Der Hambacher Forst als grünes Deckmäntelchen

Besorgniserregende Ergebnisse der Naturwaldakademie zu den Eichenwälder in Deutschland – Teil 2

Am 25. April 2018 veröffentlicht die Naturwaldakademie den Alternativen Waldzustandsbericht und stellt fest Deutschlands Wäldern geht es schlecht. Wie schlecht es Eichenwäldern wie dem Hambacher Forst geht, erfährt man in Kapitel 3.1.11 (S. 124 – 130) über „Feuchte reiche Eichenmischwälder.“1 Der Bericht enthält zehn wesentliche Ergebnisse:

  • Gäbe es den Menschen nicht, so wären von Natur aus in Deutschland 35.202.137 ha mit Wald bedeckt. Davon wären 3.438.834 ha feuchter reicher Eichenmischwald (FR-Ei).2
  • Aktuell gibt es in Deutschland 10.358.400 ha Wald. Davon sind nur 275.600 ha FR-Ei.3
  • Von den potentiell 3.438.834 ha FR-Ei sind also aktuell nur noch 275.600 ha erhalten. 92 % wurden abgeholzt.

  • Von den 275.600 ha sind 108.400 ha naturferne Bestände, d. h. dort wachsen auch Baumarten, die dort natürlicherweise gar nicht vorkommen würden. Das sind 39,4 % oder mehr als ein Drittel.4
  • 16.100 ha sind bedingt naturnah.5
  • 131.100 ha sind naturnah. Das sind 47,6 % oder nur knapp die Hälfte.6

Quelle: Alternativer Waldzustandsbericht, S. 127

  • In der Jungbestandsphase wachsen fast keine naturnahen Bestände nach; ihr Flächenanteil beträgt nur 2,4 %.7
  • Der Anteil an naturnahen FR-Ei, die älter sind als 160 Jahre, liegt bei nur 3,5 %. FR-Ei, die älter als 240 Jahre und gleichzeitig naturnah sind, machen nur bei 1,7 % der naturnahen Flächen aus.8

Quelle: Alternativer Waldzustandsbericht, S. 129

  • Naturnahe Schutzgebiete mit Bäumen, die älter als 160 Jahre sind und in denen die Holznutzung verboten ist, haben eine Fläche von nur 100 ha; das sind weniger als 0,1 % der aktuellen Fläche des FR-Ei.9
  • 81.400 ha des FR-Ei liegen in FFH-Gebieten. Nur die Hälfte davon, nämlich 42.000 ha, sind naturnah.10

Am Ende kommen die drei Autoren Dr. Torsten Welle, Knut Sturm und Yvonne Bohr zu dem Schluss, dass der Zustand der feuchten reichen Eichenmischwälder schlecht11 ist.

Wichtig ist: Wenn die Studie über die FR-Ei redet, meint sie damit nicht nur den Hambacher Forst, sondern sie redet über alle FR-Ei in Deutschland, also über eine Fläche von 275.600 ha. Und der Verantwortliche für den schlechten Zustand der FR-Ei ist nicht das RWE, sondern die Forstwirtschaft. So gibt Dr. Torsten Welle folgendes Statement12 zu den Ergebnissen ab:

„Trotz anderer Verlautbarungen aus der Forstwirtschaft drängt diese weiterhin naturnahe Waldökosysteme zurück und handelt somit gegen von Deutschland ratifizierte, internationale Naturschutzabkommen.“

Und Knut Sturm sagt:

„Unsere Analysen zeigen eindeutig, dass die Nachhaltigkeitsversprechungen der deutschen Forstwirtschaft in Sachen Naturschutz weitestgehend unerfüllt bleiben.“

Für eines ist die Forstwirtschaft allerdings nicht verantwortlich: Sie ist nicht verantwortlich dafür, dass von den 3.438.834 ha FR-Ei, die in Deutschland wachsen würden, wenn es den Menschen nicht gäbe, 3.163.234 ha (92 %) gerodet wurden. Dafür ist auch nicht der Braunkohletagebau verantwortlich. Dafür verantwortlich ist die Landwirtschaft und der Bau von Städten und Straßen. Ein Überfliegungsbild des Niederrheins zeigt dies überdeutlich – in der Mitte der Hambacher Tagebau:

Nach Veröffentlichung des Alternativen Waldzustandsberichts Ende April 2018 ist nichts passiert.

  • Der BUND hat keine Klage vor einem Gericht erhoben wegen Verletzung internationaler Naturschutzabkommen.
  • Es wurde keine Bürgerinitiative gegründet zum Schutz der Eichenwälder.
  • Keiner der drei Autoren des Alternativen Waldzustandsberichts war Gast in der Talkshow bei Anne-Will.
  • Es gab keinen Tagesschau-Bericht zur Prime-Time über den schlechten Zustand der Eichenwälder.
  • Keine Aktuelle Stunde berichtete über die Veröffentlichung des Alternativen Waldzustandsberichts.
  • Kein Mainstream-Medium berichtete über das Fehlen dicker, alter Bäume in Eichenwäldern: nicht der SPIEGEL, nicht der STERN, nicht die FAZ und auch nicht die SZ.
  • Es gab keine Sonntagsspaziergänge durch Eichenwälder.
  • Es wurden keine Baumhäuser in alten, dicken Bäumen von Eichenwäldern gebaut.
  • Forststraßen und Rückegassen in Eichenwäldern wurden nicht mit Barrikaden blockiert.
  • Und es gab auch keine Großdemonstration für den Schutz von Eichenwäldern.

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  1. Zur Erläuterung: Der Hambacher Forst ist ein Maiglöckchen-Stieleichen-Hainbuchenwald ist. (siehe BUND-Hintergrund:Hambacher Wald retten) Er gehört zum Lebensraumtyp (LRT) 9160 der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-RL). Der alternative Waldzustandsbericht zählt den LRT 9160 zum Feuchten reichen Eichenmischwald (FR-Ei). (s. S. 41) []
  2. S. 125 []
  3. S. 126 []
  4. Abb. 100 a, S. 127 []
  5. ebd. []
  6. ebd. []
  7. S. 130 []
  8. s. S. 127 f. []
  9. Tab. 22, S. 129 []
  10. ebd. []
  11. S. 218 []
  12. Erläuterungen/Waldsteckbriefe/Statements/Handlungsempfehlungen zum Alternativen Waldzustandsbericht 2018, S. 8, Hervorhebungen von F.-J. A. []