []
  2. Wenn Sie nicht wissen, was ein Lebensraumtyp oder eine FFH-RL ist, grämen Sie sich nicht: Ein Lexikon mit den Erklärungen der wichtigen Fachbegriffen finden Sie hier: Lexikon der Fachbegriffe. []
  3. siehe Besorgniserregende Ergebnisse der Naturwaldakademie zu den Eichenwälder in Deutschland – Teil 2 []
  4. Norbert Panek, Deutschland – deine Buchenwälder – Daten – Fakten – Analysen, Anbaum Verlag, Vöhl-Basdorf, 2016, S. 142; siehe auch z. B. meinen Artikel Teufelsbad über eine abgewiesene Anzeige wegen eines Kahlschlags in einem FFH-Gebiet []
  5. siehe Wie schützt man Urwaldrelikt-Arten? []
  6. siehe Wohlleben gegen Ammer []